Aus dem Litauischen von Cornelius Hell unter Mitarbeit von Lina Pestal und Rita Hell. Die Umwälzungen des pulsierenden postkommunistischen Jahrzehnts, das Leben in der Sowjetunion geprägt von Mangel und Misstrauen, aber auch von den skurrilen Schlupflöchern des Alltags, der Überlebenskampf der Emigranten nach dem Zweiten Weltkrieg und das weitgehend agrarisch geprägte Litauen der Vorkriegszeit, all das wird sichtbar in dieser Anthologie litauischer Erzählungen. Literatur dient als Sonde, die das Leben in einem noch immer weitgehend unbekannten Land Europas erkundet. Von der Unmöglichkeit, die Gespenster des KGB loszuwerden, ist die Rede, aber auch von der archaischen Vergangenheit des Heidentums und gegenwärtigen Problemen. Autorinnen und Autoren der jüngsten Generation sind ebenso vertreten wie litauische Klassiker des 20. Jahrhunderts.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.03.2003
Von der ersten Geschichte sollten sich die Leser nicht abschrecken lassen, verkündet Sabine Franke, die sich tapfer durch insgesamt zwanzig Erzählungen gekämpft hat, die eine weite Zeitspanne umfassen: von der Zarenzeit über das Sowjetimperium bis heute. Kein Wunder, dass durch viele dieser Erzählungen die Gespenster der Vergangenheit spuken, so Franke. Was uns manche der Texte schwer verdaulich erscheinen lassen würde, wäre aber etwas anderes, erklärt sie: das Pathos, die Symbolhaftigkeit und eine Bedeutungsschwere, mit der vor allem in der Sowjetzeit ein "plakatives Nichtsagen des Gemeinten" einherging. Aber nicht alle Erzählungen seien düster oder völlig trostlos, handelten von Schweinekolchosen oder heidnischen Priestern, meint Franke; Algirdas Landsbergis, ein Exilschriftsteller, führe effektvoll Internationalität vor, allerdings um den Preis, dass er die Bodenhaftung an sein Heimatland verloren habe. Als Gesamteindruck ist bei Franke das Bild einer bestimmten Erdverbundenheit und Ursprünglichkeit der Litauer geblieben, Dinge, die wie nur noch als "Klassiker" an uns heranlassen würden, so Franke.
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