David Wagner

Was alles fehlt

12 Geschichten
Cover: Was alles fehlt
Piper Verlag, München 2002
ISBN 9783492044769
Gebunden, 150 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

"Mir blieb das Gefühl, bloss zu Besuch, mehr oder weniger zufällig mit aufs Bild geraten zu sein. Hin und wieder träumte ich, die Tür der Dunkelkammer im Keller ginge auf, Ihr Mann träte heraus und fände mnich in seinem Ehebett."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.12.2002

"Ohne Zweifel", ist Wolfgang Lange überzeugt, gehören die Geschichten von David Wagner zu den "besseren" unserer Zeit, denn sie erzählen "subtil" von Stimmungen und Gefühlen der Gegenwart, meint der Rezensent. Diese Erzählungen seien "unscheinbar" und doch "prägnant in Szene gesetzt", handeln von Menschen "wie du und ich", "unverhofften Begegnungen", "schmerzlosen Abschieden" und dem "Einerlei des Alltags", berichtet der Rezensent, der diese "Episoden" mit den short stories von Raymond Carver vergleicht. Ähnlich wie Carver nämlich erzähle Wagner "nüchtern", "lakonisch", "unaufdringlich" und "intelligent", und so "episodenhaft" jede dieser Geschichten auch sei, so sicher stehe am Ende ein Abschluss Gebendes "das war's", staunt Lange.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.12.2002

In David Wagners Erzählungen, erklärt der Rezensent Hubert Winkels, hat sich alles "Entscheidende" immer schon längst ereignet, so dass ihnen durchweg die Struktur des Nachträglichen anhaftet. Wagner lasse den Leser eintreten in die "heiße Zone der existentiellen Lügen und Verwirrungen", der "familiären Katastrophen, kaputten Selbstbilder und vollzogenen Selbstmorde". Wagners "erzähltechnisches Verfahren" schaffe durch die gleichzeitige Lakonie und Präzision seiner Sprache "unmerkliche Übergänge von verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen", die es praktisch unmöglich machten, die Außenwelt von der Innenwelt zu unterscheiden. Diese Dichte hat es dem Rezensenten angetan, doch er befürchtet, dass diese Erzähltechnik gerade auf kurzen "Erzählstrecken" leicht zur "Masche" werden könne. In einer der zwölf Geschichten glaubt Winkels ein Sinnbild für Wagners erzählerische Funktionsweise gefunden zu haben: das Seil, das aus geflochtenen Schnüren besteht, und von einer letzten Schnur zusammengehalten wird. Diese letzte Schnur ist für den Rezensenten die letzte Geschichte, in der sich alle vorherigen Figuren auf einer Party treffen und missgünstig beobachten. Dies wirke "wie eine Farce nach der Tragödie", die dem Vorhergehenden einen ironischen Unterton verleihe. Doch auch hier, so Winkels, komme niemand "unbeschädigt" davon.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2002

Alles, was dem Rezensenten bislang an Vorurteilen über die Berliner Jungautoren zu Ohren gekommen ist, scheint sich in dem neuen Erzählband David Wagners für ihn zu bestätigen; Berlin-Mitte ist nicht das ganze und schon gar nicht das wahre Leben, und Markenkenntnis bedeutet noch lange keine Weltläufigkeit, stellt Bisky fest. Obwohl in Wagners 12 Erzählungen jede Menge gestorben und Abschied genommen wird, so Bisky, werde er das Gefühl nicht los, einer völlig belanglosen Welt beizuwohnen, was vor allem daran liege, analysiert er, dass Wagners Personal alle Zumutungen der Außenwelt, jede intensive Erfahrung abwehre. Am meisten trage aber zu diesem Eindruck der Autor selbst mit seinem routinierten Erzählstil bei, meint Bisky, der sich an die gedämpfte Atmosphäre einer Hotelbar an einem Sonntagnachmittag erinnert fühlt. Zwei Geschichten ("Was fehlt", "Badeschlappen") fallen allerdings für ihn aus dem sonntäglichen Langeweilerbad heraus: sie zeugten von einer "Intensität des Erlebens", die Wagners Figuren sonst fehlten. In beiden Fällen geht es um das Durchleben einer Trennung nach einer symbiotischen Beziehung - da sei das Außenleben per se ausgespart, behauptet Bisky, und bleibe deshalb vom Anstrich des Belanglosen verschont.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2002

Die (emotionalen) Defizite und Wunden, um die es in Wagners Geschichten geht, sind Gerrit Bartels' Empfinden nach so übermächtig, dass sie gar nicht kommunizierbar sind, sondern "nur in Andeutungen und Nebensätzen bemerkbar" werden. Statt dessen wird extrem viel über Alltägliches geredet. Wagners Protagonisten fällt es nach Bartels Meinung schwer, zwischen emotionalen Bedürfnissen und der Einkaufsliste, die abgearbeitet werden will, zu unterscheiden. Wie der Autor diese Zustände beschreibt, hat nach Bartels Meinung allerdings etwas sehr "Kalkuliertes und Kühles". Diese Erzählstrategie erlaubt es ihm, "die unspektakuläre, von den Dingen bestimmte Gegenwart, mit den Deformationen aus der Vergangenheit zu verknäulen", beobachtet Bartels, und am Ende jeder noch so erfolgreich scheinenden Biografie steht ein "nicht mehr als ein resignierendes Immer-weiter-so".
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