Alice Munro

Der Traum meiner Mutter

Erzählungen
Cover: Der Traum meiner Mutter
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783100488176
Gebunden, 221 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Kanadischen von Heidi Zerning. Mit einem Nachwort von Judith Hermann. Wie alle Geschichten von Alice Munro haben auch die vier Erzählungen dieses Bandes eine unheimliche Unterströmung; sie spielen mit der Irritation von Zeitverschiebung und Perspektivwechsel, locken den Leser mit Andeutung und Aussparung in das Reich dunkler Ahnungen. In der Geschichte "In der Nacht" inszeniert Munro den erbitterten Machtkampf zwischen Säugling und Mutter, der um ein Haar in eine häusliche Katastrophe führt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2002

Manuela Reichart wünscht sich, dass der "literarische Rang" der kanadischen Autorin Alice Munro auch in Deutschland endlich angemessen gewürdigt wird. Sie trägt auch kräftig das ihre dazu bei: In dem Band mit vier Erzählungen, in dem es vorrangig um Mütter und Töchter geht, werden "meisterhaft" authentische Gefühle dargestellt oder zumindest der "ebenso wahre Betrug", schwärmt die Rezensentin. Sie ist begeistert von der "wunderbaren" Erzählweise Munros und feiert die Autorin als "bedeutende" Schriftstellerin. Dabei sei ihre Hauptkunst die Auslassung, befindet Reichart, für die sich die Geschichten weniger über die Handlung als über die emotionalen Verstrickungen der Figuren entfalten. So entstehe ein "Sog", dem man sich nicht entziehen könne.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.08.2002

Kein Frauenbuch hat Alice Munro da geschrieben, stellt Jenny Friedrich-Freksa fest, auch wenn ausnahmslos weibliche Hauptpersonen auftreten. Die Erzählungen der Kanadierin spielen in den fünfziger und sechziger Jahren, weit vor der Frauenbewegung, die Protagonistinnen sind "eingeklemmt" in den repressiven gesellschaftlichen Normen der Zeit, viel schwerer wiegen aber die strikten Rollenzuweisungen innerhalb in der Familie, "die familiären Korsette", die keine Entfaltung zulassen. Munros "detaillierte Sicht auf die unterschiedlichsten Formen von Familienleben" lobt die Rezensentin einerseits als "große Stärke" des Buches, andererseits würde durch diese Konzentration auf das innerfamiliäre Geschehen die äußere Welt im Gegenzug fast verschwinden. Dadurch steigere sich das Gefühl der Beklemmung in den Erzählungen zusätzlich. "Den Blick auf eine bessere Welt hinter dem emotionalen Gefängnis der Familie gibt es bei Alice Munro nicht - also auch keine Hoffnung auf ein Wunderland, draußen wie drinnen." Obwohl sich seither einiges verändert habe in der Stellung der Frau, findet die Rezensentin das Buch beileibe nicht veraltet. Im Kern gehe es nämlich nicht um die Frage, "ob Frauen in der Gesellschaft frei sein können, sondern ob Freiheit in persönlichen Beziehungen möglich ist". Ein zeitloses Problem.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2002

Nur eine Meisterin könne diesen Brückenschlag bewältigen, eine Erzählung im Gewöhnlichen zu beginnen und bei einer schrecklichen Offenbarung zu enden, gegenüber der man machtlos sei, meint die Rezensentin Angela Schader und ist überzeugt, dass es sich bei der Kanadierin Alice Munro um eine solche Meisterin handelt. Sehr schön und anregend fasst Schader die Erzählungen des Bandes "Der Traum meiner Mutter" zusammenzufassen, so dass man eine Ahnung davon bekommt, wie Munro "aus der schieren Enge kleinbürgerlicher Verhältnisse großes Drama zu destillieren versteht": Etwa die Geschichte einer Frau, die aus Leidenschaft zu einem Regisseur ihren Mann und die gemeinsam Tochter verlässt, um ihr Ideal der absoluten Liebe in staubigen, schon benutzten Hotelbetten enttäuscht zu finden. Oder die Erzählung über ein elfjähriges Mädchen, das seinen Platz in einer Gemeinschaft aus Stiefeltern, Ex-Frauen und neuen Liebhabern zu finden sucht. Kein Wunder also, wie Schader notiert, dass Munros Name in den vergangenen Jahren immer wieder im Vorfeld der Nobelpreis-Vergabe genannt wurde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2002

Rezensentin Renate Schostack zeigt sich tief beeindruckt von Alice Munros Erzählungen, in deren Mittelpunkt Frauen stehen, die ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht werden. Es geht laut Schostack um das "kleine Unglück, in das sich Menschen hineinmanövrieren, wenn sie vom Glück träumen". Wie die Rezensentin ausführt, stürzen sich Munros Heldinnen Hals über Kopf in die Ehe, empfinden sie dann als Einengung und laufen prompt wieder davon. Das könnte banal sein. Ist es aber, wie Schostack versichert, dank der "erzählerischen und sprachlichen Kunst" der Autorin überhaupt nicht. Munro verstehe es, mit Zeit- und Handlungssprüngen, mit "offenen schwebenden Enden", mit Mehrdeutigkeiten, dem Leben ihrer Protagonisten eine "Aura des Geheimnisses" zu verleihen. Dabei, so die Rezensentin anerkennend, erlaube sie sich niemals eine vordergründige Symbolik, ihr Ton sei von einer fast knochentrockenen Beiläufigkeit, welchem auch die Übersetzung von Heidi Zerning vortrefflich gerecht werde.
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