Herausgegeben von Daniel Fulda und Walter Pape. Wer Menschen isst, ist kein Mensch. Keines der zentralen Verbote der abendländischen Kultur prägt die Wahrnehmung des Anderen derart wie das Anthropophagieverbot. Literarisch faszinierend ist aber nicht nur der Schrecken der Menschenfresserei, sondern auch ihr enormes Potential, ein ganz Anderes, das oft das verdeckte Eigene ist, zu versinnbildlichen. Der Mund symbolisiert den Komplex von Sprache und Kommunikation, Identität und Körperlichkeit, Sexualität und Gewalt. Motive und Metaphern des Anthropophagiediskurses markieren kulturelle Grenzen wie deren Überschreitung und rücken so ins Zentrum des kulturwissenschaftlichen Interesses. Die Beiträge dieses Bandes analysieren die Kritik des europäischen Menschenbildes in vielen Texten ebenso wie die oft subtilen ästhetischen Strategien in der Darstellung des tabuisierten Faszinosums.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.01.2002
Bezüglich der Zuverlässigkeit der Kannibalismus-These, erklärt Arno Orzessek, enthielten sich die Herausgeber des Bandes eines Urteils, um die Menschenfresserei als "operativem Begriff europäischer Selbstvergewisserung" unter die Lupe zu nehmen. Nach Auskunft des Rezensenten gelingt das am besten dem Altertumswissenschaftler Wolfgang Dieter Lebek, der in einem 60-Seiten-Essay den Wahrheitsgehalt der Tagebücher Cristobal Colons, in denen erstmals von "Cannibalismus" die Rede ist, "mit detektivischer Lust", Kompetenz in antiken und neuen Sprachen und bestechendem Wissen über Riten und Essgewohnheiten untersucht. Auch unter den enthaltenen Aufsätzen, die sich dem "Kannibalismus als Text-Phänomen" widmen, hat Orzessek einen Favoriten: Aus der "Forschungstiefe" von Johann Carl Wezels "Belphegor" bis Marcel Beyers "Menschenfleisch" ragt für ihn der "konzeptuell wichtigste" Aufsatz von Walter Pape. Dieser zeige, dass das Motiv und die Metapher von der Menschenfresserei ein "epistemologisches Vakuum" füllten und ansonsten unaussprechliche Fragen der Identität ausdrückten.
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