Hermann Lenz

Stuttgart

Porträt einer Stadt
Cover: Stuttgart
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783458171584
Gebunden, 450 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Straßen und Gassen, Brunnen, Plätze und berühmte Bauwerke: Der Romancier Hermann Lenz wandert durch seine Geburtsstadt und lässt die Vergangenheit hinter den neuverputzten Fassaden sichtbar werden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.11.2003

Dieser Band enthält Texte von Hermann Lenz über Stuttgart aus den Jahren 1963 bis 1975, die 1983 erstmals erschienen sind, d.h. es handelt sich um eine Neuauflage, informiert Manfred Koch und weist darauf hin, dass der Untertitel "Portrait einer Stadt" irreführend sei. Denn Lenz' Stuttgart-Buch ist kein Stadtführer, behauptet Koch, "sondern ein Museum". Lenz interessiere die Gegenwart überhaupt nicht, im Gegenteil, er äußere eher Abscheu vor der modernen Architektur und flüchte sich in die Archive und Literatur der Vergangenheit, deren vergangenen Zauber er der schnöden Gegenwart entgegenstelle. Der Grundton der Beiträge ist also eher elegisch, resümiert Koch, die Vergangenheit werde sehnsuchtsvoll verklärt. Lenz' Lieblingsepochen sind das Fin de siecle und das Biedermeier. Doch wer sich auf das antiquarische Vorgehen des Autors einlässt, kann auch Entdeckungen machen, verspricht der Rezensent: er findet zum Beispiel Berufe beschrieben, von deren Existenz er kaum etwas geahnt hat (Meerschaumgraveure, Heubinder, Leichenansager, Pflastergelderheber), und taucht ein in eine "verlorene Welt der handwerklichen Umständlichkeit" und sozialen Überschaubarkeit, die in den Beschreibungen Lenz' ihren eigenen poetischen Reiz entwickele.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.08.2003

Christoph Bartmann hat den 1998 verstorbenen "Archäologen des Behagens" Hermann Lenz noch einmal beim kundigen Schlendern durch das Stuttgart der sechziger und frühen siebziger Jahre begleitet und ist ganz angetan von dem Bummel. Lenz, schreibt er, ging systematisch durch die Stadt, suchte nach Überresten seiner geliebten Biedermeier-Zeit, nach "Spuren eines untergegangenen Alltags", und konnte der Gegenwart von "Nordsee", "Karstadt" und "jungen Leuten" so gar nicht abgewinnen. Bis ihm, so Bartmann, auffällt, dass die Langhaarigen das Alte auch besser finden als das Neue - es folgt die "Verbrüderung mit der revolutionären Jugend". Ohnehin sei er kein "richtiger Konservativer", sondern eher "ein Nostalgiker, ein Geschichtsträumer, dem zugleich die Gabe des genauen Hinsehens gegeben ist". Und sogar, verrät Bartmann, ein früher, sozusagen versehentlicher und ganz untheoretischer Kulturwissenschaftler. Vor allem aber der Autor eines "Stadtporträts, wie man es sich schöner und liebevoller kaum denken kann."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2003

Schöpft Hannelore Schlaffer zunächst "Hoffnung", die Texte über Stuttgart, die der Autor zwischen 1963 und 1975 für eine Zeitschrift geschrieben und 1983 erstmals als Buch veröffentlicht hat, gebe der Stadt ihr verdientes Porträt, zeigt sie sich nach der Lektüre tief enttäuscht. Hier hat jemand den Stadtplan abgeschritten und die Straßen und Plätze, die Museen und Säle pflichtschuldig beschrieben, ohne dem "kulturellen Leben" Stuttgarts, geschweige denn seinen Bewohnern in irgendeiner Weise gerecht zu werden, beklagt sich die Rezensentin. Sie wirft Lenz vor, er habe viele Worte gemacht ohne wirklich etwas über Stuttgart "zu sagen", wobei sie die sprachlichen Bilder, die der Autor dazu verwendet entweder "fad" oder gar "unpassend findet. Eine Stadt, die mit ihren dort lebenden Künstlern "mit Entschiedenheit" am "Mythos der Moderne" mitgewirkt hat, hätte besseres verdient als diese "konservative" und dabei "griesgrämige" Würdigung, findet die unzufriedene Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.06.2003

Hätten Sie's gewusst? Auch die Stadt Stuttgart hat ihren Benjamin und Hessel, ihren selbstvergessenen Flaneur, der ihr in einer Reihe kurzer Texte ein unsterbliches Denkmal setzte. Hanns-Josef Ortheil zeigt sich in seiner Kritik jedenfalls ergriffen von dem Buch. Es handelt sich um eine Neuauflage, erläutert er. Lenz hat seine Feuilletons bereits in den sechziger und frühen siebziger Jahren geschrieben, im Buch erschienen sie erstmals zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1983. Ortheil macht den Leser schnell klar, dass Lenz auch einiges von Benjamin und Hessel unterscheidet: Es gehe Lenz nicht um eine "spirituelle Annäherung". Lenz schreibe vielmehr als ein genuiner Erzähler. Jedes Detail, so Ortheil spricht für sich. Und die "wunderbare Coda" des Romans bildet folgerichtig ein erzählerisches Stück über den großen Dichter Mörike, der in diesem ganzen Buch nach Ortheil eine so große Rolle spielt. Ortheil schildert auch Lenz' Verzweiflung angesichts der Nachkriegsverhunzungen der stark zerstörten Stadt: Lenz brauche Altes um sich zu erinnern und den Fluss der Erzählung herzustellen, erläutert der Rezensent zu Lenz' Technik. Und Ortheil ist kategorisch: Dies ist ein "einzigartiges Dokument des präzisen Erinnerns".
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