1949 gegründet, eingerichtet in den Räumen einer vormaligen Gaststätte, konnte man sich schon beim Betreten der Buchhandlung Gastl in Tübingen dem besonderen Fluidum kaum entziehen. Sie wirkte wie eine alte Bibliothek. Die beiden Inhaberinnen, Fräulein (!) Julie Gastl und Frau Dr. Gudrun Schaal, beide ebenso hochgebildet wie eigensinnig, zugleich erhaben über jeden Dünkel, nahmen viele der dazumal erlauchtesten Geister für sich ein. Ihr Einfluss war nicht zu unterschätzen. Julie Gastl galt als Institution, war ein "Kommunikationstalent sondergleichen", reichlich begabt mit Geist, Charme und Humor und auch, wenn nötig, der notwendigen Entschlossenheit, dem Nachdruck zu verleihen, was sie für richtig und wichtig befand. Damals schon legendär, droht dreißig Jahre nach dem Ausscheiden der beiden Gründerinnen die Realität ins Sagenhafte zu entschwinden. Heinz Rademacher hat sie in dieses Buch zurückgeholt. Sie ist erstaunlich genug.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2013
Stephan Wackwitz machts kurz mit seinem Einblick in diesen von Heinz Rademacher herausgegebenen Band aus der Kategorie Gedenkbuch, das er allerdings modulgeplagten akademischen Lesemuffeln wärmstens ans Herz legt, damit sie eine Ahnung bekommen, was für ein kuscheliger bildungssoziologischer Ort eine Buchhandlung einst sein konnte. Umso länger sein kulturkritischer Beitrag zum Thema. Von der Gastlschen Buchhandlung zu Tübingen, laut Wackwitz eine dem Schiller-Nationalmuseum vergleichbare Institution, zur Schmalspurbelesenheit heutiger Studenten ist es dem Rezensenten bloß ein Schritt.
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