Alawiyya Sobh

Marjams Geschichten

Roman
Cover: Marjams Geschichten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421437
Gebunden, 474 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Arabischen von Leila Chammas. Alawiyya, die Schriftstellerin, ist spurlos verschwunden und mit ihr die Geschichten Marjams und von Marjams Freundinnen Ibtissam und Yasmine, die Alawiyya während langer Abende in Erfahrung gebracht hatte. Deshalb springt Marjam, eine neue Scheherazade, ein und beginnt zu erzählen von sich und von so vielen zerbrochenen Leben; von all den verstoßenen Frauen; den jungen, die schwanger in einen Brunnen geworfen wurden; von Ibtissams Hoffnung auf eine Hochzeit mit Karim, obwohl der Christ ist; vom Leben Fatmes, die zehnjährig von ihrem Onkel verheiratet wurde und in der Folge achtzehn Schwangerschaften hinter sich brachte Immer weiter erzählt sie von dem durch Gewalt zerrissenen Libanon, dessen Schicksal sie am Ende ins Exil treibt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2010

Eingenommen ist Rezensentin Mona Naggar für dieses Buch der libanesischen Schriftstellerin Alawiya Sobh. Sie liest "Marjams Geschichten" als Auseinandersetzung mit der Geschichte Libanons aus weiblicher Sicht. Die Hauptfigur Marjam, die Geschichten über sich, ihre Freundinnen und über die Generation ihrer Mutter und Großmutter erzählt, ähnelt in den Augen der Rezensentin einer "modernen Scheherazade". Naggar konstatiert in der libanesischen Literatur der Gegenwart eine Abkehr von politischen und sozialen Themen, eine Abkehr auch vom großen Thema Bürgerkrieg und eine Tendenz zu Romanen, in denen das individuelle Glück und Beziehungen dominieren. Dies gilt ihres Erachtens nicht für Sobh. Sie bescheinigt der Autorin, eindrucksvoll die Folgen des Bürgerkriegs für die Frauen in den Blick zu nehmen, neue Unterdrückung, den Rückfall in starre religiöse und soziale Strukturen, die Landesgeschichte zu thematisieren. Daraus bezieht das Buch für Naggar auch eine Tiefe, durch die es sich vom gegenwärtigen Trend der libanesischen Literatur positiv abhebt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2010

Stefan Weidner ist hellauf begeistert von diesem Roman. Und obwohl es sich um ein Buch für Frauen handelt, wie er erklärt, erkennt er auch, wie wichtig es ist, dass Männer es lesen. Denn es ist ein Emanzipationsroman aus der arabisch-islamischen Welt, den Alawiyya Sobh da geschrieben hat und den zu entdecken der Rezensent uns westlichen Leser empfiehlt. Warum? Weidner sieht den Reiz in einer sich längst von den Herausforderungen der Moderne emanzipierten arabischen Literatur, bei Sobh in einem handfesten Stoff und lebendigen, wenngleich groben Charakteren und in dem schonungslosen Blick in die intimsten Bereiche ihrer in Selbstbilder, Weltanschauungen und Verirrungen verstrickten Frauenfiguren. Die Art und Weise, wie Sobh (durchaus mit autobiografischen Momenten) libanesische Frauenschicksale seziert und die herrschende Gewalt auf ihre Wurzeln in Familie und Sexualität zurückführt, findet Weidner in ihrer Wahrhaftigkeit, ideologischen Unvoreingenommenheit und Lebensfülle schlicht überwältigend.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.05.2010

Als weibliche Geschichte des Libanon hat die hier rezensierende Schriftstellerin Kathrin Schmidt diesen "wilden" Roman gelesen, dessen "farbenprächtiges Breitwandbild" sie gleichermaßen faszinierte und frösteln ließ. Der Roman entwerfe, so Schmidt, ein Bild dieses Landes von den fünfziger Jahren bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts, in dem sich die "Entwicklungen überschlagen", überkommene ländliche Lebensweisen den neuen Existenzformen in den Städten entgegengesetzt würden. Erzählt werde dies anhand der Geschichten der Titelfigur Marjam, die im Zuge der Niederschrift ihrer Erinnerungen auch die Geschichte ihrer Familie und besonders deren weiblicher Mitglieder erzählt: als Education sexuelle, die auch erschreckende Details nicht verschweigt. Dabei besticht die Autorin ihre Kritikerin speziell mit dem Kunstgriff, alle Geschichten mindestens zweimal zu erzählen: einmal aus ihrer eigenen Sicht, und einmal aus der Perspektive der Betroffenen. Auch der Krieg ist Schmidt zufolge ein großes Thema des Buchs, wobei Alawiyya Sobh den Versuch unternehme, das Unbegreifliche auf menschliches Maß herunterzurechnen und (wie Michael Hanecke in "Das weiße Band") mit gewalttätigen Familienstrukturen in Verbindung zu bringen.
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