Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Hans Herbjornsrud ist Schriftsteller und Bauer, und diese Doppelexistenz spiegelt sich in seiner Literatur: Seine Erzählungen sprengen die Grenzen der Realität, öffnen sich dem Irrationalen, der Welt der Träume und Visionen, zielen auf die blinden Flecken unseres Denkens und unserer Seele. Gleichzeitig sind sie bodenständig und der konkreten ländlichen Umgebung verhaftet, in der sie entstehen: der Telemark, eines Landstrichs im Süden Norwegens. Hier entzündet sich zum Beispiel im Jahre 1835 an einem falschen Grenzstein ein Streit zwischen Brüdern, der zum Brudermord führt, welcher den romantischen Dichter Wergeland zu einem visionären Gedicht inspiriert und ihn letztlich in Wahnsinn und Tod treibt. Ein Lehrer, der sich anschickt, das alles aufzuschreiben, versiegelt schließlich das Beweismaterial im Brunnenschacht vor dem Haus, weil er fürchtet, die Welt sei noch nicht bereit für die Wahrheit... In jeder der fünf Geschichten taucht ein Brunnen auf; er kann ein Abgrund sein, der in die tiefsten Schichten der menschlichen Seele führt, aber auch ein Ort des Übergangs in andere Zeit- und Bewusstseinsschichten, eine Tür für Assoziationen und Träume.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2010
Hans Herbjornsruds Erzählungsband "Die Brunnen" hat Peter Urban-Halle fasziniert. Schauergeschichten aus dem vorletzten Jahrhundert und Kafkas Erzählungen grundieren diese Geschichten, in denen jeweils ein Brunnen die Öffnung in eine andere Welt markiert. In allen Texten hält das Phantastische Einzug, und sie sind dennoch stets fest im Heute verankert, erklärt der Rezensent. Dass der norwegische Autor zugleich als Bauer einen Hof bewirtschaftet, lasse sich allen Geschichten als "Verflechtung von Leben und Literatur" ablesen und führe zu treffenden, opulenten Beschreibungen, lobt Urban-Halle. Als Einstieg in Herbjörnsruds Texte empfiehlt er die Erzählung "Grenzenlos", in dem das Versetzen von Grenzsteinen Ängste um die tatsächliche Größe des Landes wecken. Diese kurze Erzählung beinhalte nämlich die "Quintessenz" von Herbjörnsruds Schaffen, die "Macht der Fiktion", meint der Rezensent, der den Autor insbesondere was den inneren Dialog mit sich selbst angeht, quasi von Schriftsteller zu Bauer, "unerreicht" sieht.
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