Alain Ehrenberg

Das erschöpfte Selbst

Depression und Gesellschaft in der Gegenwart
Cover: Das erschöpfte Selbst
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783593375939
Broschiert, 305 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Manuela und Martin Klaus Lenzen. Die wachsende Ausbreitung von Depressionen, der steigende Konsum von Antidepressiva und die Zunahme der Alkoholabhängigkeit sind für den französischen Soziologen Alain Ehrenberg Reaktionen auf die allgegenwärtige Erwartung von eigenverantwortlicher, authentischer Selbstverwirklichung. Damit hat das Projekt der Moderne, die Befreiung des Subjekts aus überkommenen Bindungen und Traditionen, eine paradoxe Verkehrung erfahren. War die Neurose die pathologische Signatur eines repressiven Kapitalismus, so ist die Depression die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es damit bis zur Erschöpfung fordert. Ehrenberg untersucht in einer erhellenden Kombination von Psychiatriegeschichte und Zivilisationsdiagnose, welchen psychischen Preis die Individuen für diese Verkehrung heute zu zahlen haben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

"Die Seele kann nicht mehr." Mit diesem sehr hübschen Satz umschreibt die Rezensentin Elisabeth von Thadden den Kern von Alain Ehrenbergs Studie über die Depression, die als einer von drei Bänden über das moderne Individuum konzipiert ist. In seiner "ausgezeichneten" medizin- und sozialgeschichtlichen Rekonstruktion der Depression interessiere Ehrenberg weniger, wie Depression am wirksamstem behandelt werden kann, als vielmehr "das Ringen um die Beschreibung des Elends", bei dem "die Natur des modernen Menschen zwischen Körper und Geist, zwischen Biochemie und Bewusstsein, Biografie und Subjekthaftigkeit" auf dem Spiel stehe. In drei Schritten - die "Historie des kranken Subjekts" seit Freud, der "Niedergang der Neurose" und schließlich das Porträt des depressiven, "unzulänglichen Individuums" - nähere sich Ehrenberg seinem Thema und erkenne in der Depression "die Angst, man selbst zu werden", die mit der zunehmenden Lockerung gesellschaftlicher Zwänge einhergeht. Die Geschichte ihrer Behandlung wiederum stehe in der Tradition von Freuds Kontrahent Pierre Janet, der einer symptomatischen Behandlung den Vorzug gab. Das sich daraus ergebende Gesamtbild, so die Rezensentin, verleitet Ehrenberg sogar zu einer recht originellen Formulierung der Sorge um die europäische Demokratie und ihr Selbstbestimmungsprinzip. Trotzdem schreibt Ehrenberg, wie die Rezensentin betont, keine "Verfallsgeschichte". Eher die einer Janusköpfigkeit, schließlich sei in der Depression auch "der Fortschritt des befreiten Individuums" zu sehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Zwar hat man es als Leser von Alain Ehrenbergs "Das erschöpfte Selbst" mit einem "komplexen und sperrigen Text" zu tun, gibt Rezensent Christopher Baethge zu, doch die Mühe lohnt sich "absolut". Angesichts der grassierenden Entwicklung depressiver Pathologien, so Baethge, glaubt Ehrenberg, dass die Depression die Neurose als Volkskrankheit abgelöst hat. Er versuche die Depression als gesellschaftliches Phänomen zu analysieren. Im Gegensatz zur Neurose, die aus dem Konflikt zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Wünschen entstehen, sei die Depression "die Krankheit der Freiheit", die das Individuum aufgrund der bestehenden Überfülle an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung befalle und es in die "narzisstische Erschöpfung" treibe. Sehr gewinnbringend erscheint dem Rezensenten die Analyse der Strukturen, "in denen sich das depressive Zeitalter entfaltet", und zu denen die flächendeckende medikamentöse (und naturgemäß nur "symptomatische") Behandlung durch Antidepressiva gehört, die lediglich zu einer "Verschleppung der Depression", also zu deren "Chronifizierung" führe. "Detaiverliebte", so der Rezensent, werden Kritikpunkte finden - etwa Ehrenbergs leicht "inflationären" Depressionsbegriff oder die nicht hinterfragte Verquickung von Überforderung und Antriebsschwäche. Insgesamt jedoch hat Ehrenberg einen "erhellenden sozialphilosophischen Panoramablick auf die Landschaft - und auf die Krankheit - der Freiheit" vorgelegt, findet unser Rezensent.
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