Botho Strauß

Der Untenstehende auf Zehenspitzen

Cover: Der Untenstehende auf Zehenspitzen
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446204911
Gebunden, 168 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Ein weiterer Band von Botho Strauß' unzeitgemäßen Betrachtungen: über den Rückgang der Empfindungsfähigkeit und die Zunahme der Abstumpfung meditiert einer, der davon überzeugt ist, dass wir das Erinnern neu erfinden müssen. Wer nur nach vorn schaut, wird die Verluste und Opfer, das, was uns abhanden kommt, weder sehen noch verstehen; aber auch dem bloß starr zurück Schauenden wird die gegenwärtige Not nicht verständlich.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.05.2004

So geht es einem, wenn man seine Begeisterung teilen möchte: Thomas Steinfeld zitiert, führt vor, verwirft die Einwände der Kritiker ("der grantelnde Eremit ..., was für ein törichtes Gerücht des gehobenen Tratsches!"), findet immer neue kluge Begründungen für die Größe der Strauß'schen Prosa - und will doch eigentlich nichts als schwärmen über Sätze wie diese: "Es kam eines Tages in Mode, dass man sich schönküsste. Es genügte das Nippen am Rand des anderen." (Strauß) "Und stimmt hier nicht alles", fragt Steinfeld, und hat doch seine Antwort längst gegeben - "die Beobachtung, der Vergleich und der Schluss von beidem auf die ungeheure Gefälligkeit und Selbstgefälligkeit, die in diesem Benehmen steckt?" Er lädt ein, sich zu vertiefen in die vielgestalten Prosaskizzen, sind sie doch selber, so Steinfeld, Ergebnis einer Vertiefung in die Gegenwart, unnachgiebig bis zur Klarheit. Keine Spur von Weltabgewandtheit, trotz Uckermark, trotz Natur, sondern: das strenge, poetische Denken eines "wachen, teilnehmenden und höchst informierten Zeitgenossen". So, meint der Rezensent, schreibt hierzulande außer ihm keiner.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2004

Seit einigen Jahren schon lebt Botho Strauss zurückgezogen in der Uckermark, die als karge Landschaft im äußersten Nordosten Deutschlands die Folie abgibt, wie Andrea Köhler schreibt, für seine kulturkritischen Aphorismen und Notizen. "Es tut dem Mann nicht gut, so viel allein zu sein", stellt Köhler lakonisch fest. Von Sehnsucht sei ständig die Rede, meint die Rezensentin, "einer Sehnsucht nach einem verlorenen Empfindungsgut", zitiert Köhler den Autor, die es gar nicht geben könne, "da jene mit diesem unterging". Das Resultat laut Köhler: nicht nur Weltschmerz, sondern auch eine gewisse Melancholie und eine halb eingestandene Resignation. Strauss' Eiferertum, seine Verbitterung und harsche Kritik am heutigen Lifestyle, sein "rücktönender Sound" und seine Vision einer dichterischen Emigration in ein "Geheimes Deutschland" sind aus seinen früheren Texten wohlbekannt; neu seien diesmal, hält Köhler fest, eine zu merkende Irritation, welche den empörten Ton und die oftmals herrische Geste Strauss' abmildere, neu sei diesmal ein demütiger Zug, ja der Rückzug von der Künderkanzel. Am einprägsamsten findet Köhler darum auch Strauss' Naturbilder, seine Wolkenbilder, die anders als seine Weltbilder viel eher Bescheidenheit statt Bescheidwissen verkündeten. Der selbstzweiflerische Strauss ist Köhler am sympathischsten. Nützt das Alleinsein also doch?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.04.2004

Es dauert eine Weile und etliche Schwenker, bis Martin Lüdke mit seinem Befund über Botho Strauß' neues Buch herausrückt: "Strauß ist zahm geworden, ästhetisch, politisch und leider auch stilistisch." Was ist bloß aus ihm geworden, dem "alten Berliner Befindlichkeits-Seismographen", seit er in die Uckermark gezogen ist? Ein Rückzug, der sich auf Strauß' Schaffen ausgewirkt hat, so sieht es zumindest Lüdke, der ihn auf dem Weg in die Handke'sche "Niemandsbucht" wähnt. Aus und vorbei sei es mit "forscher Diagnostik und knatternder Kulturkritik", dank der "neuen Gelassenheit" des Landbewohners, aber nicht allein deshalb. Zu spüren seien nämlich zudem "Zweifel an der Tauglichkeit des bislang verwendeten Werkzeugs". Als literarisches Symptom hat Lüdke die Ablösung des Erzählens durch die reine Reflexion ausgemacht, als geistiges den bewussten Abschied von der "Zeitgenossenschaft". Anders gesagt: "Alles hat seine Zeit. Und die läuft ab. Strauß ist, so gesehen, eine hübsche Erinnerung."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Sie mag ihm gar nicht mehr widersprechen, stellt Iris Radisch gleichermaßen erstaunt wie besorgt fest, und doch, gesteht die Literaturkritikerin, beschleicht sie beim Lesen von Strauß' neuesten Notaten mit dem schönen Titel "Der Untenstehende auf Zehenspitzen" leichte Ungeduld. Wer will Strauß' kulturkonservativem Lamento, seiner Untergangsklage, die er schon vor zehn Jahren in den "Bocksgesängen" zur Empörung vieler anstimmte, heute noch ernsthaft etwas entgegenhalten, fragt Radisch. Auch in seinem neusten Buch geht das Lamento weiter, bekennt sie, endlos sei die "Kette der Verfallserscheinungen", die Strauß aneinander reihe, und dennoch: messerscharfe Kulturanalyse und glänzende Fortschrittskritik, bekräftigt Radisch. Was sie stört, vielleicht auch langweilt, ist die Wiederholung der alten Rede, die "kalte" und "pompöse" Geste, mit der Strauß verkündet, was er immer schon verkündet hat. Das alles ist glänzend formuliert, gesteht Radisch zu, sozusagen in "Goldrand" gefasst, wodurch es sich zwar von der deutschen Durchschnittsprosa abhebe, aber eben auch nicht daran reibe, sondern steril bleibe. Die schönsten Passagen in dem Buch sind darum für Radisch diejenigen, wo Strauß gleichsam auf Zehenspitzen unter seinen Rotbuchen in der Uckermark steht und sich Sorgen um die Baumkronen macht. "Offenbar erkennen auch sie nicht, was höher ist als sie selbst", schreibt Radisch liebevoll spöttelnd.
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