Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck. Vom Bürger zum Soldaten: Diese Verwandlung ist das zentrale Thema der kunstvollen Kriegsbeschreibungen des großen ukrainischen Schriftstellers Artem Tschech. Eine universelle Geschichte männlicher Verletzlichkeit, Emotionalität und Verantwortung. Eine Uniform lässt sich nicht einfach wieder ablegen. Sie verändert den Menschen, der sie trägt, für immer. Von dieser Erfahrung erzählt Tschech. Im Jahr 2022 wird er erneut an die Front berufen. In Echtzeit erlebt man mit, wie sich der Schriftsteller zum Soldaten wandelt, und folgt ihm von der Region Kyjiw zu den Frontstädten im Osten, ins friedliche New York und schließlich nach Bachmut. Doch dieser Soldat erzählt nicht vom Krieg. Sondern davon, wie der Krieg alle Sicherheiten fortreißt und welchen Halt man der inneren Zerrissenheit entgegensetzen kann. Für ihn lässt die Musik weiblicher Künstlerinnen - Lana Del Rey, Florence + The Machine und Lola Marsh - diesen rettenden Raum entstehen. So wird in den virtuosen Kriegsbeschreibungen von Artem Tschech eine neue Dimension von Männlichkeit offenbar: zweifelnd, intim, aufrichtig.
Rezensent Samuel Hamen ist beeindruckt von diesem Buch, in dem der ukrainische Autor über sein Soldatenleben im Ukrainekrieg schreibt und gleichzeitig das Schreiben darüber reflektiert: Den Frontsoldaten Tschech lassen die Ereignisse verstummen, der Zeuge Tschech arbeitet jedoch für einen Kulturbetrieb, der "nach Authentizität verlangt", so Hamen. Und so geht es auch nicht nur um den Krieg, sondern auch um ein Manuskript, das nicht fertig wird, und um Musik als große Trösterin. "Musik ist Ausrüstung und Gegenwelt zugleich", der der Krieg nichts anhaben kann, lernt der Kritiker. Manchmal wird Tschech zu pauschal, meint Hamen, der das Buch, das er mal als dokumentarischen Roman beschreibt, mal als "biografisch-essayistische Kriegsliteratur", dort am stärksten findet, wo Tschech sich allen Erwartungen an einen im und über den Krieg schreibenden Schriftsteller verweigert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 24.10.2026
"Alles andere als eine Heldengeschichte" liest Rezensentin Stephanie von Oppen in Artem Tschechs Kriegsmemoiren. Der ukrainische Schriftsteller erzählt von der Nacht des 24. Februar 2022, in der er hörte wie der "Tod, der im Himmel über Kyjiw tanzte", und von dem, was im Kopf eines Menschen geschieht, der täglich zwischen Angst und Hoffnung auf das eigene Überleben, Hass und Liebe pendelt, erfahren wir. Wie er seinen Hass auf die Russen beschreibt, gehört laut Kritikerin zu den eindrücklichsten Passagen des Buches. Auch die Musik, Werke von Chopin, Miles Davis, Nick Drake, hilft ihm dabei, seelisch stabil zu bleiben und nicht wahnsinnig zu werden. Für den Stil von Tschech hat die Kritikerin einige Adjektive übrig: "unmittelbar und empathisch, mal lakonisch, schnoddrig und umgangssprachlich, mal elegant". Kulminationspunkt ist das Grauen der Schlacht um Bachmut, von dem Tschech erschütterndes, aber eindringliches Zeugnis ablegt, lobt die Kritikerin zuletzt.
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