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Magazinrundschau
Nicht einmal primär sexuell
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.12.2009. Vanity Fair sucht den Superpartner. Elet es Irodalom liest neue Essays von Imre Kertesz. Outlook India beklagt die Korruption im Journalismus. Der New Yorker liest eine neue Koestler-Biografie. Die nächste Revolution bricht in Frankreich aus, glaubt Nepszabadsag. Der Spectator begegnet auf einer Kostümparty einer Vagina dentata. In The New Republic feiert Moshe Halberthal die sublime Bescheidenheit Amartya Sens.
Vanity Fair | Elet es Irodalom | Qantara | Outlook India | Polityka | The New Yorker | London Review of Books | Nepszabadsag | Prospect | Rue89 | The Spectator | L'Espresso | Le Nouvel Observateur | The New Republic
Vanity Fair (USA), 01.01.2010
Kurt Andersen hat das Genfer CERN besucht, sich genau erklären lassen, wie es im vorigen Jahr zum Crash des Large Hadron Colliders kam und was alles von dieser größten Maschine der Welt abhängt: "Wenn dieser neue Collider nicht grundlegend neue Entdeckungen bringt, wird die Teilchenphysik für die nächste Generation in einer Sackgasse stecken. Die Theoretiker würden weiter theoretisieren. Aber ohne verlässliche experimentelle Daten, sagt Jim Virdee, ein in Kenia geborener britisch-indischer Physiker am LHC, 'wird aus der ganzen Teilchenphysik Metaphysik'... Abgesehen von der Entdeckung der Higgs-Teilchen bestehen die besten Chancen eines Eurekas für die Entdeckung der Supersymmetrie. 'Wir haben eine Religion', bekennt der amerikanische Physiker und Cern-Lebenslängliche Steven Goldfarb, 'und das ist die Symmetrie.' Wie Yin und Yang, Christ und Antichrist zusammengehören, so hat auch die Materie ihre Antimaterie, und sie löschen sich bei Kontakt aus - gemäß den Prinzipien der Symmetrie hätten sich beim Urknall Materie und Antimaterie gegenseitig aufheben müssen. Dies ist nicht nur nicht passiert, 14 Milliarden Jahre später gibt es auch viel mehr Materie im Universum als Antimaterie. Dieses mysteriöse Ungleichgewicht muss erklärt werden, und dies geht am besten mit Supersymmetrie, der Idee, dass es für jedes bekannte Teilchen einen noch nicht entdeckten Superpartner gibt - und dass die dunkle Materie aus diesen Superpartnern besteht. Die Chancen stehen gut, dass die Protonen-Kollisionen einige dieser Ur-Teilchen erzeugen werden - vielleicht nächstes Jahr, sagt Jim Virdee, 'wenn die Natur es gut meint'."
Heillos genervt zeigt sich Christopher Hitchens von Stieg Larrsons Thriller-Trilogie, die sich feministisch gerieren und dabei gerade die Gewalt gegen Frauen extrem sadistisch ausmalen: "Seine beste Ausrede für seine eigene Lüsternheit ist, dass diese Serienmörder und Folterfreunde irgendeine Art Kapitalismus praktizieren und dass ihre Gaunereien von einer pornografisch-faschistischen Allianz gedeckt werden, wobei die niederen Ränge von widerlichen Bikern und Drogendealern besetzt sind. Hier geht es nicht um Sex and Crime, hier geht es um Politk!"
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Elet es Irodalom (Ungarn), 04.12.2009
Kürzlich ist in Ungarn "A megfogalmazas kalandja" (Das Abenteuer der Formulierung) erschienen, der neue Essayband von Imre Kertesz, über den der Schriftsteller Csaba Bathori schreibt: Kertesz' "Denken steuert unser Denken in die Richtung von Schlussfolgerungen, an deren geistigen Mut wir uns noch nicht gewöhnt haben. Aufgrund fehlender nationaler Selbstkritik verharrt unser öffentliches Denken bis heute in dem Irrglauben, dass öffentliche Selbstkritik schädlich und unmoralisch ist. Dabei sind es in größeren Kulturkreisen vielleicht gerade die widerspenstigen Autoren, die durch ihr hartnäckiges Zweifeln die Trugbilder ihrer Nation ändern und die Schnörkel des hochmütigen, pathetischen Nationalbewusstseins zurechtstutzen. [...] Wozu uns die Essays von Imre Kertesz vor allem ermahnen: Wir sollten unsere nationale Identität im Lichte der europäischen Erfahrung betrachten und unsere gesamte Wahrnehmung aus dem Aspekt einer breiter gefassten Menschlichkeit abwägen, ändern und vor allem auf eine höhere Stufe heben."
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Qantara (Deutschland), 12.12.2009
"Wem soll man die Schuld dafür geben", dass die Schweizer gegen Minarette gestimmt haben, fragt Tariq Ramadan. "Ich sage den Muslimen seit Jahren, dass sie in ihren jeweiligen westlichen Gesellschaften positiv in Erscheinung treten, aktiv sein und Initiative zeigen müssen. In der Schweiz haben sich die Muslime in den zurückliegenden Monaten bemüht, im Verborgenen zu bleiben, um eine Konfrontation zu vermeiden. Es wäre sinnvoller gewesen, neue Allianzen mit all jenen Schweizer Organisationen und Parteien zu schmieden, die gegen die Initiative waren. Die Muslime in der Schweiz tragen also einen Teil der Verantwortung, doch muss man hinzufügen, dass sich die politischen Parteien in Europa wie in der Schweiz haben einschüchtern lassen und vor einer couragierten Politik zugunsten eines religiösen und kulturellen Pluralismus zurückscheuen."
Die Kuratorin Almut Sh. Bruckstein Coruh erklärt im Interview, was in der Ausstellung "Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne" im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist: Keine Geschichte der islamischen Kunst, gezeigt wird vielmehr "eine poetische Assoziation von künstlerischen Positionen, klassischen wie zeitgenössischen, die nach gewissen Fragen geordnet sind. Es sind die Fragen - zum Beispiel die nach der Zeichnung als einer Spur des Abwesenden -, die eine persische Miniatur zu den Sandalen des Propheten aus dem 16. Jahrhundert mit der Arbeit einer Rebecca Horn 'Waiting for Absence' verbinden. Es sind Zeit- und ortsübergreifende Fragen, man könnte sagen: menschliche Fragen - Fragen, die Aby Warburg vielleicht 'Pathosformeln' genannt hätte."
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Outlook India (Indien), 20.12.2009
Medienkrise auch in Indien. Vinod Mehta ist sehr besorgt, denn immer öfter wird redaktioneller Raum verkauft. "Das System institutionalisiert sich schnell, Fernsehsender und Zeitungen nähern sich Politikern, vor allem während der Wahlen, mit einem 'Paket', dass interessanterweise verhandelbar ist. (...) Outlook (wie andere auch) steckt bis zum Hals in diesem Schlamassel. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, ist das Outlook-Feature 'Spotlight' gesponsort, der Kunde hatte prakisch volle redaktionelle Kontrolle. Der einzige ausgleichende Aspekt daran ist, dass der Leser das leicht bemerkt, weil es auf der Seite deutlich hervorgehoben ist. Bei gekauften Nachrichten ist das nicht der Fall. Dahinter steckt die Absicht, gesponsorte Nachrichten als professionell erstellte Nachrichten auszugeben."
Anuradha Raman belegt diesen Trend mit Beispielen aus verschiedenen Zeitungen und Fernsehsendern. So erzählt beispielsweise ein Politiker, dass während eines Wahlkampfs in seinem Bezirk praktisch keine Information über seine Kandidatur in der Presse stand. Er rief bei einer Zeitung in seinem Bezirk an und wurde "'höflich darüber informiert, dass ich auch Platz bekommen würde, wenn ich wie die anderen Kandidaten dafür bezahle', erinnert er sich. 'Ich befürchtete, dass die Leser nicht einmal bemerken würden, dass ich kandidiere. Also rief ich einen Reporter an und zahlte 50.000 Rs. Ich wurde prompt belohnt mit drei halbseitigen farbigen Features an drei aufeinanderfolgenden Tagen, die meinen Wert als Politiker und meine guten Aussichten, die Wahl zu gewinnen, hervorhoben.'"
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Polityka (Polen), 11.12.2009
Eine junge Generation von Schriftstellern und Filmemachern erzählt die Geschichte vom Leben im Kommunismus neu: Die "weihevollen Regeln des Martyriums" werden verworfen, es gibt keine Helden und keine Bösewichter mehr, man sucht den Anschluss an das moderne amerikanische Kino, berichtet Zdzislaw Pietrasik. "'In Polen hat man sich daran gewöhnt, dass jeder historische Film unterschwellig gleich ein Nationalepos sein muss', sagt [der Animationsfilmer Tomasz] Baginski in einem Interview für die Zeitschrift Film. 'Ich träume von einem historischen Film, in dem die Geschichte nebensächlich ist, von einem modernen und eindrucksvollen Film. Denn wen interessiert es denn heute, wenn sich krankhaft an Fakten gehalten wird? Man darf den Zuschauer nicht wie einen Banausen behandeln. Wenn ihm Informationen fehlen, dann holt er sie sich, liest nach. Im Kino aber werden Emotionen gemacht.' Das kann man beinahe als Manifest der jungen polnischen Künstler verstehen, die auf der Suche nach historischen Themen sind.
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The New Yorker (USA), 28.12.2009
Louis Menand ist schwer beeindruckt von Michael Scammells 720 Seiten fetter Koestler-Biografie. "Allein die Karteikarten zu sortieren, wäre auch für Herkules eine Herausforderung gewesen, wenn Herkules hätte lesen können", meint er angesichts von Koestlers Vielsprachigkeit, Polyglottheit und Vernetztheit. "'Koestler' wirkt wie ein Wunder an Recherche in vielen Sprachen und ein gewissenhaftes Stück unvoreingenommener Verteidigung." Zwei Probleme allerdings merke man dem Buch an. "Um Koestler biografisch zu erfassen, muss man nicht nur die Vielzahl der Personen und internen Details der organisatorischen Intrigen beschreiben, die diese Buch bewundernswert methodisch füllen, man muss auch ein Gefühl für die Geschichte haben, das moralische und ideologische Wetter, den existenziellen Anteil. Es gibt zwei Schwierigkeiten. Die erste ist die Anforderungen, die das Material an die Erzähltechnik stellt. Scammell ist ein klar schreibender Autor, aber kein dramatischer. Koestler war beides in herausragender Hinsicht. Und das ist die zweite Schwierigkeit: Der beste Biograf der ersten Hälfte, der abenteuerlichen Hälfte von Koestlers Leben ist Koestler. Scammell ist oft in der unglücklichen Positition, Ereignisse beschreiben zu müssen, über die Koestler selbst brillant und packend geschrieben hat."
Außerdem: Evan Osnos schildert die Anstrengungen Chinas, die Führung in der Energietechnologie zu übernehmen und ein Crash-Programm für saubere Energie aufzulegen. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung von Gabriel Orozco im MoMA. Und Anthony Lane sah im Kino das Musical "Nine" von Rob Marshall, das auf Fellinis Film "8 ½ " basiert, den Fantasyfilm "The Imaginarium of Dr. Parnassus" von Terry Gilliam, den britischen Kostümfilm "The Young Victoria" von Jean-Marc Vallee und das Regiedebüt "A Single Man" des ehemaligen Modedesigners Tom Ford.
Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Diary of an Interesting Year" von Helen Simpson und Lyrik von Bill Manhire, Roger Angell und Jonathan Aaron.
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London Review of Books (Großbritannien), 17.12.2009
Taylor Branch hat fast ein Jahrzehnt lang immer wieder Gespräche mit dem Präsidenten (dann Ex-Präsidenten) Bill Clinton geführt. Die Transkripte sind noch unter Verschluss, aus seinen eigenen Aufzeichnungen rekonstruiert Branch in seinem nun erschienenen 700-Seiten-Buch "The Clinton Tapes" jetzt die Begegnungen. Für den Rezensenten David Runciman ergibt sich daraus das faszinierende und nicht unbedingt schmeichelhafte Bild eines informationssüchtigen und in vieler Hinsicht - nicht einmal primär sexuell - promisken Mannes mit gelegentlich obsessiven Zügen: "Er liebt es, wenn Leute ihm ihre Lebensgeschichten erzählen, und liebt es ebenso, über ihre tieferen Gefühle zu spekulieren, wie ihr demografisches Profil zu analysieren. Er möchte wissen, wie du tickst, egal wer du bist und woher du kommst. Warum trinkt Boris Jelzin so viel? (Bei einem denkwürdigen Besuch im Weißen Haus endet Jelzin in Unterhosen auf der Pennsylvania Avenue und versucht ein Taxi herauszuwinken, das ihn in eine Pizzeria fahren soll.) Clinton überlegt, Jelzin zu einem vertraulichen, ja vielleicht sogar therapeutischen Gespräch zu sich zu rufen. Man gewinnt den Eindruck, dass er nichts lieber täte, als Jelzins Kindheit zu durchforsten, Ursachen zu finden, und die Geschichten über die Trunksüchtigen in Arkansas zu erzählen, darunter sein eigener Stiefvater."
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Nepszabadsag (Ungarn), 12.12.2009
Für Gabor Balazs ist Frankreich das Beispiel für den Zerfall der Sozialdemokratie und die daraus entstehenden Sumpfblüten der Ultra-LInken: "Die Ultra-Linke erscheint stets nach den großen Niederlagen und der ideologischen Entleerung der Linken beziehungsweise der institutionellen Arbeiterbewegung, wenn nicht nur die Ohnmacht des Reformflügels der Bewegung zu Tage tritt, sondern auch die der 'klassischen' Sozialisten, die auf den Fortbestand des Sozialstaats beharren (und ihre Ziele ausschließlich mit politschen Mitteln verwirklichen wollen)." Gänzlich abgewandt hätten sich die Ultra-Linken von der Arbeiterbewegung. Sie wurde "von einer Schar Plebejer abgelöst, die sich derzeit noch in einem recht diffusen Zustand befindet und die wirklich nichts außer ihrer Ketten zu verlieren hat. Noch ist es ruhig am Horizont, das Geräusch der Ultra-Linken, der 'handelnden Minderheit' ist noch kaum zu hören. Aber auch den Bund der Kommunisten bildeten nur einige Dutzend Menschen, die dann ein Manifest veröffentlichten..."
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Prospect (Großbritannien), 14.12.2009
Alle Welt sieht das Internet im Bund mit den Dissidenten der Welt, nicht den Diktatoren. Evgeny Morozov ist da in der Prospect-Titelgeschichte (die jetzt online gestellt wurde) ganz anderer Ansicht. Nach seinen Erfahrungen in Weißrussland spielt das Internet sehr viel eher dem Regime in die Hände: "Nach dem ersten Flash Mob begannen die zuständigen Stellen By_mob zu beobachten, die LiveJournal-Community, in der die Aktivitäten angekündigt wurden. Die Polizei war dann sofort präsent bei den Ereignissen, oft sogar noch vor den Flashmobbern. Sie verhaftete Teilnehmer und fotografiert außerdem. Diese Fotos - gemeinsam mit denen, die die Protestierenden selbst ins Netz gestellt hatten - nutzten sie zur Identifizierung der Unruhestifter, die in der Folge vom KGB verhört, mit dem Ausschluss von der Universität oder Schlimmerem bedroht wurden."
Morozovs Artikel bleibt freilich nicht unwidersprochen. Der von Morozov ausdrücklich angegriffene "Medienguru" Clay Shirky akzeptiert zwar den Vorwurf der Einseitigkeit, möchte aber doch festhalten: "Je leichter es den Bürgern wird, sich zusammenzutun, desto einfacher wird es für sie, Untaten zu dokumentieren. Und das selbstschädigende Verhalten von Staaten - etwa das Abschalten der Handynetze - wird zu einem Nettogewinn für die Aufständischen innerhalb autoritärer Regime führen. Das heißt noch lange nicht, dass das Internet allein ausreicht - ich sehe deshalb dennoch die Balance zwischen Bürgern und Staat deutlich optimistischer als Morozov."
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Rue89 (Frankreich), 12.12.2009
Im Online-Magazin regt sich Jerome Godard sehr amüsant über die Verschwendung französischer Steuergelder auf, die in diesem Fall in Form einer dämlichen Meinungsumfrage zum Fenster rausgeworfen wurden. Das nationale Agrarforschungsinstitut Inra interessierte sich demnach für die Beurteilung der Herkunft von Garnelen, dafür versuchte man mit einiger Penetranz, das ökologische Gewissen der Probanden zu mobilisieren, und nervte sie mit einem ebenso "tendenziösen wie nutzlosen" Fragebogen, der auf Nachfrage aber immerhin "europäischen Normen" entsprach. Godards Fazit: "Ich bin nicht stolz darauf, mich zum Komplizen dieses erbärmlichen Mummenschanzes gemacht zu haben. Die 15 Euro dafür behalte ich trotzdem. Ich werde mir davon Garnelen aus der Dritten Welt kaufen, die von umweltverpestenden Garnelenhändlern unter empörenden und entwürdigenden Bedingungen gezüchtet wurden. Und mit dem Geld von Inra könnte ich mir als Dreingabe sogar einen Klacks Mayonnaise leisten."
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The Spectator (Großbritannien), 12.12.2009
Leah McLaren war noch nicht lange in London, als sie auf eine Party eingeladen wurde. Bedingung: ausgefallene Kleidung. Für die Kanadierin bedeutete das ein schickes Cocktailkleid. An der Haustür des Gastgebers erlebte sie dann einen Clash of Civilizations aus nächster Nähe, als eine Frau öffnete, deren bloße Brüste als Zielscheibe dekoriert waren. "Als ich mich wieder gefangen hatte, schaffte ich es tatsächlich, mich auf der Party zu amüsieren, obwohl ich mich wie eine Schuldirektorin in Sodom und Gomorrha fühlte. Der Abend, der von Kunst- und Medientypen aus dem Westen Londons bevölkert war, sprudelte über vor Nazis, Dominas, Pornstars, unzähligen Männer in Drag-Outfit, Frauen in Reizwäsche, einem Model mit Bikini und Jesusbart und einem Pärchen (es zu erklären, wäre zu kompliziert), das sich gemeinsam als 'Vagina dentata' verkleidet hatte. Es war ein Mordsspaß. Es wurde schnell klar, dass das Gebot zur 'ausgefallenen' Kleidung von allen mit größtem Aufwand befolgt wurde, abgesehen von mir, der tumben Kanadierin. Denn wie schon A. A. Gill sagt: 'Ausgefallene-Kleider-Parties sind im Gegensatz zu emotionaler Offenheit, Kinderbetreuung und Pediküren eine jener inkonsequenten und nebulösen kleinen Sachen, denen sich der Engländer mit einer unendlichen, verbissenen, Alles-oder-Nichts-Attitüde widmet.' Die Frage ist: warum?"
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L'Espresso (Italien), 11.12.2009
In Italien geht es hoch her, Umberto Eco muss gar nichts mehr erfinden, um seine Bustina di Minerva zu füllen. Silvio Berlusconi wurde mit einer Miniaturausgabe des Mailänder Doms die Nase gebrochen, während sein Minister für öffentliche Verwaltung, Renato Brunetta, allen Moderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender künftig nur noch ein Einheitsgehalt bezahlen will. Eco erinnert das an Stalin, Lenin und Pol Pot gleichzeitig. Was würde passieren? "Die Rai würde alle gleich bezahlen und natürlich würde der Sender auf Grund laufen. Mit den abgewürgten Gehältern bei Rai könnte auch Mediaset seine Löhne senken, dabei aber immer noch einen ausreichenden Abstand einhalten, damit keiner der besseren Moderatoren in die Versuchung gerät, zu Rai zu wechseln. Die erfolgreicheren Moderatoren von Rai dagegen haben allen Grund, mit wehenden Fahnen zu Mediaset überzulaufen. Bei der Rai bleiben nur die weniger beliebten. Und genau an diesem Punkt würde ich, falls ich Berlusconiu wäre, Brunetta seine Datscha spendieren, denn sein Plan zur Vernichtung von Rai ist bewundernswert und und virtuos. Ach was, zwei Datschen!"
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Le Nouvel Observateur (Frankreich), 10.12.2009
In einem Interview spricht die in den USA lehrende iranische Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi ("Lolita lesen in Teheran"), deren Familienerinnerungen "Memoires captives" jetzt in Frankreich erscheinen, über den Kampf von Jugendlichen und Intellektuellen gegen die islamistische Diktatur. "Wir haben im Iran die religiöse Tradition des ketman, das ist das Recht zu lügen, um seinen wahren Glauben zu schützen, sobald er bedroht ist. Das hat eine außergewöhnlich erstickende Atmosphäre geschaffen. Die Schriftsteller dagegen lügen nicht ... Im Iran gibt es neben einer sehr dunklen Seite, einer hasserfüllten Gewalt der Ultras gegenüber dem Volk, auch eine helle, aufgeklärte. Die verkörpern Millionen junger Menschen, die mit unglaublicher Willenskraft zu einer Welt gehören wollen, die man ihnen verbieten will. Dafür setzten sie alle Waffen ein: Poesie, Humor, Literatur. Die Kultur, auch die von anderswo, ist eine Droge geworden. Der Wissensdurst ist unstillbar."
Zu lesen ist außerdem ein Gespräch mit dem albanischen Schriftsteller Ismail Kadare über den Stalinismus in seiner alten Heimat, Obama und den Nobelpreis, für den er so oft nominiert war, den er bisher aber nie bekam.
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The New Republic (USA), 12.12.2009
Als "magnificent book" feiert der Philosoph Moshe Halberthal das neue Werk des sehr produktiven Ökonomen und Philosophen Amartya Sen mit dem zunächst recht unbescheiden klingenden Titel "The Idea of Justice" (Auszug). Aber Bescheidenheit, so Halberthal, ist gerade die sublimste Eigenschaft von Sens Werk, das offensichtlich recht deutlich zeigt, dass jede abstrakte Theorie der Gerechtigkeit, und sei sie nur wie bei John Rawls als Denkmodell gedacht, ein Irrweg ist. Sen plädiert für ein pragmatisches Denken: "Nach Sen sollte sich ein durchdachtes und vernünftiges Nachdenken über Gerechtigkeit auf einen ergebnisorientierten komparativen Ansatz konzentrieren, einen Vergleich verschiedener Bedingungen, statt philosophische Bedingungen für eine vollkommen gerechte Welt zu formulieren. Es ist leicht für uns festzustellen, dass eine Gesellschaft, die Sklaverei verbietet, gerechter ist als eine Gesellschaft, die sie gestattet. Solch ein einfacher Vergleich ist möglich ohne eine vollständig ausformulierte Theorie perfekter Gerechtigkeit. Denn Ungerechtigkeiten sind leichter zu definieren als Bedingungen vollkommener Gerechtigkeit."
Archiv: Magazinrundschau
Morbid-intimes Sentiment
07.02.2012. Der Economist und Himal schildern die unerfreuliche Lage Homsexueller in islamischen Ländern. Wired porträtiert die Pariser Untergrundbewegung Urban eXperiment. Dem Guardian läuft in Wien ein Proustscher Schauer über den Rücken. Caffe Europa betrachtet die verführerische Unordnung in Japan. In Russland können Linke, Rechte und sogar Liberale Nationalisten sein, notiert Nicu Popescu in Open Democracy. Sony untergräbt die langsame Liberalisierung der indischen Zensur, fürchtet Outlook India. Die NYRB fühlt mit kleinen mutlosen Italienern. Mehr lesen
Pakt des Nicht-Lesens
31.01.2012. In der französischen Huffington Post erklärt die Philosophin Catherine Clement, warum der Griot Youssou N'Dour kaum Chancen hat, Präsident des Senegal zu werden. Womit haben wir Pitchfork verdient, fragt N+1. Businessweek porträtiert den Albtraum amerikanischer Verleger, Amazons Larry Kirshbaum. Peter Sloterdijk (in Le Monde) und Umberto Eco (im Espresso) denken über das Vergessen nach. Al Ahram begutachtet die Depression der jungen Revolutionäre in Ägypten. Das New York Magazine findet die neuen Dekabristen auch nicht gerade in Hochstimmung vor. Das TLS flüchtet zu den Kaminfeuern des britischen Landadels. Mehr lesen
So roch die Welt der Männer
24.01.2012. Wie schnell man sogar als Ingenieur arbeitslos werden kann, lernt die NYT. Eh alles nur bezahlte Bourgeoisie, schnaubt Slavoj Zizek in der London Review. Il Sole weint über einen lachenden Vincenzo Consolo. In Newsweek warnt Simon Schama die Amerikaner vor der kulturellen Nekrophilie der Briten. In Babelia ruft Javier Goma Lanzon: Lobt mich! Outlook India ärgert sich über die Feigheit indischer Politiker vor religiösen Fanatikern. GQ erzählt von einem gruseligen Fall von Webcam-Hijacking. In der NYRB sucht Simon Leys mit Liu Xiaobo die Wurzeln des heutigen Zynismus. Quo vadis, Hungaria, fragt Osteuropa. Mehr lesen
Ständige Verwirrung
17.01.2012. Im Guardian blicken arabische Autoren nach vorn. The Atlantic betrachtet eine Jammergestalt im Chanelkostüm. In Nepszabadsag erkennt der Dramatiker György Spiro im heutigen Ungarn das Frankreich des 19. Jahrhunderts. In Open Democracy wünschen sich Boris Akunin und Alexej Nawalnyj, Russland hätte die gleiche Anziehungskraft wie Amerika - oder China. Businessweek findet Microsofts Steve Ballmer nicht so irrelevant wie Steve Jobs. The Awl verkündet das grünste Ding in Sachen Bestattung. Mehr lesen
Archiv: Magazinrundschau
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Archiv: Magazinrundschau
Hm, das ist komisch
10.01.2012. Werden Bücher bald eine Art Wiki von Autor und Übersetzer, fragt Il Sole 24 Ore. Rue 89 berichtet aus dem Tangokrieg in Buenos Aires. Wie wurde Luther populär? Mit Hilfe sozialer Netzwerke, weiß der Economist. In Guernica spricht die koreanische Dichterin Kim Hyesoon mit der Stimme des Außenseiters. Die Boston Review denkt mit Michael Nielsen über wissenschaftliche Evidenz nach. In Vanity Fair lässt Christopher Hitchens ein, zwei Dostojewskis fallen. Der New Yorker schildert den Einstieg Youtubes ins TV-Geschäft. Mehr lesen
Das Ohr des Präsidenten
03.01.2012. Es ist ja doch was dran an diesem französischen Philosophen mit der üppigen Haarmähne, staunen New York Magazine und TLS. Die Revista Piaui porträtiert einen irakischen Geologen, der die Norweger vor ihrer Ölindustrie beschützt hat. Die New York Review of Books stellt nach Lektüre der Briefe von Georgia O'Keefe und Alfred Stieglitz fest: schlechte Behandlung macht die Frau zum Charakter. Al Ahram veröffentlicht das Manifest eines ehrenwerten Bürgers. Slate.fr meldet: Auf kanadischen Webseiten kann man jetzt legal und kostenlos Celine runterladen. Wired begutachtet das United Artists des Internets. Mehr lesen
Blicken Sie ins Dunkel
20.12.2011. In der Lettre erklärt Peter Nadas, an welcher Station die Ungarn auf ihrem langen Marsch in die Demokratie gerade angekommen sind. Im New Statesman rühmt Slavoj Zizek die Mordmaschine Coriolanus. Im Guardian staunt Julian Barnes über den Unterschied zwischen Essay und Essai. In Elet es Irodalom erkennt Adam Michnik keinen Unterschied zwischen lechts und rinks mehr. Nonfiction.fr fordert eine Liberalisierung der Migration. Prospect skizziert die Zukunft der Literatur: Sie ist kurz, aber ernst. Mehr lesen
Die Treppe für Texte
13.12.2011. Alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, nur in den Künsten herrscht Stillstand, meint Vanity Fair. Manchmal ändern sich die Dinge auch im Untergrund, meint die NYT mit Blick auf das Alphabet N'Ko. In der LRB meldet Jenny Turner den Tod der Schwesterlichkeit. Guernica stellt das Festival LagosPhoto vor. Der Kindle ist ein Buch, freut sich Martin Caparros in Letras Libres. In The Nation setzt sich Jorge Volpi mit dem Liberalismus Enrique Krauzes auseinandern. In Le monde diplomatique feiert Tim Parks die mobilisierende Kraft des Wuchers. Mehr lesen
Diese glühbirnenköpfige Kreatur
06.12.2011. Wired porträtiert den neuen Steve Jobs: Jeff Bezos. Telerama empfiehlt eine neue Lektüre von Frantz Fanon. Die Columbia Journalism Review verteidigt den institutionellen Journalismus. In MicroMega geißelt Roberto Saviano die Omerta in Norditalien. Für Salon.eu.sk blickt Viktor Jerofejew in den Kreml-Himmel. In der NYRB setzt Daniel Kahnemann ganz klar auf System Zwei. Im Guardian erzählt der Kinderbuchautor Shaun Tan, was Australier mit Finnen gemeinsam haben. Und in Guernica erklärt Occupy-Erfinder Kalle Lassn, warum er heute eher die Zionisten als die Juden der Kriegstreiberei bezichtigen würde. Mehr lesen
Lesen, aber nicht berühren
29.11.2011. Marokkaner sind genauso freiheitshungrig wie Tunesier, erklärt der Aktivist Hisham Almiraat in open Democracy. Aber ihre Eliten sind feige, fürchtet der marokkanische Journalist Driss Ksikes in Le Monde. Im Merkur verabschieden sich Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel. Die LRB reist nach Griechenland. El Pais Semanal unterhält sich mit dem Sohn des letzten spanischen Scharfrichters. Der New Yorker bescheinigt der Fantasyliteratur einen Sinn für Verlust. Mehr lesen
Ein veritabler Brocken
22.11.2011. Die Columbia Journalism Review erzählt am Beispiel der Zeitung San Jose Mercury News, wie man kämpfen und trotzdem verlieren kann. Capital New York erzählt, wie die Huffington Post zum journalistischen Schwergewicht werden will. Prospect überlegt, wie man Computerspiele für den Film fruchtbar machen kann. Elet es Irodalom warnt vor der Vertreibung des sozialistischen Fußballs aus der ungarischen Geschichte. Der Berlusconismus funktioniert auch ohne Berlusconi, fürchtet MicroMega. Vorsicht vor pakistanischen Kleintransportern, warnt The Atlantic. Mehr lesen
Aber man vibriert
15.11.2011. Den Buchhandlungen geht es gut, meldet Bloomsberg Businessweek, solange sie klein sind. Telerama stellt französische Pioniere des Internetjournalismus vor. Im New Yorker geht Jane Kramer ihr Essen sammeln. In El Espectador denkt Hector Abad positiv, John Gray in The New Republic negativ. In Eurozine beruhigt Charles Taylor einen polnischen Linkskatholiken: der Klassenkampf ist ausgetragen. In der Boston Review möchte Lawrence Lessig, dass die Amateure regieren. Im Walrus Magazine sucht Toni Jokinen mit Richard Strauss den Italiener in sich. Mehr lesen
Das Kulturerbe der Muppets
08.11.2011. Eltern können sich ändern, sogar, wenn sie irisch-katholisch sind, erzählt Anne Enright in der Montreal Gazette. Im Iran redet man, um zu schweigen, erklärt Amir Hassan Cheheltan in Guernica. Das TLS liest, wie sich Samuel Beckett gegen James Joyce behauptete. 1000 Belgier schaffen mehr als eine Regierung, behauptet das Manifest des G1000. "Das System gefällt uns nicht!" ruft Magyar Narancs. Mehr lesen
Die Früchte der Revolution
01.11.2011. Der New Yorker reist nach Libyen. Ohne Universalismus gibt es keine Menschenrechte, erklärt Caroline Fourest in Le Monde. Der Grüne ist klassenlos, behauptet der Merkur. Il Sole 24 Ore findet nur noch Italiener, aber kein Italien mehr. Die New York Times erklärt am Beispiel von Pauline Kael, wann es für Kritiker Zeit ist aufzuhören. Mehr lesen
Warum nicht alles?
25.10.2011. In Ägypten ist die Opposition mit dem Beifahrersitz zufrieden, erzählt The Daily Beast. Al Ahram plädiert dafür, dass die Kopten nicht so für sich bleiben. Haaretz interviewt Salman Rushdie. Fast Company kündigt den Großen Krieg 2012 an. In Babelia erklärt der Philosoph Jose Luis Pardo, wie wir ganz leicht aus der Finanzkrise herauskommen. Die NYT besucht Haruki Murakami. Mehr lesen








