Filip Florian

Kleine Finger

Roman
Cover: Kleine Finger
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783518420140
Gebunden, 269 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. In einem Karpatenstädtchen wird in den Ruinen einer römischen Festung ein Massengrab entdeckt. Alles scheint auf ein Verbrechen aus kommunistischer Zeit hinzudeuten. Da die Bevölkerung den Ermittlungen der zuständigen Militärstaatsanwälte nicht traut, werden argentinische Experten nach Rumänien geholt, die mit der Suche und Identifizierung der"Verschwundenen", den Opfern der Junta, befaßt waren. Die Suche nach der Wahrheit, die nur zersplittert, perspektivisch, als Wahrheit einzelner Menschen zu haben ist, bestimmt auch die Dramaturgie des Romans. Im Zentrum steht der Archäologe Petrus, der sich der allgemeinen Hysterie entzieht und eigene Forschungen anstellt. Morgens sitzt er in der Gemeindebibliothek, die Nachmittage verbringt er bei Tante Paulina, die ihm aus dem Kaffeesatz liest, bei Lady Embury, der Witwe eines britischen Erdölingenieurs, oder bei Dumitru M., einem früheren Unternehmer, der nach dem Krieg enteignet wurde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2009

Eingenommen ist Judith Leister von Filip Florians Debüt "Kleine Finger". Der "magisch-realistische" Roman um ein rätselhaftes Massengrab, das bei archäologischen Ausgrabungen in den rumänischen Karpaten gefunden wird und für große Aufregung im Ort sorgt, handelt für sie von der "Instrumentalisierung der Geschichte". Während Polizei, Journalisten und Vertreter ehemaliger Politischer Häftlinge sicher sind, dass es sich bei den Toten um Terroropfer aus den 50er Jahren sind, bleibt der Archäologe Petrus skeptisch, forscht während des Grabungsstopps im Gemeindearchiv und spricht mit den Einwohnern des Kurorts. Dabei lasse Florian eine Reihe von teils kuriosen Figuren auftreten, deren Erinnerungen eine Vorstellung vermittle vom Rumänien im Kommunismus, aber auch von der fernen k. u. k. Vergangenheit. Aus den diversen Stimmen entsteht für Leister so ein "Bild der Geschichte". Dem Autor gelinge es dabei "stumme Dinge" wie ein altes Foto oder einen Prägestempel zum Sprechen zu bringen und den Leser selber zum Archäologen zu machen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.01.2009

Fast wäre Rezensent Christoph Schröder dem sprachlichen Sog dieses Debürtomans, der ihn auf der Spur unterschiedlichster Biografien durch die totalitäre Geschichte 20. Jahrhundert gejagt hat, erlegen. Auch dem "gut gelaunten Postmodernismus" dieser Geschichte über einen Archäologen, der bei der Arbeit in einem karpatischen Dorf auf ein Massengrab stößt, doch statt der Frage nach der Identität der Toten sich mehr für die lebenden Bewohner des Dorfes interessiert, konnte er einiges abgewinnen. Denn hier wird, wie man seinen Ausflügen in einzelne Motive der Geschichte entnehmen kann, mit einigem melancholischen Aberwitz Gläubiges und Abergläubisches, Kommunistisches und Antikommunistisches verhandelt. Auch das Politische, sowie das geschehene Unrecht verliere Autor Filip Florian nie aus den Augen, was für Schröder ein weiteres Qualitätsmerkmal der Geschichte ist. Warum er am Ende dem Roman dennoch nicht ganz erliegt, lässt der Rezensent leider im Dunklen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.12.2008

Uwe Stolzmann hat die erzählerische Souveränität dieses Debütromans, den der 1968 geborene rumänische Autor Filip Florian vorgelegt hat, ziemlich imponiert, wie er in seiner wohlwollenden Kritik deutlich macht. Bei Ausgrabungen in einer Kurstadt in den Karpaten wird ein Massengrab entdeckt, das man für eine mörderische Hinterlassenschaft des Ceausescu-Regimes hält; Bukarest fordert Hilfe für die Aufklärung aus Argentinien an, wo man Erfahrungen mit Staatsterror hat, die argentinischen Anthropologen allerdings finden heraus, dass es sich bei den Toten um bei einer Pestepidemie vor 200 Jahren Umgekommene handelt. Soweit die "bizarre und beklemmende" Handlung des schmalen Romans, der laut Rezensent nach den Bauprinzipien einer klassischen Novelle funktioniert. Stolzmann findet es beeindruckend, wie Florian dieses zwischen Groteske und Grauen changierende Spiel mit dem Thema "verdrängte Schuld" und "allgemeines Misstrauen", die in Hysterie eines ganzen Ortes mündet, inszeniert, auch wenn er leise anmerkt, dass der Text mitunter "arg ambitioniert" daherkommt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.12.2008

Ganz angetan ist Lothar Müller von Filip Florians Roman um einen jungen Archäologen, der herausfinden soll, wer die Toten waren, deren Knochen bei Grabungsarbeiten in einem Kurort in den Karpaten gefunden wurden. Er würdigt das Buch, für ihn ein "archäologischer Krimi" und ein "politischer Roman" zugleich, als "erstaunliches Erzähldebüt". Dabei hebt er hervor, dass es dem rumänischen Schriftsteller gerade nicht um Literatur geht, die sich kritisch mit der Zeitgeschichte auseinandersetzt. Der junge Archäologe zeigt sich dann auch als einziger skeptisch gegenüber der Ansicht des Polizeichefs, der angereisten Journalisten und der Vertreter von Opferverbänden, bei dem Fund handle es sich um ein Massengrab von Opfern des einstigen Geheimdienstes Securitate. Darin äußert sich für Müller auch die Skepsis des Autors gegen die "Hohlformen, die für das Erzählen von der Vergangenheit bereitliegen". Doch erschöpfe sich der Roman nicht in diesem Misstrauen. Vielmehr sieht Müller die Befreiung der Literatur von der "historischen Beweispflicht" als eigentliche Intention des Autors. So wundert es ihn nicht, dass Florian den "landläufigen Realismus" hinter sich lässt, um den Kurort mit zahlreichen skurrilen Figuren, Wiedergängern aus Märchen und Legenden, zu bevölkern.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2008

Bizarr wie die Formationen der rumänischen Karpaten darf man sich den zwischen Realismus und Fantastik oszillierenden Roman des 1968 geborenen rumänischen Journalisten und Autors Filip Florian vorstellen, verspricht Nicole Henneberg. Den Schauplatz bildet ein im Gebirge gelegener Luftkurort, in dem durch archäologische Grabungen zufällig ein Massengrab entdeckt wird, das von den meisten der beteiligten Figuren für das Ergebnis einer Massenhinrichtung der fünfziger Jahre gehalten wird. Dieses Grauen erregende Ereignis nimmt der Erzähler aber nur zum Vorwand, um vor dem Hintergrund einer "diktaturgeschundenen Gesellschaft" im Postkommunismus einen Reigen an Lebensgeschichten aufzublättern, die "neben Skrupellosigkeit auch überraschend viel Zärtlichkeit" enthalten. Im Zentrum steht dabei der Franz von Assisi nacheifernde Mönch und Geheimnisträger Onufrie. Die "funkelnde Prosa" dieses eigensinnigen und verwegenen Romans hilft dem Leser, noch an der grausigsten Pointe Gefallen zu finden, so die Rezensentin.
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