Aus dem Amerikanischen von Sonja Bonin. Mit seinem Werk 'Eine Geschichte des amerikanischen Volkes' hat Howard Zinn die Geschichtsschreibung revolutioniert: Hier standen erstmals nicht die großen politischen Figuren im Vordergrund, stattdessen versammelte er Erfahrungen und Perspektiven der sogenannten "einfachen Bevölkerung". Erzählt wurden nicht mehr die Erfolge der Eroberer, sondern die Verluste und die Gegenwehr der Besiegten und Unterjochten. Nicht im gehobenen Stil der Herrschenden, sondern in der ungeschmückten Sprache der Beherrschten wird hier Geschichte greifbar gemacht. Sklav:innen, Schwarze, Native Americans, Menschen aus der Arbeiterklasse und Eingewanderte erhalten endlich das Wort. Mit diesem Buch prägte Zinn den Begriff der "Geschichte von unten". Seit der ersten Auflage vor über 40 Jahren ist Zinns unkonventionelle Darstellung der amerikanischen Geschichte von Kolumbus bis zur Ära Clinton weltweit knapp vier Millionen Mal verkauft worden.
Kritiker Matthias Kalle muss an eine Szene aus "Good Will Hunting" denken, in der der Protagonist seinem Therapeuten das nun in deutscher Übersetzung vorliegende Buch von Howard Zinn als eines empfiehlt, das einem "den Arsch weghaut": Zinns Buch schreibt die Geschichte Amerikas als Geschichte der Unterdrückten, als Geschichte, in der Rassismus, Kolonialismus, Klassismus und Patriarchat kein Versehen, sondern System sind. Es geht ihm laut Kalle darum, "moralische Unruhe" auszulösen, auch mit unorthodoxen Mitteln, manchmal pathetischer Sprache, er erzählt von Christopher Kolumbus' Ankunft 1492, aber auch von der Revolution 1776 und dem Vietnamkrieg. Er kritisiere immer wieder die traditionelle Geschichtsschreibung, weil es ihm vor allem an der möglichen Veränderung gelegen sei. Der Rezensent lobt das Buch gerade deshalb, weil Zinn seine Leser zwingt, ihre eigene Antwort auf die Frage zu finden, wie viel moralischen Impetus die Geschichtsschreibung und der damit verbundene Aktivismus vertragen.
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