Inka Parei

Was Dunkelheit war

Roman
Cover: Was Dunkelheit war
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783895611063
Gebunden, 208 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

September 1977. Ein alter Mann liegt nach einem Zusammenbruch zu Tode erschöpft in seinem Bett. Im Treppenhaus hat er einen verdächtigen Fremden gesehen. Endlos lange dauert es, bis der Morgen kommt. Die Geräusche der Nacht beunruhigen ihn, sie lösen Bilder, Fragen, Erinnerungen in ihm aus - die Eindrücke des vergangenen Tages und seines vergangenen Lebens. Der alte Mann fragt sich, warum er das Haus geerbt hat, in dem er jetzt wohnt, die Stadt verlassen hat, in der er sein Leben lang zu Hause war - ist er freiwillig hier? Was hat den Fremden hergeführt? Wozu dient die Tür, die der Metzger und der Wirt am Vormittag im Hof gezimmert haben? Seine Beobachtungen der Vorgänge im Haus deuten eine Geschichte an, die mit seiner eigenen Lebensgeschichte, in deren Zentrum seine Kriegsschuld steht, seltsam verflochten zu sein scheint. Der Wunsch, das Rätsel um die Identität des Fremden zu lösen, wird für den alten Mann zu seiner letzten Lebensaufgabe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Katharina Döbler ist sehr angetan von Inka Pareis schmalem Roman aus dem deutschen Herbst 1977, der alles andere sei als seichte Lektüre. In äußerst reduktionistisch gehaltenem Stil entwickle sich aus einem anfangs "privatistischen" Sujet ein Gesellschaftspanorama der siebziger Jahre im "Briefmarkenformat". Erzählt wird auf zwei Ebenen das Leben des Postbeamten a.D., der alt, einsam und krank in einer fremden Stadt eine Hauserbschaft antritt. Das merkwürdige Verhalten der Hausbewohner macht ihm dabei ebenso zu schaffen wie seine quälenden Erinnerungen an den Krieg. Die fragmentarischen Erinnerungen, als "Klammer des Romans", verbinden sich auf mysteriöse Weise mit dem Haus und verlegten die eigentliche Handlung in die Vergangenheit. Den inneren Konflikt einer "schuldbeladenen und verlorenen Seele", aber auch eines "Alltagsmenschen" im Angesicht des Todes, beschreibe Inka Parei sprachlich differenziert, emphatisch und mit Sinn fürs Detail, schwärmt Döbler. Nicht um den epischen Ton gehe es der Autorin, sondern ganz direkt und unspektakulär um "Gerüche, Anblicke, körperliche Empfindungen" einer Person, stellvertretend für das "Befinden und die Gedächtnislücken einer Epoche", diagnostiziert die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2005

Inka Parei, die vor zwei Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt erhielt, schreibt unverwechselbar, meint Ursula März, die hoch erfreut ist, in ihr eine Autorin gefunden zu haben, bei der sich "kein einziger beliebiger Satz" finden lässt, der vom poetologischen Programm der Autorin abweicht. März charakterisiert den Pareischen Stil folgendermaßen: klare, einfache, nüchtern formulierte Sätze, die für sich genommen ausgesprochen harmlos, sachlich, realistisch wirken würden. Als Ganzes genommen jedoch bergen sie ein Geheimnis. Die reale Welt verwandle sich in eine surreale, so dass der Roman - wie schon der vorherige auch - eine dunkle und eine helle Seite besitzen würde. Dieser Hell-Dunkel-Kontrast wiederum gehöre zur Pareischen Motivik, bemerkt März, und verweist auf den Erstling der Autorin, der den Namen "Schattenboxer" trug. Diese Spannung zwischen zwei Polen bezeichnet die Rezensentin als "Poetik des Wachtraums", die auch in "Was Dunkelheit war" wirksam wird. Ein alter Mann liegt im Dunkeln und stirbt - verdrängte Kriegserlebnisse kommen hoch, bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte spukt durch seine Erinnerungen bis hin zur Terroristenhatz im Jahr 1977, dem Jahr, in dem das Buch spielt. Einfach phantastisch, findet März, wie es Inka Parei gelingt, sich in einen Sterbenden einzufühlen und gleichzeitig politisch wie biografisch vermintes Gelände zu durchstreifen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.10.2005

Zwei Dinge nimmt Burkhard Müller der Autorin des Romans "Was Dunkelheit war", Inka Parei, nicht ab. Zum einen findet er nicht überzeugend, dass der Protagonist, ein alter, körperlich und geistig schon halb in der Dunkelheit versunkener Mann, am Ende tatsächlich jener Schuld begegnet, die er dereinst, im Krieg, als Wachtposten in einem Lager für russische Kriegsgefangene, auf sich geladen hat. Der Rezensent hält dieses Zur-Schuld-Kommen für einen Automatismus des herrschenden Literaturbetriebs. Zum zweiten bezweifelt er, dass es wirklich ein Roman sei, was Parei unter solcher Bezeichnung vorlegt. Auch hier sieht er die Zwänge des Marktes am Werk. Verlangte die Gattung des Romans nicht ein Mehr an Handlung? Ein alter Mann erbt ein Haus, zieht dort ein, ist verwirrt, erkennt wieder und erkennt doch nicht so recht wieder - reicht das aus für die Kategorisierung als "Roman"? Ansonsten aber erfreute Müller sich an der Beschreibungslust und -kunst von Parei. Vor der Ruhe und Genauigkeit ihres Schreibens, vor der "Qualität der Stille", zieht er den Hut.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.09.2005

Sehr angetan zeigt sich der Rezensent Jörg Magenau von Inka Pareis zweitem Roman, für dessen Eröffnungskapitel ihr der Ingeborg-Bachmann-Preis 2003 verliehen wurde. Pareis Protagonist, ein alter Mann, hat aus ihm schleierhaften Gründen ein Haus geerbt, ist dorthin umgezogen und versucht, nachdem er in Folge eines Sturzes ans Bett gefesselt ist, Licht in das Dunkel seiner Erinnerungen zu bringen. Auf "kluge, unaufdringliche" Weise gelinge es Parei, im Bewusstsein des alten Mannes die Schuld der Vergangneheit mit der gegenwärtigen Gewalt der RAF zu vermengen, "jedoch ohne dass er diesen Zusammenhang begreifen könnte". Sehr gefallen hat dem Rezensenten die "äußerste Präzision" und die Selbstdisziplin, die Parei als Erzählerin übt. Sie lasse sich viel Zeit und ziehe die Beobachtung der Einmischung oder der Reflexion vor. Erstaunlich findet der Rezensent, mit welcher Souveränität sich Parei in der von ihr als "Zwischenland" bezeichneten Bewusstseinsregion bewegt, "irgendwo zwischen Todesnähe und Traum": Je undeutlicher die gegenwärtigen Ereignisse für den alten Mann werden, desto "plastischer" werden einzelne Bilder aus der zunächst unzugänglichen Vergangenheit, so plastisch, "als könnte man sich in ihnen bewegen". Pareis starke Metaphorik wirke jedoch niemals gesucht, weil sie die Dinge selbst, die den Mann umgebenden Gegenstände, zu Metaphern werden lasse. Letztlich, so das sehr wohlwollende Fazit des Rezensenten, werde das ganze Haus zum unaufdringlichen und unpathetisches Sinnbild des Daseins.
Mehr Bücher aus dem Themengebiet