1940 fand im Moskauer Bolschoj-Theater eine Aufführung statt, die als ein kultureller Höhepunkt des Hitler-Stalin-Pakts gedacht war: Richard Wagners Walküre in der Inszenierung von Sergej Eisenstein. Dank dessen subversiver Kraft wurde daraus kein faschistisch-kommunistisches Stelldichein, sondern ein Ereignis, in dem sich die großen politisch-ästhetischen Konfliktlinien der Moderne abzeichnen. Dieser irrlichternden Begegnung von Wagner und Eisenstein widmet Dieter Thomä einen großen Essay, in dem er jene Konfliktlinien bis in die Gegenwart fortzeichnet. Behandelt wird der Hang zum Gesamtkunstwerk ebenso wie der Ausgriff auf die politische "Totalität". Doch findet sich bei Wagner und Eisenstein auch eine zarte Geste zur Rettung des Individuellen: eine kleine Verteidigung des "Mitleids". So wird aus der historischen Trouvaille ein überraschend aktueller Kommentar zu einem Grundkonflikt der Moderne: dem Verhältnis zwischen Individuum und Allgemeinheit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2006
Gerhard R. Koch zollt dem Autor Respekt. "Nicht unvermint" sei das Gelände, das Dieter Thomä mit seiner Revision Wagners und Eisensteins betrete. Thomäs Ansatz, ausgehend von film-, musik und theaterwissenschaftlichen Überlegungen, von ästhetischer Theorie und politischer Ideengeschichte zu ethischen Aussagen zu gelangen, folgt Koch mit Interesse. Plausibel findet er Thomäs Ansatz, die "dynamische Interaktion" im Wagnerschen Gesamtkunstwerk und die Montagetechniken Eisensteins als Möglichkeit aufzufassen, eine widersprüchliche Totalität zu kreieren und so ethisch-ästhetische Prozesse in Gang zu setzen. Überwältigt zeigt sich Koch zudem von der schieren Informationsfülle, vor deren Hintergrund Eisenstein als Kommunikator der Konflikte seiner Zeit erscheint.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2006
Was, wie man meinen könnte, zunächst nur um der spektakulären Wirkung willen unternommen worden ist, nämlich die vergleichende philosophische Untersuchung von Richard Wagner und Sergei Eisenstein, erweist sich im Verlauf des Buches als durchaus lohnenswerter Versuch über eine Theorie der Moderne, erklärt Josef Früchtl. Kenntnisreich und offenbar mit allen philosophischen Wassern gewaschen legt der Rezensent das von Dieter Thomä entworfene "Doppel-Programm" der Moderne dar, nämlich die gleichzeitige Verfolgung des allgemeinen Fortschritts wie auch der individuellen Selbstbestimmung. Früchtl glaubt insbesondere in der These des Autors, dass Mitleid sich als "Repräsentation" des Leids niederschlägt, einen Anstoß für zukünftige kontroverse Diskussionen vor sich zu haben und gewinnt im Lauf der Lektüre zudem den Eindruck, es hier mit einem Baustein eines größeren Werks Thomäs zu tun zu haben. Thomäs Annahme, Wagner und Eisenstein erkundeten in Oper und Film sowohl die "Spannungsverhältnisse" als auch die "Übergänge" der Moderne, was der Kunst der beiden eine "Schlüsselfunktion" innerhalb der Entwicklung der Moderne zukommen lässt , findet der Rezensent zwar plausibel, meint allerdings, dass man das auch "bescheidener" hätte formulieren können.
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