Birgit Bauer

Im Federhaus der Zeit

Roman
Cover: Im Federhaus der Zeit
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2003
ISBN 9783421056993
Gebunden, 383 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Zwei Kindheiten - von Mutter und Tochter - werden in diesem Roman parallel erzählt, die eine beginnt als Lebensbornschicksal in der Nazizeit, wird in der DDR fortgeführt und endet mit der Flucht in den Westen, die andere wird in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik verbracht. Trotz der so unterschiedlichen äußeren Ereignisse ähneln sie sich auf erschreckende und bezeichnende Weise. Lisa kommt als uneheliches Kind zu Beginn der Wirtschaftswunderzeit auf die Welt. Physische und psychische Brutalität, Gefühlskälte und soziale Isolation bestimmen ihre ersten Lebensjahre. Als junge Frau erkennt sie, daß ihre Mutter ebenso eine Getriebene ist wie sie selbst, und beginnt Erklärungen für das Fehlen jeglicher Familie zu suchen. Ihr gelingt es, das Schweigen der Mutter zu brechen: Sie erfährt, daß ihre Mutter ein Lebensbornkind ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.12.2003

Au Backe. Robin Detje missfällt dieses Buch nicht nur, es schüttelt ihn geradezu, wenn er es bespricht. Birgit Bauer erzählt die schicksalshafte Geschichte eines ehemaligen Lebensborn-Kindes aus dessen Perspektive. Schicksal identifiziert Detje dann auch als Leitmotiv des Buches. Die These der Autorin sei folgende: Der Sadismus der "Hitlerei" habe sich im Adenauer-Deutschland fortgesetzt. "Wir sind alle Kinder der Gewalt. Wir konnten nicht anders. Schicksal!" Darauf beharre Bauer mit einer trivialen Intensität, die "aus der Welt der Schundheftchen" stamme. Auf jeder beliebigen Seite des Buches, seufzt Detje, werden genug Höhen und Tiefen für einen ganzen Roman durchschritten. Ironischerweise lebe genau damit ein wenig vom "Original-Nazi-Pathos" wieder auf. Mit ihrer Protagonistin verfahre die Autorin wie eine "Alleinherrscherin", und auch der Leser werde aus diesem "ersatzmütterlichen Schutzbedürfnis" heraus "infantilisiert". Für Detje ist Bauers Buch ein Vorbote des "großen Geraderückens", das uns nach Jörg Friedrichs "Brand" erwartet. Das Tätervolk werde zum Opfervolk: "Die Entlastungsoffensive rollt."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.11.2003

Der nationalsozialistische Lebensborn wollte eine reinrassige arische Jugend heranzüchten, klärt uns Reginald Grünenberg auf. Schätzungsweise 20.000 Kinder verdankten dem Lebensborn ihr Leben. Wie lebte ein Kind mit dieser Herkunft nach dem Untergang des Dritten Reiches, fragt Grünenberg und verweist auf die überzeugende literarische Verarbeitung dieses Themas bei Birgit Bauer. Zwei Frauenschicksale werden geschildert, eine Mutter-Tochter-Beziehung, in der sich bestimmte Muster wiederholen. Grünenberg fasst die Handlung wie folgt zusammen: Die Mutter wird 1936 im Lebensborn geboren und kommt nach 1945 in ein sozialistisches Waisenhaus, ein Schicksal, das sie ihrer eigenen unehelich geborenen Tochter in den 50er Jahren verschweigt und doch ebenso wenig ersparen kann, da man ihr das Sorgerecht für das Kind entzieht und dieses wiederum in ein Heim steckt. Bewundernd äußert sich der Rezensent über die dezente Verflechtung der Handlung mit den politischen Hintergründen im Roman, der auch die Adenauerära nicht gerade ruhmvoll werg kommen lässt. Erst allmählich lerne die Tochter die Härte und das Schweigen der Mutter zu durchschauen, meint Grünenberg, der den Roman "wie eine Lunte" auf ein explosives Ende zulaufen sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Uwe Schütte beklagt etwas altväterlich die "Kurzlebigkeit" der Literatur der heutigen Zeit und begrüßt deshalb besonders erfreut diesen Roman, für den sich die Autorin zehn Jahre Zeit genommen hat, wie er mitteilt. Das Buch erzählt in zwei Parallelgeschichten die Schicksale vom Mädchen Lisa, das als uneheliche Tochter in einem katholischen Weisenhaus aufwächst, und ihrer Mutter, die in einer "Lebensborn-Zuchtanstalt" der Nazis geboren wurde, informiert der Rezensent. Er streicht die mühevolle Recherchearbeit Bauers heraus, die allein fünf Jahre gedauert habe, in denen sie viele Zeitzeugen interviewt habe. Schütte sieht den Roman als Teil der Geschichtsschreibung an, der "oral history", auch wenn sich für ihn darin das Buch keineswegs erschöpft. Denn Bauer "dokumentiert nicht nur, sondern interpretiert auch", stellt der Rezensent angetan fest. Sowohl die Entscheidung für die besondere Erzählweise - die Autorin erzählt von der Tochter in der dritten, von der Mutter in der zweiten Person - als auch die Gegenüberstellung der beiden weiblichen Schicksale findet Schütte außerordentlich gelungen. Zudem, so der Rezensent am Ende begeistert, zeigt dieses Buch wieder mal, "welch emphatische Identifikation ein Roman ermöglichen kann", und das verlängert seine Wirkung, wie er betont.
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