Die Besessenheit
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518225622
Gebunden, 66 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Sonja Finck. Sie hat keine großen Gefühle mehr für ihn und trennt sich. Doch als er Monate später von einer anderen spricht, ist sie völlig aus der Bahn geworfen. Jetzt leidet sie, fühlt sich verschmäht, zurückgewiesen. Vor allem aber treibt die Frau sie um, die ihren Platz eingenommen hat - wer ist die eigentlich und wie? Ist sie schöner, besser, ist der Sex mit ihr toller? Diese Fremde wird zu einer Obsession, einer Art Wahn. "Das Seltsamste an der Eifersucht ist, dass sie eine ganze Stadt - die ganze Welt - mit einer Person bevölkern kann, der man womöglich noch nie begegnet ist." Und irgendwann ist diese Andere ein ständiger Albtraum, aus dem es womöglich gar kein Erwachen mehr gibt…Wie fühlt es sich an, von einem Menschen besessen zu sein, den man nicht mal kennt?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 02.09.2025
Rezensent Wolfgang Schneider vergleicht dieses schmale Büchlein, das Annie Ernaux bereits vor 23 Jahren veröffentlicht hat, mit den großen französischen Eifersuchtsromanen von Flauberts "Madame Bovary" bis hin zu Alain Robbe-Grillets "La Jalousie". Daran reicht Ernaux' Text für den Kritiker zwar nicht heran, große Literatur erkennt hier dennoch: Denn wie die Autorin hier immer obsessiver die neue Frau ihres Ex-Partners umkreist, sich so weit in der Eifersucht verlierend, dass sie jene bald in jeder Frau erkennt, die ihr begegnet, findet Schneider schon faszinierend. Vor allem der kühle, distanzierte Ton, mit dem sich Ernaux erinnernd an die "toxische Passion" der Eifersucht erinnernt, beeindruckt den Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.09.2025
Rezensent Nils Minkmar zeigt sich als Fan der Bücher Annie Ernauxs: Ihm gefällt, wie sie anhand ihrer eigenen Aufsteiger-Geschichte eine Art "kollektive Biografie von Frauen" schreibt und damit das ganze 20. Jahrhundert soziologisch präzise seziert. Beeindruckend ist für ihn auch der typische Sound, der Wissenschaftliches und Atmosphärisches gekonnt verbindet und die Arbeiterklasse zwischen Bildung, Aufstiegschancen, Gewalt und linker Politik zeigt. In diesem Buch geht es auf nur 66 Seiten um eine Liebesbeziehung, die von Besessenheit und Eifersucht geprägt ist und in Paris spielt - mehr verrät Minkmar nicht, versichert aber, dass es Ernaux-typisch beeindruckend, gefühlvoll und intensiv ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.08.2025
Rezensentin Birgit Schmid empfindet beinahe schmerzhaftes Mitgefühl mit der Erzählerin in Annie Ernaux' "Die Besessenheit". Dieses erzählende Ich, Alter Ego oder vergangenes Selbst der Autorin, wird hier von einem Gefühl oder viel mehr von einem Phantasma heimgesucht: Der anderen Frau - Projektionsfläche für die eigenen Unsicherheiten und Verlustängste, ein Fantasiegebilde, dem sie unterliegen muss und das nach und nach alles besetzt - ihr Denken, ihren Körper, ihre Stadt. Erst Jahre nach dieser schmerzhaften, rauschartigen Erfahrung gelingt es Ernaux, ihre Eifersucht mit der gewohnt gnadenlosen Präzision zu intellektualisieren, schreibt Schmid, heißt: sich auf künstlerischem Wege zu distanzieren, aus der eigenen Eifersucht "eine Eifersucht" zu machen, durch die eigene Erfahrung eine allgemeine menschliche Erfahrung zu beschreiben. Genau das ist Ernaux' große Stärke, erkennt die Rezensent, und diese Stärke beweist sie in "Die Besessenheit" abermals bravourös.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.08.2025
Das Allgemeine durch die Linse des Persönlichen sichtbar machen, ist eine große Kunst, die Annie Ernaux meisterhaft beherrscht, stellt Rezensentin Meike Feßmann fest. In diesem im 2002 im Original erschienenen Buch widmet sich Ernaux erneut einer allgemeinen Lebenserfahrung, "die durch konventionelle Beschreibungen so abgegriffen" ist, dass es schwerfällt, sie überhaupt noch irgendwie zu greifen: der Eifersucht, erzählt uns die Kritikerin. Ernaux beschreibt dieses Gefühl als eine Erfahrung der Besatzung und bedient sich zugleich einer literarischen Strategie der Besetzung, erklärt Feßmann: die gesamte Stadt erscheint der Protagonistin okkupiert von der anderen Frau. Indem Ernaux jedoch inneren Schmerz auf den äußeren Raum projiziert, diesen Raum künstlerisch mit dem Gefühl "besetzt", gibt sie ihm eine Form, macht es greifbar, oder wie Feßmann es ausdrückt: unterzieht die Erfahrung einer sanften "Intellektualisierung".