Hubert Fichte

Die zweite Schuld

Glossen. Die Geschichte der Empfindlichkeit
Cover: Die zweite Schuld
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783100207517
Gebunden, 368 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

In 'Die Zweite Schuld' erstellt Fichte mit einer Mischung aus Tagebuchskizzen und Interviews ein Porträt des 1963 gerade gegründeten 'Literarischen Colloquiums Berlin', in dem arrivierte Schriftsteller mit jungen Autoren zum Werkstattgespräch zusammenkamen. Das LCB war weit mehr als ein erstes deutsches Literaturhaus. Hier traf sich die Creme de la Creme der internationalen Literaturszenen und rüttelte das selbstverliebte Wirtschaftswunder-Deutschland wach. Aber nicht die Institutsgeschichte steht für Fichte im Vordergrund, sondern die Menschen, die diese Institution mit Leben füllen. Durch seine Schilderungen der Machtverhältnisse, der menschlichen Verstrickungen und intimen Wünsche wirft Fichte einen Blick hinter die Fassade der Literaturgeschichte und bahnt sich Wege zu seiner eigenen Identität als Schriftsteller.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2006

Verhalten begeistert zeigt sich Cord Riechelmann über Hubert Fichtes "Geschichte der Empfindlichkeit". Wie Kafka sieht er Fichte im Spannungsfeld zwischen Ich und Welt in der Alltagssprache agieren und dabei an Wissenschaft und Religion entlang schrammen. Beklemmend findet Riechelmann, wie der Band über den reinen Materialismus der Welt hinaus oft Gründe für Fichtes In-die-Welt-Fliehen angibt. Namentlich Fichtes "nie feuchte" Homosexualität fällt Riechelmann da ein. Die Befassung mit der literarischen Szene West-Berlins zwischen 1963 und 1965 gibt für Riechelmann den Hintergrund ab, vor dem Fichte seine Sprach- und Religionskritik betreibt und sein eigenes Schreiben irritierend und schön zwischen Magie und Naturwissenschaft entwickelt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2006

Helmut Böttiger sagt "wow!" Erst scheint es gar nicht so sicher, ob ihm dieser letzte Band von Hubert Fichtes postum veröffentlichter mächtiger "Geschichte der Empfindlichkeit" überhaupt gefallen hat. Schließlich erkennt er in in der "zweiten Schuld" zunächst eine "bloße Materialsammlung", herausgeberisch ungepflegt sozusagen, und die im Untertitel angekündigten Glossen sucht Böttiger auch vergebens. Bei Fichte ist eben alles anders. Doch nicht schlechter. Böttiger wühlt sich durch die fragmentarischen Tonbandprotokolle und Interviews und entdeckt schließlich nicht nur "Ansätze zu einer Selbstvergewisserung", sondern auch "unschätzbare Einblicke" in die Frühzeit des deutschen Literaturzirkus. Direkt und subjektiv geht das vonstatten und enthüllt - Böttiger traut seinen Augen kaum - einen frühen Generationenkonflikt zwischen Fichte und Grass. Das große Interview mit Walter Höllerer ist für Böttiger nichts weniger als "eine Sensation", ein Vademekum über Kunst und Moral. Das Buch als Ganzes erscheint ihm dann auch als "außergewöhnliches" historisches Dokument und erstrangige Quelle.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.03.2006

Thomas Sparr widmet dem Abschlussband des 19-bändigen Zyklus "Die Geschichte der Empfindlichkeit" des 1986 gestorbenen Schriftstellers fast eine ganze Seite. "Die zweite Schuld" war testamentarisch von Fichte bis 2016 gesperrt worden, wurde aber anlässlich des 20. Todestags von der Erbin Leonore Mau freigegeben. Der Band enthält Gespräche und Aufzeichnungen rund um die Treffen jüngerer Literaten 1963 und 1964 in Berlin und Schweden. Sparr scheint es, als sei in ihnen das "Herz des Autors freigelegt" und der "Blutkreislauf" seines Schaffens offenbart worden. Fichte vermöge es, durch seine Art des "einschmeichelnden Fragens" überraschende Geständnisse zu erhalten. Inhaltlich kreist das Buch um die Erfahrungen eines Homosexuellen und Halbjuden in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, worauf der Titel mit der Rede von der "zweiten Schuld" anspielt. Genau registriere Fichte die "verächtlichen Blicke" oder die "Hackordnung", die sich unmerklich einstellt.
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