Jan Markert
Wilhelm I.
Vom "Kartätschenprinz" zum Reichsgründer

De Gruyter Oldenbourg Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783111323954
Gebunden, 768 Seiten, 49,95 EUR
ISBN 9783111323954
Gebunden, 768 Seiten, 49,95 EUR
Klappentext
Unter Verwendung des umfangreichen, der Forschung bislang unbekannten archivalischen Nachlasses des ersten Deutschen Kaisers und seiner Umgebung bettet diese Biografie Leben und Zeit Wilhelms I. in einen europäischen Vergleichskontext ein und gibt neue Antworten auf die Fragen, welche politische Rolle er als Thronfolger und Herrscher am Berliner Hof spielte und welchen Einfluss er auf die Entwicklung der Hohenzollernmonarchie zwischen Vormärz und Reichsgründung ausübte. In der Person Wilhelms I. spiegelt sich beispielhaft die ambivalente Multifunktionalität der Monarchie als institutioneller Motor, aber auch als Hemmfaktor der politischen Modernisierung wider. Während des Vormärz trug er in der Rolle des "Kartätschenprinzen" maßgeblich dazu bei, das preußische Königtum in die Krise der Revolutionen von 1848/49 zu stürzen. Doch in den Folgejahren forcierte er die Nationalisierung von Thron und Staat und führte Preußen auf den Weg ins deutsche Kaiserreich. Letztendlich muss Wilhelm I. die politische Direktive der Reichsgründung zugeschrieben werden.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.05.2025
Einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Gründung des Deutschen Reiches und dessen Folgen legt laut Rezensent Konstantin Sakkas Jan Markert vor. Der Historiker hat sich für dieses umfangreiche Buch Sakkas zufolge durch den kompletten Nachlass des Kaisers Wilhelm I. gearbeitet - und legt eine Neubewertung dieser historischen Figur vor, die darauf hinausläuft, dass Wilhelm eine politisch deutlich einflussreichere Figur war, als zumeist angenommen. Markert befasst sich, lesen wir, unter anderem mit der Sozialisierung Wilhelms in der Vormärzzeit, aus der er den Schluss zog, dass es nötig ist, die aufkommende Nationalbewegung von Seiten der Monarchie zu instrumentalisieren, um Liberalisierungstendenzen entgegen zu wirken. Nach der Reichsgründung war dann nicht etwa Bismarck, sondern Wilhelm selbst die treibende Kraft der deutschen Politik, Bismarck war lediglich ein geschickter Zuarbeiter und Gesprächspartner. Warum ist diese Neubewertung wichtig? Es geht nicht nur, meint Sakkas, um eine Neubewertung der Rolle einzelner Personen, vielmehr steht für Markert fest, dass die autoritäre politische Tendenz des Deutschen Reichs nicht auf ökonomische Faktoren oder Klasseninteressen zurückzuführen ist, sondern auf eine monarchistische Intervention. Sakkas enthält sich einer finalen Bewertung dieser These, weist aber darauf hin, dass das Buch wichtige Aufschlüsse liefert hinsichtlich der späteren politischen Entwicklung Deutschlands insbesondere bis ins Jahr 1945. Nicht nur die notorische Obrigkeitshörigkeit vieler Deutscher, sondern auch eine fatale Nähe zu Russland zählt, schließt der Rezensent, zur Erbschaft der Wilhelmschen "Revolution von oben".
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.04.2025
Interessant findet es Rezensent Konstantin Sakkas, wie Jan Markert hier vermeintliche Sicherheiten der Geschichtswissenschaft in Frage stellt. Markert hat laut Sakkas als erster überhaupt die komplette Korrespondenz des Kaisers Wilhelm I. ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass nicht, wie zumeist behauptet, Bismarck, sondern eben Wilhelm I. die bestimmende Figur des Deutschen Reiches nach dessen Gründung im 19. Jahrhundert gewesen war. Mit Markert zeichnet Sakkas nach, wie Wilhelm die nationale Einigungsbewegung, in der zunächst liberale Positionen dominierten, stärker in Richtung rechts und Monarchismus umlenkte, auch die Hinwendung des Kaisers zu Russland war prägend und zwar bis heute. Bismarck war, davon ist Markert laut Sakkas überzeugt, hingegen vor allem ein Helfershelfer, auch wenn er gelegentlich eigene Ideen einbrachte. Sakkas hält sich mit Wertungen zurück, scheint aber grundsätzlich überzeugt zu sein von Markerts Versuch, die Gründung des Deutschen Reiches stärker als ein Projekt der Monarchie zu begreifen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2025
Rezensent Eckart Conze liest die Studie des Historikers Jan Markert als Widerspruch gegen den "Bismarckzentrismus". Markerts biografischer und politikhistorischer Ansatz zielt auf die Dekonstruktion des Reichskanzlers zugunsten Wilhelm I., so Conze. Am enormen Umfang der Arbeit scheint sich Conze nicht zu stören. Die Studie findet er quellensatt und anspruchsvoll. Der Autor setzt nicht nur neue Akzente, sondern versucht, die Sicht auf die Zeit zwischen 1848 und 1866 "grundlegend" zu revidieren, meint der Rezensent. Der Gefahr, statt Bismarck nunmehr Wilhelm auf den Sockel der Geschichte zu heben, entgeht der Autor dabei nicht ganz, so Conze nachdenklich.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.03.2025
Interessiert, aber nicht völlig überzeugt liest Rezensent Olaf Blaschke dieses Buch Jan Markerts, das sich im Verbund mit Veröffentlichungen Susanne Bauers und Frederik Frank Sterkenburghs das Ziel gesetzt hat, das Verhältnis zwischen Kaiser Wilhelm I. und Bismarck historiografisch neu zu justieren - im Sinne einer stärkeren Betonung der politischen Handlungsmacht Wilhelms. Markert konzentriert sich auf die Zeit von Wilhelms Geburt 1797 bis zur Reichsgründung und geht, lernen wir, unter anderem auf Wilhelms Blick auf die 1848er-Revolution ein. Wilhelm weerde als Stratege beschrieben, der die Nationalistische Bewegung für seine Zwecke instrumentalisierte, er räume mit einigen Bismarck-zentrischen Legenden auf und zeige unter anderem, dass Wilhelm, nicht Bismarck, die Entscheidung gefällt hatte, 1866 nicht in Wien einzumarschieren. Insgesamt ist Blaschke beeindruckt davon, wie Markert in seinem allerdings arg umfangreichen Buch bisher wenig beachtete Quellen aufarbeitet. Dennoch geht ihm das Fazit zu weit - die strategische Bedeutung Bismarcks in vielen Sachentscheidungen wird von Markert nicht angemessen erörtert, findet Blaschke, der selbst Historiker ist.
Themengebiete
Kommentieren
