Eva Hoffman

Im Schtetl

Die Welt der polnischen Juden
Cover: Im Schtetl
Zsolnay Verlag, Wien 2000
ISBN 9783552049598
Gebunden, 318 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Sylvia List. Nicht weit von der Grenze zu Weißrußland liegt Bransk, auf den ersten Blick eine unauffällige polnische Kleinstadt. Und doch hat es mit diesem Ort eine besondere Bewandtnis: Von keinem anderen Ort in Polen wissen wir mehr über sein jüdisches Schtetl. Das ist zunächst der Initiative eines jungen Bransker Historikers zu verdanken, der sich für die jüdische Vergangenheit seines Heimatortes interessierte. Die Historikerin Eva Hoffman hat dessen Forschungen um eigene Recherchen ergänzt und zum Porträt eines typischen polnischen Schtetls erweitert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2000

Frei von jeder Sentimentalität ist das Buch der Harvard-Historikerin Hoffmann, betont Klaus Harprecht, eine "ernüchternde" und aufschlussreiche Lektüre, wie die Autorin, selbst jüdisch-polnischer Abstammung, das Leben des jüdischen Schtetls in Polen am Beispiel des Städtchens Bransk durch die Jahrhunderte verfolge. Das polnische Königtum ließ die jüdischen Gemeinden über Jahrhunderte hinweg autark bleiben, berichtet Harprecht, so dass sich die polnischen Juden quasi als eigene Nation zu verstehen begonnen hätten. "Eine Symbiose fand nicht statt", zitiert Harprecht die Autorin. Diese kulturelle Autonomie wie auch die geistigen Enge des Schtetls, das kaum Anknüpfungspunkte mit den polnischen Nachbarn hatte, wird von der Autorin durchaus als ambivalent beschrieben, so Harprecht. Den polnischen Antisemitismus sehe sie aber "frei von Elementen des biologischen Rassismus", hier seien nationalistische, religiöse und soziale Vorurteile zusammengekommen. Hoffmanns Sprache ist schlicht und geschliffen zugleich, lobt Harprecht, und davon sei auch in der Übersetzung von Sylvia List nichts verloren gegangen. Bloß die falsche Datierung des Hitler-Stalin-Pakts irritiert ihn - ein Wink an den Lektor.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2000

Andreas Breitenstein widmet dem Buch in der Samstagsbeilage der NZZ einen großen Essay, den er dazu nutzt, die Geschichte des polnisch-jüdischen Verhältnisses, gewissermaßen mit dem Buch in der Hand, nachzuzeichnen. Er lobt dabei zunächst den Willen Eva Hoffmans zur Objektivität, obwohl ihr Buch, das sie als Tochter ehemaliger Schtetl-Bewohner geschrieben hat, durchaus auch ein "sentimentalisches" Projekt sei. Mit Bewunderung zeichnet Breitenstein dann nach, wie die Autorin - oft anhand von Aufzeichnungen, die im kleinen Schtetl von Bransk erhalten geblieben sind - vom Mittelalter bis zur Shoah die ganze Komplexität des Verhältnisses darstellt. Die nach der Shoah kursierenden Extrembilder von der "Idylle" beziehungsweise dem "Inferno" polnisch-jüdischer Beziehungen treffen danach selbstverständlich beide nicht zu. Es gab nach Breitenstein Höhepunkte in den Beziehungen, in denen den Juden sogar ein demokratisches Selbstvertretungsrecht zugestanden war, und Tiefen, die im Grunde immer tiefer werden, je näher das zwanzigste Jahrhundert rückt. Die Gegensätze zwischen Polen und Juden brechen nach Breitenstein besonders nach 1794 aus, als Polen zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt wird, und die Polen ihren nationalen Mythos als "Christus der Völker" entwickeln, während die Juden zumindest unter Preußen und Österreich relativ unbehelligt bleiben. In späteren Zeiten schildert Hoffman nach Breitenstein das Schtetl als einen zutiefst konservativen und weltabgewandten Verband, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzulösen begann. Erst seit 1989, so Breitenstein, wird für beide Seiten eine Erinnerung möglich, die zwar geteilt bleibt, aber gegenseitigen Respekt einschließt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.04.2000

Elisabeth Bauschmid hebt anerkennend hervor, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen weiteren "larmoyanten Abgesang" auf eine verschwundene Welt handelt. Vielmehr untersuche die Autorin mit ihrer Studie, warum das Zusammenleben von Polen und Juden bis zum Ende des zweiten Weltkriegs weitgehend gescheitert war. Indem sie das Scheitern der friedlichen Ko-Existenz beleuchte, analysiere sie nach eigenem Bekunden auch die Bedingungen, die für eine "multikulturelle Gesellschaft" nötig wäre, wenn sie funktionieren soll. Hoffmanns Buch zeige, dass es auch in längeren Zeitabschnitten der "Toleranz" immer nur ein Nebeneinander und nie ein Zusammenleben gab.
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