David Chariandy

Der karibische Dämon

Roman
Cover: Der karibische Dämon
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783518420652
Gebunden, 204 Seiten, 16,80 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Melanie Walz. Es scheint, als habe die Zeit das Haus am Rande Torontos übersehen. Und auch seine Bewohnerin, die seit Jahren immer seltsamer und vergesslicher wird, lebt ganz im einsamen Rhythmus ihres dünner werdenden Gedächtnisses. Doch hat sich zwischen ihr und ihrem Sohn, der sie vor zwei Jahren als Teenager verließ, manches verändert. Jetzt ist er zurück und versucht nicht ohne Schuldgefühle, aber vor allem mit der Neugier des Spurensuchers, die verbliebenen Gedächtnissplitter der Mutter wieder zusammenzufügen. Wie erlebte sie ihre Kindheit in Trinidad, wie den Abschied von der Heimat und die Ankunft in der Fremde? Und worin besteht das Geheimnis, das ihre Existenz und auch seine eigene stets geprägt hat? Mehr und mehr beginnt er zu verstehen, daß auch seine Biografie auf dem Spiel steht. Die Erinnerung kehrt in ihrer beider Leben ein wie der Dämon aus den alten Geschichten der Karibik.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.11.2009

Weil Kanada das Land mit der größten Einwandererquote ist, findet Georg Sütterlin es nicht überraschend, dass auch die kanadische Literatur sich verstärkt dieses Themas annimmt. Im Debütroman des 1969 in Toronto geborenen Autors mit karibischen Wurzeln, David Chariandy, spielt es die zentrale Rolle: Ein Ich-Erzähler kehrt nach langer Abwesenheit zu seiner demenzkranken Mutter zurück, um etwas über seine Herkunft zu erfahren. Aus den der Kranken mühsam entlockten Erinnerungsfragmenten setzt sich eine typische und dabei "tieftraurige" Einwanderergeschichte zusammen, teilt der Rezensent mit. Die erschütternden, aber mitunter auch durchaus komischen, Schilderungen der Auswirkung der Demenz sind Sütterlin genauso unter die Haut gegangen wie die Darstellung des elementaren Fremdseins und der Entwurzelung, die das Einwandererschicksal der Eltern des Ich-Erzählers grundiert. Auf das sich schon im Titel andeutende karibische "Lokalkolorit" hätte er zwar gut verzichten können, die atmosphärisch dichten und präzise beobachteten Schilderungen aber preist er als sehr überzeugend. Und dass sich aus der Suche des Erzählers am Ende so etwas wie ein Richtungswechsel seines Lebens ergibt, fand er sehr tröstlich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2009

Als "perfektes Gegenstück" zu Tilman Jens' Buch über die Demenz seines Vaters, des großen Gelehrten Walter Jens, begreift Reinhard Helling diesen Band. Geschrieben hat ihn der kanadische Autor David Chariandy, Sohn "schwarzer und südasiatischer Einwanderer aus Trinidad". Es ist ein Roman, der aber offenbar autobiografisch grundiert ist. Ein Ich-Erzähler ohne Namen berichtet vom Leben mit seiner Mutter, die an "präseniler Demenz" erkrankt ist. Für den Sohn aber bedeutet diese Begegnung auch eine Erkundung der Welt seiner Herkunft. Und beides, die Gegenwart und seine Annäherung an die Vergangenheit, verstehe der Autor, so Helling, mit "bewunderswertem Einfühlungsvermögen" zu schildern. Der Rezensent sieht Chariandy als viel versprechende neue Stimme der kanadischen Literatur und bedauert, dass das Buch keinen der vielen Preise, für die es nominiert war, gewinnen konnte. Ein zweiter Roman mit dem Titel "Brother" ist aber, informiert er uns, bereits angekündigt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.04.2009

Eine "lichtlose und ergreifende postkoloniale Gothic Novel" hat Rezensentin Susanne Messmer mit diesem Buch zu feiern, in dem es, wie sie schreibt, auch um das Phänomen Krankheit als Widerstand geht -verhandelt an einer Frau, die sich für das Vergessen entschieden habe. Erzählt werde aus der Sicht des Sohns, der als Kind von Einwanderern aus Trinidad mit afrikanischen und asiatischen Wurzeln in Kanada, die Geschichte seiner Mutter nachzuerzählen oder besser zusammenzupuzzeln versuche. So erhellt sich dann für die Rezensentin Stück für Stück die Symptomatik der alten Adele - auch als Phänomen des Umgangs der einen Zivilisation mit der anderen, einer dominanten weißen Kultur und ihren Verdrängungsmechanismen.
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