Ricarda Huch (1864-1947) war eine ungewöhnliche Frau. Sie verließ früh ihr Elternhaus in Braunschweig, weil die Familie die Beziehung zu ihrem Cousin Richard Huch, dem vierzehn Jahre älteren Ehemann ihrer Schwester missbilligte. Über anderthalb Jahrzehnte blieb der Familienvater und erfolgreiche Anwalt Ricarda Huchs heimliche, große Liebe ? eine Beziehung, die in unauflösbarem Widerspruch zu dem modernen Berufs- und Lebensweg einer Frau stand, deren vielschichtiges Werk einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Literatur- und Geschichtswissenschaft von damals hatte.
Großes Lob drückt Regula Venske für diese Quasi-Biografie der Dichterin Ricarda Huch aus, in der die Autorin die lebensumspannende Liebesbeziehung zwischen der Huch und ihrem Cousin schildert. Venske preist vor allem die behutsame Vorgehensweise der Autorin an, die sich der Aufgabe eigener Interpretation nicht verschließe, ohne dabei voreilig oder wertend gewesen zu sein. Denn warum die eigenwillige und selbständige junge Frau ihr Herz an einen eher konservativen und wankelmütigen Mann, der bereits mit ihrer Schwester verheiratet war, hängte, und dies über Jahrzehnte, sei nicht so ohne weiteres verständlich. Eine gute Seite habe diese Geschichte schon gehabt, darin stimmt Venske mit Gabrisch überein, die junge Frau konnte studieren, schreiben, ihr Leben leben. Die spät zustande gekommene Heirat mit dem Cousin scheiterte. Zum Schluss zitiert Gabrisch ein schönes Bonmot der Autorin, von dem wir nicht erfahren, ob es möglicherweise auf sie selbst gemünzt war: "Tugend bestraft sich immer."
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.12.2000
Alexandra M. Kedves lässt in ihrer Besprechung dieses Buchs eine große Sympathie für die Schriftstellerin Ricarda Huch durchblicken. Erst emanzipierte junge Frau, dann anhängliche Geliebte ihres Vetters Richard, die sich als `Hündlein klein` an die Leine nehmen lässt. Anne Gabrisch habe diese Geschichte "faktenreich, wenn auch nicht immer stimmungsvoll" erzählt, meint Kedves. Aber das Leben Ricarda Huchs scheint ohnehin wie ein Roman gewesen zu sein, der weitere Stilisierungen gar nicht benötigt. Kedves erzählt, wie sich Huch jahrzehntelang von dem verheirateten Richard vertrösten und betrügen ließ. Als er sie dann doch heiratete - nachdem sich seine Frau gegen seinen Willen hatte scheiden lassen - war die Liebe in drei Jahren hin. Der Rezensentin gefällt an dem Buch besonders, dass Gabrisch hinter dieser Liebesgeschichte noch eine andere Geschichte miterzähle: "a portrait of the artist as a young woman". So eignet sich das Buch ihrer Ansicht nach sehr gut auch als "Einführung" in das Werk Ricarda Huchs.
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