Wo wir nicht sind

Vom Traum nicht fortgetragen

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
02.11.2021. Hemley Boum erzählt in ihrem weitgespannten Roman "Die Tage kommen und gehen" von jener Generation, die mit der Unabhängigkeit Kameruns in die Führungsspitze des Landes katapultiert wurden. Es ist eine Geschichte von Überforderung, Raub und Verrat. Die Beute streicht Boko Haram ein.
Auf wenigen Generationen lag so eine große Verantwortung wie auf jenen Männern und Frauen, die in den sechziger Jahren die afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit führen mussten. Sie waren aufgewachsen in Ländern, die jahrhundertelang Unterdrückung, Knechtschaft und Verachtung erfahren hatten, sie sollten aus dem Nichts heraus Staaten aufbauen - meist gegen die ehemaligen Kolonialstaaten statt mit ihrer Unterstützung. Sie wurden aus dem Stand in eine Moderne geworfen, die sie ihrer Traditionen beraubte und ihnen zugleich immense Reichtümer ermöglichte. Sie mussten in wenigen Jahren einen Wandel vollziehen, für den die europäische Länder selbst Jahrhunderte gebraucht hatten. In ihrem Roman "Die Tage kommen und gehen" erzählt die französisch-kamerunische Autorin Hemley Boum von dieser Generation, von ihren Ambitionen, Idealen - und ihrem großen, tragischen Scheitern. "Vielleicht war die Realität zu brutal, um sich vom Traum forttragen zu lassen", zitiert Boum den nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka.

Anna ist am Ende ihres Lebens angekommen. In einem Pariser Krankenhaus blickt sie zurück auf die Zeit der Möglichkeiten, die ihr und ihrem Mann Louis gegeben waren. Louis kommt aus einer der führenden Familien der Bamileke, Anna ist Tochter einer ganzen Folge von Frauen, die im Kindbett starben. Sie wird als Waise von einer einfachen alten Bäuerin aufgezogen, die klug genug ist, ihren Groll auf die Kolonialherren nicht auf das Kind zu übertragen. Sie schickt das intelligente, fromme und disziplinierte Kind auf die Schule zu den Ordensschwestern, wo die Kleine einfach nur hingerissen sein kann von der Schönheit der Dinge, der Behaglichkeit, der Sauberkeit. Willig nimmt sie ihren Taufnamen an und legt ihren eigentlichen Namen - Bouissi, Sonnenaufgang - ab. Die Schwestern reißen ihr die Zähne heraus, statten sie mit ausrangierter Kleidung aus und lassen sie bis zum Umfallen schuften. Anna liebt sie hingebungsvoll, die schönen Bücher, die herrlichen Speisen, die feinen Manieren. Auf die Schule geht die künftige Elite des unabhängigen Kameruns.

Natürlich liest Anna später, wie auch Louis, all die Schriften, vor denen die Ordensschwestern sie gewarnt hatten: Aimé Césaire, Frantz Fanon, Jean-Paul Sartre. Sie hören Verdi mit derselben Emphase wie Fela Kuti und Miriam Makeba. Louis schließt sich sogar dem militanten Widerstand der Bamileke an, die gegen die neue Frankreich-freundliche Regierung in Jaundé aufbegehren. Aber es wird ihn nicht viel kosten, sein Vater hat einen hohen Posten im Innenministerium und überhaupt strahlt der Machtmensch Louis jene rohe Kraft aus, die "einem Würdenträger zustand", wie Boum mit hübsch tonloser Ironie schreibt.

Eingewoben in die Erzählung um Anna ist die Geschichte ihrer Tochter Abi, die in Paris als Kulturjournalistin lebt, verheiratet mit einem gutherzigen, etwas schluffigen Franzosen und verwickelt in eine Liebesaffäre mit einem international erfolgreichen Bildhauer. Sie ist angekommen im bourgeois-bohemistischen Milieu der französischen Mittelklasse: urban, grün, globalisierungskritisch und vollauf beschäftigt mit dem eigenen aufregenden Leben zwischen Paris, London und Rom. Boum erzählt im Galopp nicht nur eine Geschichte der verpassten Möglichkeiten oder der vergebenen Chancen, sie erzählt eine Geschichte des Verrats, den über Jahrzehnte hinweg Eliten an ihrem Land und nachfolgenden Generationen verüben: intellektuell, politisch, menschlich. Männer verraten ihre Frauen, Frauen ihre Söhne, Töchter ihre Mütter, und alle verraten ihre Ideale.

Den Preis zahlt die Enkelgeneration: In einem Staat, dessen Eliten sich in den privat zusammengeraubten Wohlstand oder nach Frankreich zurückgezogen haben, ist sie schutzlos den Angriffen und den Verführungen des Islamismus ausgesetzt. Abis Sohn Max, der nicht ganz freiwillig nach Kamerun zurückkehrt, erlebt es am eigenen Leib. Wie seine drei Freunde an Armut, Chancenlosigkeit und unerfüllten Versprechen verzweifeln und in die Fänge von Boko Haram taumeln, gehört zu den bewegendsten Passagen dieses Romans. Der düstere Augenzeugenbericht der jungen Tina, die sich zu ihrem eigenen Unglück der Terrorgruppe anschließt, respondiert auf Annas Erzählung: Von Boko Haram in einem Camp an der Grenze zu Nigeria monatelang missbraucht, gewährt Tinas Aussage nicht nur Einblick in ihre persönliche seelische Not, sondern auch in die Zerrüttung einer Gesellschaft, die der Terrorsekte weder politisch noch wirtschaftlich etwas entgegenzusetzen hat: "Für Gott zu sterben ist erhabener als an Hunger, an Erniedrigung zu sterben oder weil es in der örtlichen Krankenstation keine Antibiotika mehr gibt." Boum zeichnet eine Perspektive, die tiefer reicht als jeder noch so kundige journalistische Bericht über das Versagen von Behörden oder Militärs.

Hemley Boum lässt es in ihrem drei Generationen umspannenden Roman nicht an dramatischen Wendungen und schicksalhaften Begegnungen fehlen. Sie schlägt ihren großen Bogen elegant auf. Doch die weite Perspektive, die sie wählt, lässt wenig intensive Erzählmomente zu. Kaum eine Figur kann sie bei diesem Tempo richtig ausarbeiten, manche Passagen kippen ins Konventionelle. Aber die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens und ihre intellektuelle Reflektiertheit heben Boum aus dem Kreis jener AutorInnen hinaus, die als weltweit anschlussfähige Stimmen einer globalen Einheitsliteratur auf den Markt geworfen werden, eines "Global Pop", der Themen und Motive noch aus den verschiedenen Kulturen zieht, aber nicht mehr in ihnen verankert ist. Ein Indiz dafür ist bei Boum allein schon, dass der verdienstvolle Peter Hammer Verlag auf die inzwischen fast schon obligatorische schwarze Frauensilhouette auf dem Cover verzichtet.

Hemley Boum: Die Tage kommen und gehen. Roman. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2021, 368 Seiten, 26 Euro. (Bestellen)