Jens Sparschuh

Eins zu Eins

Roman
Cover: Eins zu Eins
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2003
ISBN 9783462032147
Gebunden, 432 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Am Anfang steht der "Fall Wenzel": Der schweigsame Mitarbeiter von andersWandern, einer Berliner Firma für Wanderkarten, ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Olaf Gruber, Ich-Erzähler und Arbeitskollege, erhält den Auftrag, Wenzel aufzuspüren. Mit einigen dürftigen Anhaltspunkten, vor allem einer DDR-Karte des Verschollenen, die die Standorte alter Dorfkirchen verzeichnet, macht er sich auf den Weg. Bald zeigt sich, dass Wenzel einen Plan verfolgt: Er sucht Rethra, das sagenumwobene Heiligtum der Wenden - jenes geheimnisvollen Volkes, das vor tausend Jahren die Mark Brandenburg bevölkerte und dann fast spurlos verschwand. Bei seiner Spürreise ins Innere der Mark verliert Gruber Schritt für Schritt den sicheren Boden unter den Füßen ...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.08.2003

In diesem Roman, erfahren wir, geht es um das mysteriöse Verschwinden eines Ostdeutschen, der für eine alternative Wander-Reiseagentur arbeitet. Ein Kollege des Verschwundenen, ebenfalls Ostdeutscher, macht sich auf seine Suche: "Ossi sucht Ossi in Ossiland." Dies sei der Rahmen des "roadmovie-ähnlichen Plots". Bis dahin ist alles ganz deutlich zu verstehen. Danach geht es auch in der Besprechung reichlich mysteriös zu. Der (im Netz ungenannte) Rezensent erklärt, der Verschwundene sei Gruber und Wenzel sein hinterherwandernder Kollege. Doch mit einem Mal war es Wenzel, der in der Firma Karten hinterlassen hat, die darauf schließen lassen, was er sucht, nämlich das heidnische Heiligtum Rhethra. Tatsache ist, so der Rezensent, dass Wenzel verschollen bleibt - doch welcher war jetzt Wenzel? Am Ende jedenfalls scheint es das Normalste der Welt, dass einer einfach verschwindet, schließlich sind ja auch schon ganze Völker verschwunden. Für den Rezensenten ist Jens Sparschuhs "Eins zu eins" die Geschichte einer "mitteldeutschen Gralssuche, die im Privaten endet" und dadurch "ein überfälliger Kommentar zu den merkwürdigen Gespinsten der Ostidentität, die seit 1990 in den Köpfen des Wendevolkes zwischen Kap Arkona und Zittau zu finden sind", genauso spukend wie die Legende des "Nirgendortes" Rhethra.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Nur in höchsten Tönen lobt Rezensent Thomas E. Schmidt diesen in seinen Augen leicht überdrehten, selbstironischen Roman über die Kolonisierung des Ostens. Mit "bittersüßem Humor" erzähle Jens Sparschuh die Geschichte des Olaf Gruber, der sich in den Nordosten Deutschlands aufmacht, um den zweiten zerstörten Tempel der Wenden zu finden, um den die Geschichtsschreibung die gedeckelten Ossis einmal mehr betrogen hat. Damit ist Sparschuh eine Road-Story gelungen, schwärmt der begeisterte Rezensent, die nicht nur durch die Mark Brandenburg führe, vorbei an den ehemaligen Ferienheimen der Bonzen, an vergammelnden Einkaufscentern, an Baumärkten und stinkenden Imbissen, sondern durch alle Gefühlsaufwallungen und -abstürze der Ostdeutschen: "nagender Selbstzweifel, träge Sentimentalität und alles bejahende Euphorie".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003

"Was für ein großartiger Stoff! Was für eine geschichtsträchtige, sich selbst erzählende Landschaft, dieser Osten" ruft ein hingerissener Rezensent Peter Richter, der schon bald deutlich nach Luft schnappt. Zwar hat ihm die Art, wie Sparschuh in seinem Roman "eher leichtfüßig über die historischen Sumpflandschaften hinwegtänzelt" einiges Lesevergnügen bereitet, jedoch wurde es ihm immer wieder des Guten zuviel. Denn Sparschuh grase die Mark Brandenburg, moniert Richter, wie mit einem Mähdrescher ab, "um auch wirklich jede Pointe", mitzunehmen. Dabei findet der Rezensent die Geschichten, die Sparschuh bei seiner wenig fontanesken Wanderung einsammelt, "traurig wahrscheinlich". Doch durch ein, die Toleranzgrenzen des Rezensenten immer wieder deutlich überschreitendes "Sprachgeschmunzel", steht sich das Buch nach Ansicht Richters selbst im Weg. Und das tut dem Rezensenten unendlich leid. Denn im Grunde findet er es begrüßenswert, dass die deutsche Gegenwartsliteratur endlich auch mal dahin geht, "wo es wehtut": in die Marktcenter ostdeutscher Kleinstädte nämlich.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

Für Kristina Maidt-Zinke verrät der Titel eine Schwäche des Autors: sie kann sich des öfteren des Eindrucks nicht erwehren, der Autor habe seine Beobachtungen, seine Eindrücke "eins zu eins" wiedergegeben. Das prädestiniert ihn mehr zum Archäologen als zum Erzähler, der ja die Kunst des Weglassens oder der Unterscheidung beherrschen sollte, meint sie. Auf der anderen Seite steht dieses "Eins zu eins" auch für Redlichkeit, befindet die Rezensentin gnädig. Sparschuh verspreche keine ästhetischen Höhenflüge, die seinen Roman zum Absturz brächten. Auch in diesem Buch erweist sich Sparschuh in den kritischen Augen der Rezensentin als genauer Beobachter, Sammler, Aufstöberer und Aufbewahrer deutsch-deutscher Befindlichkeiten. Angesiedelt unter dem Dach eines Berliner Wanderkartenverlages entwickele Sparschuh daraus eine pseudo-kriminalistische Geschichte um einen Kartografen alter Schule, der eine Leidenschaft für die Geschichte der Wenden hegte und nun im Osten Deutschlands verschwunden ist. Im Gefolge dieses Plots spieße Sparschuh höchst geistreich Szenen auf, daneben stünden völlig redundante Dialoge und müde Erlebnisberichte sowie ellenlange Zitate aus Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Die guten Stellen aber zeigen, so Maidt-Zinke, dass Sparschuh noch längst nicht "alles auf eine Karte gesetzt" hat.

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