Friederike Mayröcker

Mein Arbeitstirol

Gedichte 1996-2001
Cover: Mein Arbeitstirol
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518413937
Gebunden, 216 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Friederike Mayröcker hat für diesen Band neue Gedichte aus den letzten Jahren zusammengestellt. So entsteht eine Art lyrisches Tagebuch, ein Bilder-Buch der Dichterin mit dem "euphorischen Auge". Oft sind es kleinste Anlässe, Anemonen auf einer Wiese, Schnee vor dem Fenster, das Gedicht (oder Bild) eines Kollegen, die in Friederike Mayröcker ein Sprechen provozieren, in dem sie ins Grenzenlose ausschreitet, sich die Welt verwandelt in die eigenen Worte und die eigenen Findungen in die Welt,"beim Gedichteschreiben ganz eingesponnen in das Heilige in das Wohlwolle, Sprengfreude in mir".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2003

Friederike Mayröcker, schreibt Harald Hartung, habe "ihr eigenes Fin de siecle hinter sich gelassen". Zwar sei die Kunst - natürlich! - noch immer von großer Wichtigkeit, doch jetzt gehe es ihr "um Wichtigeres, um das Ineinander von Leben und Kunst". Ihr neuer Gedichtband, "ein lyrisches Tagebuch, die Mitschrift seelischer Prozesse als Sprachbewegungen" ist, so Hartung, ein Ausdruck der Öffnung: "Sie wird deutlicher, realitätsbezogener und gewinnt Züge von Heiterkeit und Selbstironie." Ein ganzes Leben, das dem Schreiben gewidmet war - ja. Aber dieses lange "Schreibleben" habe auch "erlebtes Leben" enthalten, das nunmehr durch die früher so hermetischen Barrieren ihrer Kunst sprieße: Vom im Jahre 2000 verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl handeln viele der Gedichte, auch von der Erinnerung an ihre Eltern, vom Schmerz des Verlustes. "Das Leben, darf man sagen, ist neben das Rettende der Poesie getreten", resümiert Hartung - eine Meisterin wie zuvor, doch sie "lässt in ihren neuen Gedichten die bloße Meisterschaft hinter sich".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.07.2003

Rolf-Bernhard Essig feiert die in den Jahren 1996 bis 2001 entstandenen Gedichte Friederike Mayröckers: "Man könnte sagen, Tradition und Moderne fallen sich bei ihr produktiv ins Wort. Das ist keine neue Entwicklung, hat in "Mein Arbetistirol" allerdings einen so hohen Grad an Perfektion und Souveränität erreicht, dass selbst schwere Verse schweben." Die Dichterin überrascht ihn mit Themenfülle, höchster Sensibilität und mit der kraftvollen Weise, wie sie "Worte schleudert". Seit Rückert sei Verfall, Altern und Vergehen nicht mehr so genau wahrgenommen worden wie in Mayröckers Gedichten, erzählt unser Rezensent. Gleichzeitig strahle sie oft "Schöpfungsglück" aus und preise "Lebenslustmomente" so Essig. Er resümiert: "Das alles stellt sie mit Emphase vor den Leser hin, kitzelt ihn aber auch mit Widerborstigem, entlockt ihm ein Lachen". Kein Wunder also, dass Essig sich schon auf die nächste Veröffentlichung freut.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.06.2003

Der Lyrikband versammelt nach Informationen von Rezensent Nico Bleutge Gedichte aus den Jahren 1996 und 2001, weshalb es ihn auch nicht besonders wundert, dass in "zahllosen Versen" der vor drei Jahren verstorbene Mayröcker-Gefährte Ernst Jandl Gestalt gewinnt. Auf den ersten Blick wirken diese Gedichte auf Bleutge oft wie "versponnene Protokolle einer bestimmten Wahrnehmungssituation", wie "Bewusstseinsskizzen, in deren Schraffuren sich Erinnerungsreste" verdichten. Doch bei genauerer Betrachtung wird dem Rezensenten klar, das jeder Beobachtungsvorgang zugleich eine "kunstvoll rhythmisierte Szenerie" ist. Manches Gedicht, in dem der Rezensent Jandl eine Rolle spielen sieht, kannte er bereits aus Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2003

Franz Haas, der die Gedichtsproduktion Friederike Mayröckers offensichtlich seit ihren Anfängen 1956 verfolgt, ist auch von diesem Band, dessen Gedichte zwischen 1996 und 2001 entstanden sind, hingerissen. Er schätzt die Lyrikerin wegen ihrer "grandiosen Gedankensprünge" und ihrer "Wortschöpfungen", die er in den Gedichten so "zappelfrisch wie eh und je" findet. Dabei hat er den Eindruck, dass sich die "Kraft der Assoziation" mit fortschreitendem Alter Mayröckers sogar noch verstärkt. Dies ist zwar für die Leser manchmal etwas "verstörend", öffnet aber neue Sinnhorizonte, so Haas begeistert. Er zeigt sich besonders beeindruckt von der "Zurückhaltung", mit der die Lyrikerin auf weltpolitische Ereignisse wie den 11. September reagiert und bemerkt dafür genau, welche Lücke und gleichzeitig welche Spuren der Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl in ihren Texten hinterlässt. Das einzige, was Haas etwas irritiert, ist die zunehmende "Widmungswut", mit der Mayröcker ihre Gedichte für die Leser ganz unbekannten Personen zueignet. Dadurch wird zwar das "Rätsel", das einige Texte sowieso schon aufgeben, noch "verschärft", doch grenzt diese Praxis nach Ansicht des Rezensenten an "Kumpanei". Nur die häufig auftauchenden Widmungen an Jandl überzeugen ihn vollkommen, weil, wie er betont, die Gedichte der Autorin sehr eng auch mit dem Werk Jandls zusammenhängen.