Ein flirrender Sommertag in Idaho, USA: eine Familie im Wald, die beiden Mädchen spielen, die Eltern holen Brennholz für den Winter. Die Luft steht, die Mutter hat ein Beil in der Hand - und innerhalb eines Augenblicks ist die Idylle zerstört. Ist es Gnade, dass der Vater, Wade, langsam sein Gedächtnis verliert? Bald wird er nicht mehr wissen, welche Tragödie sich an jenem Tag abgespielt hat, wie seine Töchter hießen und seine Frau, Jenny, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Auch Ann, die Frau, deren Liebe groß genug ist, um zu Wade in das leere Haus zu ziehen, wird nie den Hergang der Tat erfahren. Aber mit jedem Tag an Wades Seite erkundet sie genauer, was damals geschehen ist, und nimmt schließlich Kontakt zu Jenny auf.
Für Rezensentin Gisela Trahms beschwört Emily Ruskovichs Romandebüt "Idaho" das ungastliche Gebirge im Norden des Staates zwischen 1973 und 2025. Dort kann man tagelang unterwegs sein, bevor man auf Ausläufer der Zivilisation trifft, und die raue Natur verschärft die "radikale Einsamkeit" mit ihren schneereichen Wintern noch, lernt Trahms von Ruskovich. Manchmal "gefühlig", aber mit epischer Kraft zeigt die Autorin der Rezensentin, dass ein so karges Leben sehr wohl Glück bereithalten kann - dass sich aber auch in der Einöde, wie überall, Schicksalsschläge ereignen. Eine unerklärliche Bluttat überschatte von einem Moment auf den anderen das Leben der Hauptfiguren Jenny und Wade. Die Erzählerin forsche mit viel Empathie nach den Auswirkungen des Ereignisses auf die Familienmitglieder des Paars, so Trahms. Ihr Fazit: Das fremdartige Idaho, das der Roman so brillant vor Augen holt, eignet sich ideal als Setting für die großen Fragen. Die Rezensentin ist beeindruckt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.03.2018
Rezensent Ulrich Baron freut sich, wie subtil und gleichzeitig sinnlich Emily Ruskovichs Debütroman "Idaho" erzählt ist. Hier versuche die Witwe eines Demenzkranken zu ergründen, weshalb dessen erste Frau an einem heißen Tag in den 70ern ihre jüngste Tochter erschlug. Der schicksalhaften Geschichte nähert die Protagonistin sich nach Baron vor allem empathisch an, weshalb Landschafts- und Wetterschilderungen der Figuren ebenso den Fond für die Geschichte bilden wie die präzise Wiedergabe ihrer Sinneseindrücke. Am Ende des Romans spürt Baron trotz der Tragik des Sujets einen leisen Optimismus, dessen feinsinnige Konstruktion ihn ebenso beeindruckt hat wie die Verweigerung zu klarer Antworten.
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