Ernst-Wilhelm Händler

Der Überlebende

Roman
Cover: Der Überlebende
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
ISBN 9783100299109
Gebunden, 319 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Der Ich-Erzähler des neuen Romans von Ernst-Wilhelm Händler ist ein besessener Träumer: als Leiter eines Leipziger Werks für Elektrotechnik unterhält er ein hochgeheimes Labor zur Entwicklung intelligenter Roboter. Für seine radikale Vision einer menschlichen Schöpfung ist er bereit, alles Menschliche zu opfern: seine engsten Mitarbeiter, die er permanent überwachen lässt, seine Frau, die beiseite geschafft werden muss, als sie seine Kreise zu stören scheint, seine Tochter, die er aus seinem Leben verdrängt hat. Treibt ihn sein Traum in die kalte Einsamkeit des absoluten Bösen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.05.2013

Rezensent Gunter Irmler schätzt den Autor und früheren Geschäftsmann Ernst-Wilhelm Händler für seinen grimmigen Pessimismus, der auch in seinem neuen Roman zum Tragen kommt. In einer Mischung aus Parabel und Wirtschaftsthriller erzählt Händler von der "gezielte Liquidierung der Humanität" in den Managementetagen, umreißt Irmler die Handlung: Der Werksleiter eines internationalen Elektrotechnik-Konzerns hat sich auf den Bau eines intelligenten Roboters versteift und unterwirft diesem faustischen Projekt sein Leben, seine Familie und die Mitarbeiter seiner Firma. Schön kalt findet der Rezensent, wie Händler die "Sprache der Macht", die menschlichen Beziehungen und das destruktive Denken nachzeichnet. Allerdings gibt Irmler zu, dass sein Lesevergnügen doch etwas gelitten hat: Nicht durch die Exkurse in Philosophie, Betriebswirtschaft und Astronomie, sondern die gegen Ende hin immer unwahrscheinlichere Handlung des Romans.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013

Achtung Parabel!, warnt Ina Hartwig, "Der Überlebende" von Ernst-Wilhelm Händler strotzt nur so vor Anspielungen, heimlichen und aufdringlichen, erklärt sie. Der Autor ist ihr vor allem wegen eines Essays über "Das Wissen der Ökonomie" im Gedächtnis geblieben, wo er den in Mode geratenen Antikapitalisten vorwirft, mit ökonomischem Halbwissen um sich zu werfen, als Literat, Philosoph und Unternehmer könne Händler sich auf persönliche Erfahrungen berufen. "Der Überlebende" ist nun ein "bisschen Psychothriller, ein bisschen Wirtschaftskrimi, ein bisschen Science fiction", berichtet Hartwig: Der größenwahnsinnige Werksleiter eines multinationalen Konzerns hat sich ein Geheimlabor eingerichtet, in dem er fleißig zur Robotik forscht und sich seinen eigenen Schöpfermythos bastelt. Gewissen- und Seelenlos opfert er die eigene Familie und die engsten Mitarbeiter seinem Projekt und manipuliert fleißig alles und jeden, fasst die Rezensentin zusammen. Inwiefern solche "fiktionsgestützten Spekulationen über die abgründige menschliche Natur" sich mit Händlers strengen Anforderungen an den Sachverstand vereinbaren lassen, will Hartwig nicht entscheiden.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013

Die Lektüre von Ernst-Wilhelm Händlers neuem Roman "Der Überlebende" wird unseren Blick auf die Welt verändern, versichert Rezensentin Sandra Kegel. Fasziniert taucht die Kritikerin hier in eine Welt der näheren Zukunft, in der die Gesellschaft der totalen Transparenz ausgesetzt ist, während Händlers Protagonist, ein machtbesessener Wissenschaftler ohne Empathie, in einem geheimen Labor lernfähige Industrieroboter entwickelt, welche die Realität durch eine "Doppelgängerin ohne Menschen" ersetzen sollen. Seinem "faustischen" Plan, so Kegel, opfert der autistische und prometheische Erzähler Frau, Tochter und jene Mitmenschen, die seinem Vorhaben auf die Schliche kommen. Dem Romancier und Philosophen Händler gelinge es nicht nur elegant mit Begriffen wie Zykluszeit, Powerwolf und Piezoantrieben zu spielen, sondern auch Goethe und Gödel, Ovid und den Iron Mountain, Kleist, Foucault und Niklas Luhmanns Systemtheorie bedeutsam miteinander zu verbinden. Diesen ebenso zynischen wie erkenntnisreichen Roman kann die Rezensentin nur mit Nachdruck empfehlen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.03.2013

Man kann Ernst-Wilhem Händlers Roman "Der Überlebende" als Kapitalismuskritik lesen, gesteht Ijoma Mangold zu, man kann ihn sicher auch als Technikkritik verstehen, beide Lesarten unterschätzen aber die "umfassende Wurzelbehandlung", die Händler vornimmt, findet der Rezensent. Der Ich-Erzähler ist ein Ingenieur, der für das Geheimlabor eines großen Konzerns an Robotern tüftelt, die zu umsichtiger Kooperation fähig sein sollen. Für den Erzähler selbst bedeutet sein Projekt aber viel mehr: er hofft, systematisch den Menschen zu ersetzen, quasi durch seinen eigensten Schöpfungsakt. Diese technischen Allmachts- und Schöpfungsphantasien sind es, in denen Mangold den Kern des Romans ausmacht. Immer wieder lässt Händler seinen Erzähler über die Schöpfung des Universums nachsinnen, er lässt ihn sogar alle Vertrauten beseitigen, bis ihn die gleiche Einsamkeit umgibt "wie Gott vor dem ersten Schöpfungstag". Der Autor legt die ursprüngliche Machtgeste jedes Schöpfungsakts frei, erklärt Mangold. Moral bedeutet wenig, wenn das Handeln des Einzelnen aus transgalaktischer Perspektive beurteilt wird: "Die Ewigkeit wird nicht einmal angekratzt".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.02.2013

Viel zu dick trägt Ernst-Wilhelm Händler laut Roman Bucheli auf, um uns die letzten Konsequenzen einer bloß auf Technik und Fortschritt gepolten Gesellschaft ohne moralisches Gewissen vorzuführen. Der Held, eine Art Frankenstein der Industrieroboterbranche, ist als dermaßen böse beschrieben, dass Bucheli nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Buch allerdings abwinkt, denn die erzählte Wirklichkeit hinkt dem hinterher. Was bleibt, hat für den Rezensenten in etwa den Schauder einer Geisterbahnfahrt. Derart raffinierte Kulissenschieberei mit moralisierendem Einschlag ist Buchelis Sache nicht.
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