Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
London, am 17. April 1984. Eigentlich wollten Khaled und Mustafa der Demonstration vor der libyschen Botschaft nur eine Art Stippvisite abstatten und sich dann noch ein wenig in der Stadt vergnügen, aber die Dynamik des Geschehens treibt sie in eine andere Richtung. Insbesondere der zögerliche Protagonist kennt sich plötzlich selbst nicht mehr.Die Demonstration war größer, als wir angenommen hatten. Sie schien so massiv und undurchdringlich wie eine Ziegelmauer.
"Siehst du, ich hab's dir ja gesagt", kommentierte Mustafa mit einem Zittern in der Stimme und meinte damit den Umstand, dass alle Teilnehmer maskiert waren.
Es waren bereits einige Journalisten da, mit Fernsehkameras, die auf die Menge gerichtet waren. Warum sind die da?, fragte ich mich. Libyen ist ein kleines Land, wen stört es da, wenn ein paar Studenten vor der Londoner Botschaft demonstrieren?
Mustafa packte meinen Arm und zog mich mit sich. Ich weiß noch, dass ich dachte, er muss sich beruhigen, ich muss ihm sagen, er soll sich beruhigen. Einer der maskierten Protestierenden kam auf uns zu, und die Art, wie er sich bewegte, hatte etwas Konfrontatives, als rechnete er mit einem Kampf.
"Ausgezeichnet, Brüder", rief er über den Lärm hinweg, "dass ihr hier seid."
"Es ist unsere Pflicht", antwortete Mustafa und betonte dabei seinen Bengasi-Akzent.
Aber der Mann ließ nicht von uns ab und sah jetzt mich an.
"Ja", sagte ich. "Unsere Pflicht."
Er schüttelte uns heftig die Hände und führte uns zu einem Stapel Protestschilder auf dem Gehsteig. Wir suchten uns unsere Slogans aus und drängten uns in die Menge. Es gab wenig Widerstand, und bald schon standen wir vorn an der Absperrung. Seltsam, dachte ich, dass wir beide das Bedürfnis verspürten, unser Engagement zu beweisen, wo doch niemand sagen konnte, wer wir waren. Was gleichzeitig hieß, dass uns auch niemand vorwerfen konnte, dass wir zu spät kamen oder nur halbherzig mitmachten. Unsere Namen waren geschützt. Dennoch glaube ich nicht, jemals zuvor oder seitdem solch eine Solidarität verspürt zu haben. Die Unterschiede zwischen uns und all den anderen in der Menge hatten sich aufgelöst. Ich erinnere mich, dass ich dachte, mehr in dieser Weise leben zu wollen.
Ein paar Polizisten standen auf dem breiten, freien Streifen zwischen uns und dem Botschaftsgebäude. Unter ihnen war auch eine Frau, eine Polizistin, und es überraschte mich, wie jung sie aussah. Fast so jung wie wir, dachte ich.
Wir skandierten unsere Parolen, auf Arabisch, so leise, dass die englischen Zusehenden, wie ich mir vorstellte, denken mussten, es handelte sich um eine Wehklage.
Ich sah mich um, und Mustafa war nicht mehr da. Er war drei, vier Reihen zurückgetrieben und sah zu den umliegenden Gebäuden hinauf. Ich rief ihn und hörte Panik in meiner Stimme. Er schwamm durch den dichten Menschensee und kam direkt hinter mich. Einen Moment war ich nicht sicher, ob er es tatsächlich war. Um sich an mir festzuhalten oder mich zu beruhigen, legte er mir eine Hand auf die Schulter. Wir sollten gehen, dachte ich, und dachte es zum ersten Mal seinetwegen. Seine Hand bewegte sich zwischen meine Schulterblätter, und ich musste daran denken, was er mir über die finsteren Stimmungen seines Vaters erzählt hatte. Wie er sich als Junge versteckt und auf seinen Vater gelauscht hatte, der ihn mit angespanntem Atem suchte.
Die Fenster der Botschaft waren geschlossen, und das Frühlingsgrün der Baumkronen auf dem Platz und das Blau des Himmels spiegelten sich ungenau in ihren unebenen Scheiben. Walbrook hatte mir das erklärt: dass das Glas früher nicht gezogen, sondern gewalzt wurde, was zu einer unvollkommenen Oberfläche führte. Ein paar Schritte hinter dem Fenster im ersten Stock standen drei Männer. Sie wirkten austauschbar, waren in dunkle Farben gekleidet, und ihre Umrisse glichen Scherenschnitten. Sie schienen zu lachen. Aber dann wurde klar, nein, sie lachten ganz und gar nicht, sie stritten, und das heftig. Einige um mich herum sahen es ebenfalls. Jemand sagte nicht zu laut: "Dreckskerle", was kurz eine düstere Zuversicht in mir erweckte. Wir begannen uns zu bewegen, die Menge kreiste in sich selbst. Mustafa nahm die Hand von meinem Rücken, legte sie fest um meinen Arm, direkt über dem Ellbogen, und begann mich durch die rastlose Menge zu steuern. Als ich ihn ansah, waren seine Augen nicht als seine zu erkennen. Körper drückten von allen Seiten gegen mich. Sie rochen vertraut. Auch ihre Mütter, nahm ich an, hatten ihnen kleine Fläschchen mit Orangenblüten- und Weihrauchduft in die Koffer gelegt, doch wie ich mochten sie die altmodischen Gerüche nicht und benutzten sie nie. Aus Liebe zu und Sehnsucht nach ihren Müttern hatten sie die Parfüms jedoch, ebenfalls wie ich, tief im Schrank zwischen ihren Sachen vergraben, wo der Duft sich langsam in ihren Kleidern und der Luft drum herum festsetzte.
Die drei Männer standen jetzt direkt hinter der Scheibe und stießen sich gegenseitig an. Was immer es war, was sie diskutierten, war zu einer Herausforderung geworden. Sie sahen uns an. Einer von ihnen versuchte das Fenster hochzuschieben, doch es wollte nicht nachgeben. Ein anderer probierte es, der untere Teil ruckte unwillig nach oben, und das Fenster stand jetzt offen. Sie lehnten sich hinaus und riefen etwas, waren aber nicht zu verstehen. Einer verschwand und kam mit etwas Schwarzem, Sperrigem zurück. Erst als er es auf uns richtete, begriff ich, was es war.
"Das wagen sie nicht", sagte Mustafa und schüttelte meinen Arm. Dann rief er, so laut er konnte, allen um uns herum zu: "Bleibt standhaft!"
Die Lächerlichkeit seiner Worte glich einem Stein, der in meine Gedanken fiel. Sie erbebten, und meine Knie begannen zu zittern. Mustafa schüttelte erneut meinen Arm, und ich konnte nicht sagen, ob er wollte, dass wir verschwanden, oder ob ich weiter nach vorn gehen sollte.
"Bleibt standhaft!", rief er wieder, und dieses Mal klang seine Stimme wie eine Saite, die gleich reißen würde.
Ich wollte mich einfach nur verkriechen. Ich war ein Haus, das weit offen stand. Ich überlegte, ob ich mich auf den Boden fallen lassen und, wenn er nicht losließ, Mustafa mit mir ziehen sollte. Durch den Wald von Beinen wollte ich kriechen und mich an der Schande nicht stören. Ich schimpfte auf ihn, weil er das einzige Hindernis war, der Einzige, der das Gesicht hinter meiner Maske kannte. Ich zog ihn an mich heran und schrie ihm ins Ohr: "Ich hab die Nase voll von diesem Scheiß", doch bevor er zu antworten vermochte, konnte ich meine eigene Stimme schreien hören, lauter, als ich es je für möglich gehalten hätte, schrie ich den Namen unseres Landes, wieder und wieder. Mustafa ließ mich los und stimmte mit ein. Die anderen auch, und mit diesem gemeinsamen Geist, der so geheimnisvoll wie die Bewegung eines Fischschwarms oder der Flug von Staren war, wurden wir zu einer harmonischen Masse, voller Leidenschaft und in einem perfekten Rhythmus.
Wir teilten das englische "Libya" in seine drei Silben und skandierten sie in einem schnellen Stakkato. Ein Teil des Namens war schwarz, der andere weiß, einer fest, der andere Luft. Wir stellten ein kleines kaum hörbares "a" voran und das "a" am Ende bekam ein ausgeatmetes "h". So erlosch das Wort und erwachte gleich wieder: a-Li-bi-ah, a-Li-bi-ah … Der Name wurde heller und freier, je öfter wir ihn riefen. Aber während die Silben meinen Körper durchschüttelten, fragte ich mich, ob das, was wir da skandierten, überhaupt wie "Libya" klang oder nicht eher wie das englische "alibi". Und vielleicht vermengten wir die beiden Worte ja bewusst, da wir mehr denn je begriffen, dass jeder Einzelne von uns ein Leben lebte, das unbedingt eine Absicherung brauchte.
Wir machten immer weiter, und Mustafa, mit weit offenem Mund und geschlossenen Augen, war noch weniger wiedererkennbar. Ich konnte nicht sicher sein, dass der Mann hinter der Maske der Mensch war, den ich kannte, derselbe, mit dem ich eben erst hergekommen war und Pläne für den Abend gemacht hatte. Es ist unmöglich, jemandem zu trauen, dessen Gesicht man nicht sehen kann, selbst wenn man ihn gut kennt, vielleicht besonders dann. Und es musste leichter sein, so jemandem Schaden zuzufügen - wenn man jemandem wehtun wollte, ihn verletzen oder gar sein Leben beenden, war es das Beste, sein Gesicht nicht zu sehen. Gesichter verkomplizieren alles. Plötzlich schienen uns unsere Balaklavas größerer Gefahr auszusetzen. Wir sollten sie abnehmen. Wir sollten sie abnehmen und davonlaufen.
Es war jetzt für alle klar zu sehen, dass das schwarze Objekt, mit dem sich die Männer am Fenster abmühten, ein Maschinengewehr war. Sie hoben es an und schrien zu uns hinaus. Die Luft war frisch und die Sicht so gut, dass ich, obwohl wir hinter der Absperrung gut zwanzig Meter vom Botschaftseingang entfernt waren, die vortretenden Adern an den Hälsen der Männer erkennen konnte, die sich schreiend über die Fensterbank beugten. Aber es half nicht, sie konnten unmöglich gegen unsere Lautstärke ankommen. Zwei von ihnen begannen mit dem Maschinengewehr herumzutun. Der dritte sah zu und nahm es ihnen dann weg. Alles, was ich denken konnte, war, niemals, nicht hier, nicht in London, nicht vor all diesen Menschen. Gefangen von meinem eigenen Unglauben stand ich da, unfähig mich wegzubewegen.
Die Schüsse schallten laut, und selbst da noch dachte ich, sie wollen uns sicher nur Angst machen und feuern in den Himmel. Nur dass das Geräusch selbst - eine Reihe von Rissen, als zerfetzte der Wind ein paar Segel - nicht derartig beeindruckend schien. Was mich beeindruckte, war das Gefühl. Es drang buchstäblich in mich ein und durchfuhr mich mit unnachgiebiger Gewalt, unbestreitbar, bis es das Zentrum meines Gehirns erreichte und dort für einen Moment innehielt, bevor es sich drehte und wieder aus mir hinausraste und dabei alles mit sich nahm, was ich war, alles, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es war, bis an die äußersten Grenzen. Ich stand da und war leer, mein Leben auf einen einzelnen lückenlosen, in der Glasmurmel eines Kindes eingeschlossenen Farbstreifen reduziert. Und da rollte sie raus, die Murmel, rollte aus mir heraus, und nahm alles mit sich mit.
Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlags