Im Jahr 2000 ist HipHop in Deutschland allgegenwärtig: in Funk, Fernsehen, Film, Mode, der Boulevardpresse und im klassischen Feuilleton. Und nirgendwo sonst sind Missverständnisse, Unwissen und Vorurteile größer als in den bisherigen Darstellungen der HipHop-Kultur in den Medien. HipHop ist Poesie und Pop, Kunst und Schmiererei, Kreativität und Stumpfsinn. HipHop ist aufklärerisch und reaktionär, gewaltfrei und zerstörerisch - alles zu seiner Zeit, alles zur selben Zeit. Dieses Buch spiegelt diese Vielfalt wider: als Reader für Fans, Fundgrube für Journalisten, Schatzkästchen für HipHopper und kritisch aufgearbeitete Story der Bewegung in Deutschland.
"Deutscher HipHop ist im Mainstream angekommen" stellt Thomas Winkler zu Beginn einer Kritik fest, die sich mit drei Büchern über die deutsche HipHop-Szene auseinandersetzt.
1) Verlan/Loh: "20 Jahre HipHop in Deutschland"
Etwas skeptisch tituliert Winkler diesen Band als "Standardwerk ".Er konzediert zwar, dass er sich um eine "objektive Draufsicht" auf das Phänomen bemüht, findet die Beiträge der beiden Autoren aber letztlich doch zu persönlich gefärbt. Sascha Verlan wirft er vor, dass er vor lauter Interviews mit Beteiligten die im Titel versprochene Distanz verliert, und seinem Partner Hannes Loh kreidet er eine allzu aufdringlich politische Sichtweise dieser Jugendkultur an - dass Rapper häufig frauenfeindlich und homophob sind, rechtfertigt für Winkler noch keine Gleichsetzung mit Neonazis. Lobend merkt Winkler schließlich an, dass dieser Band sich trotz allem um ein "umfassendes Bild" bemühe. Auch die Auseinandersetzung mit bestimmten soziologischen Phänomenen - etwa mit der Verdrängung der Migrantenkinder, die anfangs die Szene dominierten, durch deutsche Mittelstandskinder - findet Winkler erwähnenswert.
2) Krekow/Steiner: "Bei uns geht einiges"
Die Autoren dieses Bandes, Sebastian Krekow und Jens Steiner, sind aktiv Beteiligte der Szene, erläutert Winkler - Distanz darf man von diesem Band also gar nicht erst erwarten. Der Band scheint ein buntes Sammelsurium aus Interviewäußerungen, Porträts und Selbstverständigungstexten zu präsentieren - ein bisschen mehr Schlussredaktion hätte ihm nach Winkler gut getan. Als "Familienalbum" mag Winkler diesen Band akzeptieren, auch wenn ihm die Arroganz der Autoren gegenüber der kommerziellen HipHop-Gruppe "Die Fantastischen Vier" sichtlich auf die Nerven geht. Ihre Argumente findet er hier insiderhaft und falsch, denn nach Winkler haben die "Fantastischen Vier" "das Bild der ganzen Kultur hierzulande geprägt wie kein anderer Act, ob einem das nun gefällt oder nicht". Das etwas Sektiererische beider Bücher bittet Winkler, auch positiv zu sehen: als "Blick in den Bauch einer Subkultur".
3) Verlan/Loh: "Sprechgesang: Raplyriker und Reimkrieger"
Den dritten Band verfassten wiederum Sascha Verlan und Hannes Loh - aber dieser Band soll ein Arbeitsbuch für den Deutschunterricht an den Schulen sein. Hier findet Winkler den missionarischen Eifer der beiden Autoren aber aufs Angenehmste gezügelt und freut sich vor allem an der Präsentation zahlreicher HipHop-Texte, die ihre Geschichte schon selbst erzählten. Die Geschichte des HipHop werde allgemeinverständlich dargeboten. Allenfalls die literaturgeschichtliche Einordnung des Raps in einen langen Zusammenhang von Meistersingerwettbewerben bis hin zu Kurt Schwitters` Dada-Poesie scheint Winkler etwas gezwungen.
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