Elke Fein

Geschichtspolitik in Russland

Chancen und Schwierigkeiten einer demokratisierenden Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft Memorial
LIT Verlag, Münster 2000
ISBN 9783825844165
Broschiert, 288 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Im Umgang mit ihrer Geschichte offenbart sich das Selbstverständnis einer Gesellschaft. Die vorliegende Studie untersucht Wandel und Kontinuitäten der Geschichtspolitik in der Sowjetunion und Russland von 1953 bis 1999, wobei der "offiziellen Geschichtspolitik" vor allem diejenige der 1987 unter anderem auf Betreiben Andrej Sacharows entstandenen Gesellschaft "MEMORIAL" gegenübergestellt wird. In der ausgehenden Sowjetunion forderte Memorials "Geschichtspolitik von unten" das ideologische Monopol der KPdSU-Führung heraus und entfaltete mit ihrem ethisch-moralischen Profil eine deren Legitimität und Macht zerstörende Wirkung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2001

Zwei Bücher kann Ulrich M. Schmid vermelden, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Russlands stalinistischer Vergangenheit und den Aufarbeitungsversuchen der Gruppe "Memorial" befassen.
1.) Irina Scherbakowa: "Nur ein Wunder konnte uns retten. Leben und Überleben unter Stalins Terror"
In Russland besteht anders als in den anderen jungen osteuropäischen Demokratien kein Interesse daran, kritisch die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, behauptet Schmid einleitend. Eine Ausnahme bildet für ihn die Vereinigung "Memorial", der die Historikerin Irina Scherbakowa angehört. Da sich der Stalin-Terror nicht in abstrakten Zahlen ausdrücken lasse, so Schmid, habe sie die vermutlich einzig richtige Darstellungsweise gewählt: Scherbakowa schildert fünf Lebensschicksale, angefangen mit der Geschichte ihres eigenen Großvaters, die sich alle - ob politikgläubig oder -ungläubig - im repressiven Staatsapparat verfangen hatten. In Bezug auf ihre eigene Familie komme die Publizistin zu dem bitteren Schluss, dass die eigenen Vorfahren am Aufbau der Repressionsmaschinerie beteiligt waren, deren Willkür die Nachfahren dann zum Opfer fielen.
2.) Elke Fein: "Geschichtspolitik in Russland"
"Sorgfältig" nennt Schmid die Arbeit der Historikerin Fein, die offizielle wie dissidente Interpretationen der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts analysiert hat. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht die Gruppierung "Memorial", die sich 1987 während der Ära Gorbatschow gebildet hatte. Man habe, berichtet Schmid, auf eine Art "Nürnberger Prozess" gewartet - vergebens. Immerhin kam es 1992 zu einem Prozess gegen die KPDSU, in der die Unrechtmäßigkeit ihrer Herrschaft festgestellt wurde. Heute interessiere das kaum noch jemanden, meint Schmid, was sich auch daran zeige, dass die Mitglieder von "Memorial" zumeist schon recht betagt sind. Bedenklich findet Schmid ebenso wie die Autorin die Tatsache, dass die Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer systematisch verzögert wird bzw. teilweise einfach nicht stattfindet.