Aus dem Jiddischen transkribiert und übersetzt von Armin Eidherr. Täglich kommt der alte Mann in den Stadtpark und setzt sich auf die Bank neben dem alten Baum. Die Kinder sammeln sich um ihn. Sie rufen: "Großväterchen, erzähl uns eine Geschichte, aber nicht so eine traurige wie gestern." Er schüttelt den Kopf und sagt: "Ich kann nur erzählen, was mir selbst zugestoßen ist, was ich gesehen oder von anderen gehört habe. Außer diesen Geschichten habe ich keine." Er steht auf und will weggehen. "Nein, erzähl!" rufen alle, und er erzählt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2002
Nur wenige europäische Autoren behielten nach 1945 Jiddisch als Alltags- und als Literatursprache bei, weiß der Rezensent mit dem Kürzel "sab". Zu ihnen zählt er den im Dezember 2001 verstorbenen Fischel Libermann, der 1908 in der Nähe von Lodz geboren wurde, Ghetto, Konzentrationslager und Krieg überlebte, danach verschiedenen jüdischen Zeitschriften als Redakteur und Autor "Profil verlieh" und schließlich als Universitätsdozent die jiddische Sprache und Kultur am Leben erhielt, berichtet "sab" über die Lebensstationen des Autors. Seine Erzählungen, "erfreulicherweise zweisprachig", zeigten die stilistischen Möglichkeiten des Jiddischen, und, vermutet der Rezensent, sie könnten auch verfremdete Lebenserinnerungen des Autors sein, denn in seinen Geschichten bewege er sich stets zwischen Folklore und Phantastik, jegliches Erlebte erscheine fiktionalisiert, sei es das Leben im Schtetl, seien es Zerstörung, Gewalt oder Charakterskizzen.
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