Das Lesen ist in der Krise, das Schreiben wird durch generative KI automatisiert: Die Alphabetisierung ist im Wandel begriffen. Verlage, Bildungseinreichtungen, die Presse und andere Institutionen der Schriftkultur finden sich in der Defensive wieder. Deren Fixierung auf Literalität übersieht, dass KI es den Plattformen ermöglich hat, das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit neu zur Verhandlung zu stellen. Auf Plattformen werden das gesprochene und das geschriebene Wort mit weitreichenden kulturellen, politischen und sozialen Folgen rekombiniert: Wo KI verbale Äußerungen und Texte gleichermaßen verarbeiten kann, beginnen orale über literale Formate zu dominieren. Damit läuft das Lesen Gefahr, eine Kulturtechnik der Wenigen zu werden. In "Die Zukunft des Lesens" zeigt Christoph Engemann, wie die neuartige Plattform-Oralität von Podcasts, Onlinevideo und TikTok nicht nur das Lesen verändert, sondern deren KI-gestützte Monopolisierung auch die Offenheit der Sprache infrage stellt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2025
Rezensent Andreas Gold liest Christoph Engemanns Essay als kluge, zugleich beunruhigende Analyse eines kulturellen Umbruchs. Engemann beschreibt, wie "Plattform-Oralität" die Schriftkultur ablöst. Ein Prozess, der Lesen und Schreiben in maschinelle Routinen überführt. Statt selbst zu lesen, "lassen wir lesen". KI-Tools, Podcasts und Clips verdrängen das vertiefte Lesen langer Texte, wodurch, so Engemann, ein neues "Machtgefälle zwischen Selbstlesern und aus zweiter Hand Lesenden" entsteht. Der Kritiker lobt die präzise Beschreibung dieser Verschiebung, vermisst jedoch eine kognitionspsychologische und pädagogische Einbettung. Gleichwohl überzeugt ihn der Essay als nüchterne, technologieoffene Kulturdiagnose, die das "System Buch" unter Druck sieht, ohne in Kulturpessimismus zu verfallen, schließt der Kritiker.
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