Hinter vielen vertrauten Erzählungen und Sagen, die von der Gründung einer Nation oder gewaltigen Schlachten handeln, verbirgt sich, so die These Hyam Maccobys, die schreckliche und grauenerregende Wirklichkeit eines damals gebrachten Menschenopfers. Maccoby untersucht die religiösen Bräuche und Mythen, die Ursprünge der christlichen Kirche und das Phänomen des Antisemitismus als Ganzes bis in die heutige Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2000
Nein, Wolfgang Sofsky überzeugt das Buch nicht. Mit Maccobys Figur des "Heiligen Henkers" kann er nichts anfangen. In vorchristlichen Zeiten soll der "Heilige Henker" nach Maccoby im Auftrag der Gemeinschaft den Göttern die "Menschenopfer" gebracht haben. Danach wurde er aus Scham in die Wüste verbannt. Verachtet, aber gleichzeitig gefürchtet, denn er steht unter dem Schutz des Gottes, dem er geopfert hat. Sofsky hält diese mystische Figur für eine Ausgeburt der "Phantasie des Interpreten", Beweise, dass der Henker tatsächlich in der Ideenwelt der Israeliten, Griechen oder Germanen existiert hat, gebe es nicht. Auch die "Trennlinie", die Maccoby zwischen Christentum und Judentum zieht, sieht Sofsky kritisch: Während die jüdische Religion mit ihrem Verzicht auf das Menschenopfer - Isaac opfert einen Widder statt seinen Sohn - einen "schier uneinholbaren moralischen Vorsprung" gewinnt, sieht Sofsky das Christentum zu den Barbaren in die Ecke gestellt. Nach Maccoby nämlich haben die Christen mit der Kreuzigung Jesu das blutige Ritual wieder aufgegriffen, anschließend aber, aus Scham, den Juden den Schwarzen Peter zugeschoben. "Der heilige Henker" habe fortan in der Gestalt des "Ewigen Juden" überlebt. Diese kontinuierliche Geschichte des Antijudaismus, von der Kreuzigung bis zum Nationalsozialismus, ist Sofsky einfach zu simpel gedacht. Dass es eine ewige "böse Idee" gebe, mit der sich die Geschichte erklären lasse, gehört ins Reich der Mythen, meint er.
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