Ebenso wie Pierre Bourdieus "La misere du monde" verzichtet auch dieser Band weitgehend auf eine soziologische Fachsprache und nähert sich in Interviews den Menschen in Deutschland. Rund 50 Lebensgeschichten geben Zeugnisse von kleinen und großen Nöten, von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Anstrengungen und Frustrationen. Gerade auch die Situation der Menschen in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung und die Position des Staates werden eingehend untersucht. Zusammen genommen geben die Interviews und ihre Analysen ein fassettenreiches und vielschichtiges Bild der deutschen Gegenwartsgesellschaft unter den besonderen Bedingungen zunehmenden Konkurrenzdrucks und individueller Herausforderungen, struktureller Massenarbeitslosigkeit und der Unsicherheit von Beschäftigungsverhältnissen, Prozessen räumlicher Segregierung und gesellschaftlicher Ausschließung.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.11.2005
Dieses Buch ist das soziologische Porträts Deutschlands als einer Gesellschaft, die - so der Untertitel - für einen nicht geringen Teil ihrer Bürger "Zumutungen und Leiden" bereit hält. Eine Forschergruppe hat sich zusammengetan und in allen Schichten der Gesellschaft nachgefragt, was die Menschen sich vom Leben im Alltag erhoffen und ob der Alltag, den sie haben, dem entspricht. Sehr groß ist die Zufriedenheit nicht. Klagen finden sich sowohl bei den schlecht Ausgebildeten und Arbeitslosen (wen wundert's) als auch bei den durchaus "Privilegierten", die von "Erfolgsdruck" sprechen und dem Verschwinden der Freizeit. Interessant scheint dem Rezensenten Wolfgang Engler, wie weit verbreitet längst das einst vor allem in Oberschichten vorhandene Bedürfnis nach "Beschäftigungsverhältnissen, die den ganzen Menschen engagieren", ist. Methodisch lehnen sich die Forscher, so Engler, an Pierre Bourdieus Studie "Das Elend der Welt" an, das heißt, das Buch besteht vor allem aus Interviews, die von kürzeren Einführungen gerahmt werden. Leider erfahre man über die Interviewer selbst zu wenig - das aber kann den positiven Eindruck des Rezensenten so wenig trüben wie die Tatsache, dass man wenig Überraschendes erfährt, denn: "Vermutung schlägt in Wissen um".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.09.2005
Rezensent Martin Hartmann ist beeindruckt und auch ein bisschen schockiert von diesem Buch, in dem sozial unterschiedlich gestellte Menschen Auskunft über den Status Quo ihres Lebens geben. Inspiriert ist diese "Gesellschaftsdiagnose" von Pierre Bordieus "Das Elend der Welt", doch im Unterschied zu dessen Arbeit hat das deutsche Gegenstück am "theoretischen Apparat" gespart. Das hat nach Meinung des Rezensenten Vor- und Nachteile. Ein wesentlicher Nachteil ist, dass der Band so "näher an das Genre der Sozialreportage heranrückt, als den Herausgebern lieb sein kann". Der Vorteil ist, dass die Gesprächspartner so einen stärkeren Eindruck hinterlassen: "oft rücken sie bedrohlich nahe, da kaum einem Leser das Gelesene gänzlich fremd sein dürfte". Optimistisch stimmen können einen die Selbstbetrachtungen der Menschen jedenfalls nicht: "Der Mensch der Gegenwart, so würde man es im Boxerjargon sagen, ist angezählt."
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