J. M. Coetzee

Sommer des Lebens

Roman
Cover: Sommer des Lebens
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783100108357
Gebunden, 288 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Mit "Sommer des Lebens" gewährt uns J. M. Coetzee überraschend Einblick in seine entscheidenden Lehrjahre als Schriftsteller. Aus Amerika zurückgekehrt, tuscheln die Verwandten hinter seinem Rücken: warum lebt er nur wieder hier in Südafrika bei seinem Vater und betoniert den Hof? Den Kopf voll Büchern und wilden Plänen, eine akademische Karriere, die nicht ins Laufen kommt, eine verheiratete Frau, die von dem rätselhaften Langhaarigen fasziniert ist, eine brasilianische Tänzerin, deren Tochter Nachhilfe braucht, schließlich die Cousine Margot und ein missglückter Ausflug ins Veld, die große offene Steppe, in der die Coetzees schon immer ihr Vieh hüteten. Dabei dreht Coetzee die Erzählperspektive um: nicht er schildert die Geschichte, sondern ein junger Autor, der ihn nie kennengelernt hat, aber nun an seiner Biografie schreibt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.05.2010

Auch dieser Roman Coetzees ist ein "indirektes Porträt" des Autors als junger Mann. Dass dies kein gewöhnlicher Schlüssel(loch)text ist, dafür steht aus Kritikersicht jedoch bereits die Tatsache, dass kaum ein anderer Autor das dynamische Verhältnis von Fiktion und Autobiografie so zum Thema gemacht hat wie Coetzee. Hier nun ziele er mitten ins Herz der Frage, wie man überhaupt von sich selbst erzählen könne. Es handelt sich, so Mangold, um ein Spiel mit der Form: fünf Perspektiven auf einen Menschen werden übereinander gelegt. Auf diese Weise könne Coetzee ebenso exhibitionistisch wie diskret seine Selbstbeschreibung in Szene setzen, findet Mangold. Das größte literarische Verdienst dieses Roman, der auch das Leben in Südafrikas Apartheidgesellschaft zwischen 1971 bis 1979 beschreibt, ist für den Rezensenten jedoch, dass Ethik und Ästhetik in eins fallen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2010

Mit "Sommer meines Lebens" hat Angela Schader einen weiteren Roman von J. M. Coetzee gelesen, der autobiografisch daherkommt und diesen Anspruch zugleich untergräbt. Ein wichtiger Unterschied zu früheren Büchern ist ihr aber ins Auge gesprungen:  Während in "Der Junge" oder "Tagebuch eines schlimmen Jahres" mit fast "masochistischem" Blick auf das Alter Ego geschaut wird, spiegelt sich hier die Person des soeben verstorbenen John M. Coetzees in den Augen von vier Frauen, die den Schriftsteller zu Lebzeiten gekannt haben, erklärt die Rezensentin. Die werden von einem jungen Literaturwissenschaftler interviewt, der die Jahre 1972 bis 1975 biografisch erkunden will und dafür Aufzeichnungen des späteren Literaturnobelpreisträgers auswertet und Gespräche führt, was aber nicht heißt, dass das Urteil über ihn so viel milder ausfällt, wie Schader klarstellt. Dennoch, hier ist mehr "Wärme" zu spüren, zumal sich Teile des Buches auch wie eine "Entschuldigung" gegenüber den in früheren Büchern eher kühl behandelten Geliebten sowie den alternden Vater liest, bei dem der in dieser Zeit als völlig mittellos dargestellte John M. Coetzee unterschlüpft. Als reizvolles und "irritierendes" Spiel mit Fakten und Fiktion scheint die Rezensentin diesen Roman genossen zu haben, der aber mit Sicherheit späteren Biografen keine Hilfe sein wird, wie sie bekräftigt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2010

Richard Kämmerlings beschäftigt sich anlässlich des siebzigsten Geburtstags von J. M. Coetzee sehr eingehend mit dessen jüngstem Roman "Sommer des Lebens" und preist ihn als überaus raffiniertes autobiografisches Spiel. Der südafrikanische Autor lässt darin nämlich in fünf Interviews das Leben eines gewissen John Coetzee während der 70er Jahre von einem jungen Literaturwissenschaftler erforschen. Als dritter Teil einer autobiografischen Trilogie setzt dieser Band in den Jahren nach dem Tod der Mutter 1972 ein, als "John Coetzee" zu seinem hinfälligen Vater zieht und sich, bei ersten schriftstellerischen Erfolgen, in der "amateurhaften" Sanierung eines klammen, verfallenen Hauses engagiert, erklärt der Rezensenten. Wenn die vom Literaturwissenschaftler Interviewten an die mangelnden Liebhaberqualitäten oder die charakterlichen Schwächen des Schriftstellers erinnern, wird der Roman für Kämmerlings nicht nur zur schonungslosen "Selbstabrechnung". Aufs Korn genommen wird der Künstler als "vergeistigter Schwächling", wobei dieses "masochistische" Porträt zugleich eine grandiose Parodie des Intellektuellen darstellt, so der Rezensent hingerissen. Natürlich sei, bei aller biografischen Übereinstimmung, dieser John Coetzee nicht mit dem Autor des Buches gleichzusetzen, stellt Kämmerlings klar. Vielmehr werde hier das Thema der "schriftstellerischen Identität" mit ironischer Raffinesse verhandelt und Leben und Werk auf den Prüfstein gestellt, indem gegen alle Einwände auf das "Gegenglück, den Geist" verwiesen werde, so der Rezensent voller Bewunderung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.02.2010

Judith von Sternburg hat den jüngsten Roman vom heute seinen siebzigsten Geburtstag feiernden J.M. Coetzee gelesen, der dieser Tage unter dem Titel "Sommer des Lebens" auf Deutsch erscheint, und sie bescheinigt ihm großen Reiz und Unterhaltungswert. Ein junger Brite will die Biografie des verstorbenen Schriftstellers John Coetzee mit Schwerpunkt auf den 1970er Jahren schreiben und versucht in Interviews mit fünf Personen, die ihn kannten, an Informationen zu kommen, fasst die Rezensentin zusammen. Dabei äußern sich die Befragten hinsichtlich seiner Qualitäten als Liebhaber wie als Lehrer eher kritisch, was aber zum Vergnügen Sternburgs nicht ins Selbstquälerische, sondern ins Selbstironische führt. Dieser Roman führt vor, wie aus der raffinierten Beschäftigung mit dem Biografischen oder der erfundenen Biografie ein überaus "reizvoller Roman" und überhaupt die "wahrste, kühnste und unterhaltsamste Literatur" hervorgehen, schwärmt die Rezensentin begeistert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.02.2010

Sehr eingenommen zeigt sich Lothar Müller für J. M. Coetzees Roman "Sommer des Lebens", der den Abschlussband seiner autobiografischen Triologie bildet und vor allem um die Jahre 1972 bis 1977 kreist, in denen der Autor von Amerika nach Südafrika zurückkehrte und sein erstes Buch veröffentlichte. Dass Coetzee sich in seinem neuen Roman als frisch verstorben ausgibt und einen jungen Autor ersinnt, der an einer Biografie des Nobelpreisträgers schreibt und dafür zahlreiche Frauen aus dessen Leben interviewt, ändert nach Ansicht des Rezensenten nichts daran, als Leser zu wissen, dass Coetzee stets alle Fäden in der Hand hat. Durch das "Maskenspiel" hindurch entfaltet das Buch für ihn einen starken Sog. Zudem hat er eine Menge über das reale Südafrika der siebziger Jahre erfahren. Vor allem aber sieht Müller in dem Buch eine "grandiose Selbstauskunft des Autors J. M. Coetzee über die Ursprünge seiner Autorschaft".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.02.2010

Auch mit diesem dritten Teil seiner romanhaften Autobiografie hat der südafrikanische Literaturnobelpreisträger tief in die "selbstreflektive Trickkiste" gegriffen, wie Anne Haeming schreibt. Doch obwohl er in diesem Zusammenhang scheinbar sogar seinen eigenen Tod fantasiert hat, ist die Kritikerin nur mäßig zufrieden. Zwar strotzt das Buch aus ihrer Sicht vor "lässiger Selbstironie", mit der sich dieser Autor von sich selbst distanziert und das Bild eines unansehnlichen, emotional unterentwickelten Typen zeichnet. Auch zeigt ihr der Roman erneut, dass J. M. Coetzee zurecht mit Beckett oder Kafka verglichen wird. Trotzdem findet sie das autobiografische Thema langsam ausgereizt.
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