Eugen Ruge

Follower

Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel
Cover: Follower
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016
ISBN 9783498058050
Gebunden, 320 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Eugen Ruge lässt in seinem in der Zukunft spielenden Roman die Familiengeschichte aus dem Bestseller "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von einem fiktiven Enkel weitererzählen. China, September 2055: Unter dem künstlichen Himmelsblau von HTUA-China ist ein Mann unterwegs, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten: true barefoot running heißt das identitätsstiftende Produkt. Nio Schulz, 39, schwimmt im Strom unaufhörlicher Informationen, er lebt in der Welt des Big Data, des Tofu-Eisbeins und Invitro-Steaks, der technischen Selbstoptimierung. Seine Beinahe-Freundin Sabena verhandelt mit ihm über Leihmutter-Kosten, seine bulgarische Chefin kann ihn jederzeit über eine verschlüsselte Leitung erreichen. @dpa meldet den Tod seines kapitalismuskritischen Großvaters Alexander Umnitzer, er war ein bekannter Schriftsteller, Eigenbrötler und Fortschrittsfeind. Nio will den Fortschritt. Er kämpft darum, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Doch auf dem Weg zum Geschäftstermin verschwindet er in einem Kaufhaus vom Radar der allgegenwärtigen Überwachungsbehörden. Was ist geschehen?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.09.2016

Rezensent Hans-Dieter Fronz meint in Eugen Ruge schon einen der scharfsichtigsten Analytiker der Gegenwart zu erkennen. Die Zukunftsvision, die er in seinem Roman entwirft, haut den Rezensenten schon durch die schiere zeitliche Spanne um: 14 Milliarden Jahre, vom Urknall bis ins Jahr 2055 vermisst der Autor anhand der Entwicklungsgeschichte seines Helden vom braven Datenbrillenträger bis zum infolge seelischen Amoklaufs aus der digitalen Totalvernetzung in die analoge Vorzeit ausscherenden Genossen. Düster und köstlich satirisch zugleich findet Fronz das und sprachlich geschmeidig und präzise gemacht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.09.2016

Eugen Ruges Sci-Fi-Roman findet Jörg Magenau raffiniert gemacht. Voller Witz, wenn der Autor seinen Erzähler in einem atemlosen Bewusstseinsstrom von Datenbrillen, In-vitro-Fleisch und allerhand weiterem Zukünftigen berichten lässt, das sich genauso ereignen könnte, wie Magenau befürchtet. Aber auch, weil der Autor damit schalkhaft an seinen DDR-Familienroman anknüpft und sich selbst als längst verstorbenen Vorfahre (als Follower) des Erzählers installiert. Dass 2055 in China der blanke Horror ist, ein einziger Datenstrom, der nur gelegentlich von echten Gefühlsaufwallungen unterbrochen wird, kann Ruge dem Rezensenten mit viel Sinn fürs Groteske vermitteln.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.09.2016

In Eugen Ruges "Follower" entdeckt Burkhard Müller gleich zwei Romane in einem, die ihn beide doch recht unschlüssig zurücklassen. Zunächst folgt er dem Geschäftsmann Nio Schulz durch das China des Jahres 2055, der Mensch ist längst transparent, Frauen tragen fotorealistische Brust-Tattoos auf ihren hautengen Anzügen, oder gar "essbare Zimmermädchenkostüme". Wie Ruge hier die Zukunft aus der Gegenwart entwickelt, Vorhandenes überbietet und Wiedererkennbarkeit gewährleistet, findet der Kritiker durchaus witzig. Für einen Roman fehlt es dem bei allem Schmunzeln zunehmend ermüdeten Rezensentend dann aber doch an Handlung. Auch den zweiten Teil des Buches, der Ruges Familiengeschichte über acht Generationen erzählt, vorher aber noch die Geschichte von Weltall und Erde vom Urknall an durcharbeitet, hinterlässt bei Müller zwar den Eindruck von Größenwahn, aber auch von Ratlosigkeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2016

Thomas Thiel fragt sich, ob Eugen Ruge nach einem historischen Familienroman und einer metaliterarischen Reflexion über das Schreiben auch den Ton einer technischen Dystopie treffen kann. Kann er, fährt der Kritiker fort, der hier vom Vernichtungskampf der Geschlechter und vom Kampf gegen eine vernetzte Welt liest, in der "fette weiße Heteros" von radikalen Feministinnen attackiert werden, Frauen in Kurzburka mit Pilotenstiefeln oder in pinkfarbenen Mickymaus-Kostümen herumlaufen und Russland an der Börse verhökert wird. Wie Ruge seinen passiv vernetzten Helden Nio Schulz nach einem Identitätswechsel gegen diese Welt kämpfen lässt, findet Thiel präzise, kenntnisreich und "viril", die Irrealität der Romanwelt erscheint ihm plausibel skizziert. Dass die Wut allerdings mit Ruge durchgeht und er den Roman schließlich mit dem Vorgänger, einem DDR-Familienepos, verknüpft und sich auf diese Weise in "trunkene Nostalgie" flüchtet, findet der Kritiker inkonsequent.
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