Aus dem Englischen von Susanne Held. Die Freundlichkeit macht uns umgänglich, offen, liebenswert, kann aber auch die Ecken und Kanten unserer Persönlichkeit abschleifen. Rührt daher der Widerstand gegen eine der ältesten Tugenden, ohne die jedes zwischenmenschliche Miteinander zum Scheitern verurteilt wäre? In Zeiten, in denen alles immer schneller, größer und sexyer sein muss, hat das Image der Freundlichkeit gelitten. Wer heute freundlich ist, gilt damit nicht nur als höflich, umgänglich und rücksichtsvoll, sondern zugleich als naiv, unrealistisch und nicht konkurrenzfähig. Kulturgeschichtlich und psychoanalytisch folgen Adam Phillips und Barbara Taylor in ihrem Essay den unauffälligen Spuren des Freundlich-Seins. Sie zeigen damit, dass Freundlichkeit nicht nur glücklich macht, sondern gerade in ihr ein Ausweg aus unserer von Wettbewerb und Egoismus geprägten Welt liegt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.02.2010
Gustav Seibt ist nicht ganz glücklich mit dem von Adam Phillips und Barbara Taylor herausgegebenen Band. Es beginnt damit, dass Seibt die im Original von den Autoren gemeinte warmherzige "kindness" im deutschen Wort "Freundlichkeit" nicht wiederfindet. Auch die einleitende Begriffsgeschichte, die um Nächstenliebe, Mitgefühl und Sympathie kreist, kann Seibt nicht überzeugen. Der Begriff "Höflichkeit", stellt er fest, kommt nicht vor. Genau an dieser Stelle jedoch sieht Seibt den "entscheidenden zivilisatorischen Schritt" hin zu einer friedlichen Umgangsform mit Fremden und sogar unsympathischen Zeitgenossen, die soziale Dimension der Freundlichkeit also im urbanen Gefüge. Interessant wird es für Seibt dann wieder am Ende, wenn die Autoren die freundliche Zuwendung unter dem Einfluss von Stress im Räderwerk des Wirtschaftslebens untersuchen.
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