Ein großer Gesang über die Natur, ihre Schönheit und ihre Gefährdung, den Empfindungskosmos von Tier und Mensch - oszillierend zwischen den Sprachen, schwebend zwischen Tag und Nacht.Den aus der Fülle des Lebens in Finnland schöpfenden Gedichten - seiner reichen, immer gefährdeteren, bewahrungswürdigen Natur, ihrer Licht- und Dunkelheitsdramatik und ihrer Mythenwelt - wohnt eine imaginäre, bisweilen utopisch-visionäre Leuchtkraft inne. Selbst dahin, wo Dunkles vorherrscht, scheint das titelgebende Gedicht mit seiner auch bildlich zu begreifenden Entdeckung auszustrahlen: "und ja / die aussichtslosigkeit ist spiegelglatt / gebete noch so aufgeraute rutschen an ihr ab … / revontulet das polarlicht zeigt sich hier nach zeiten der verborgenheit / wir fühlen eine leib- und seelengleiche ihre leichtigkeit / erfasst von dieser nachtverwandlung / als wärn wir an das große unbegriffene lichtwerk oben angeschlossen". Kapitelnamen wie "trostung", "horch nochmal" spielen auf nur erahnbare Quellen von Licht an und verweisen indirekt auch auf die heilsame Musikalität, die Widerstandskraft und die Erlauschgabe der Poesie. Die Gedichtgruppe "geheimnisse kann man nicht auflösen" ergründet die Denkwelt eines der Dichterin nahen autistischen Menschen. Auch dort geschieht eine ganz eigene Nachtverwandlung. Umschlossen wird der Band vom in Blankversen verfassten Ergebnis eines Eintauchens in Rilkes "Achte Duineser Elegie". Ein Motivgewebe entsteht mit anderen Gedichten, die sich aus einer kontemplativen, zyklische Zeitvorstellung stärkenden Lebensweise bilden - eine Haltung, die im weiteren Sinne Erhellung bringt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2026
"Ausnuanciertes Sprachgelände" durchquert Rezensent Christian Metz mit den Gedichten von Dorothea Grünzweig. Nicht nur von den Sonetten, den Dorothea ihrem Bruder Frieder widmet, ist der Kritiker beeindruckt, auch der Rest ihrer "sprachschillernden" Lyrik lässt Metz staunend zurück. Alle Gedichtzyklen variieren das Motiv der "Anatrope", erkennt Metz, dem "Umschlagpunkt" vom Leben in den Tod. Ohne Interpunktion und Groß-Kleinschreibung kommt die Dichterin aus bei einer gleichzeitigen Motivation die Alltagssprache hinter sich zu lassen ("die durst- und staubstrecke der tauben pappsprache") und etwas ganz Neues zu schaffen. Das gelingt laut Metz dank einer großen Sensibilität, dank interkultureller Anspielungen und sprachlicher Anleihen ans Finnische, aber auch Schwäbische. Auch religiöse Referenzen macht der hingerissene Kritiker überrascht aus, der diese "hypersensitive Fühlhaar-Poesie" geradezu als Offenbarung erlebt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 11.06.2026
Rezensent Björn Hayer kann sich über die Gedichte von Dorothea Grünzweig nur wundern: So viel Finsternis durchzieht die Verse der in Finnland lebenden Dichterin, die sich hier den Themen Krieg oder Klimawandel widmet - und doch sind die meisten Gedichte voller Hoffnung. Wie macht die Lyrikerin das? Indem sie sich "erfrischend unzeitgemäß" der Mystik zuwendet, etwa wenn sie Engel oder Wildgänse auftreten lässt, die Jesu Ankunft verkünden. Überhaupt geht es der Dichterin viel um Tierethik, verrät der Kritiker, der berührt liest, wei nach der blutigen Erlegung eines Rotwilds noch der "reim von weh und reh" nachklingt. Nicht zuletzt lobt Hayer Sprach- und Mitgefühl von Grünzweig.
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