Vorworte

Leseprobe zu Catherine Guérard: Renata Wasweißich

Über Bücher, die kommen.
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Um ihrer Baccara willen nimmt Renata einiges auf sich. Sie hat
eine Flasche in einen ihrer Kartons eingelassen, um die Rose
frisch zu halten, sie durch Sonne und Regen mitgetragen, und will
sie auch für die Zukunft bewahren. Blumen presst man in Büchern -
aber wie soll das gehen? In unserer Leseprobe erfahren Sie es.   

Und was sagt meine Rose, dachte ich, das arme Fräulein Baccara,
und sie sah wirklich ganz müde aus, Für so ein Herumgezerre
ist die nicht gemacht, dachte ich, aber auf
der Treppe zur Metro dachte ich plötzlich Und wer
kommandiert jetzt, ich oder die Rose, oder das
Buch?, und das hat mir auf die Laune geschlagen, Die
Rose hat das Kommando, habe ich gesagt, weil ich
ihretwegen ein Buch kaufen gehe, und dann dachte
ich Stimmt nicht, es ist das Buch, weil ohne Buch ist
meine Rose erledigt, und das hat mir alles gar nicht
gepasst, es ließ mir keine Ruhe, aber im Gang zur
Metro fiel mir etwas ein, und zwar etwas Gutes, Ich
habe das Kommando, dachte ich, weil wenn ich beschließe
ins Kino zu gehen kann die Rose das Buch nicht
ohne mich kaufen, und das beweist dass ich
kommandiere, und da war ich erleichtert und wieder
ganz vergnügt, und dann war ich auf dem Bahnsteig
angekommen, und gerade als ich meine Pakete auf
den Boden gestellt habe kam auch die Bahn, also habe
ich meine Pakete wieder aufgehoben und bin eingestiegen,
und auch in diesem Waggon standen die Leute
dicht an dicht, aber nicht ganz so dicht wie auf dem
Hinweg, und dann wurde ein Platz frei und ich habe
mich schnell hingesetzt, und meine Pakete habe ich
teils unter den Sitz geschoben, teils auf den Schoß
genommen, Was für ein Buch kaufe ich denn nur,
dachte ich, und das war eine schwierige Frage, und
die Metro fuhr und fuhr und ich habe überlegt und
überlegt Was kaufe ich denn, Was kaufe ich denn, und
es sollte ein schönes Buch sein, weil meine Rose schön
war, Also keinen Roman, dachte ich, Romane sind
nicht schön, es muss ein solides Buch sein, ein Englisch-
Wörterbuch, oder ein Messbuch, und da musste
ich lachen, Ich bin doch kein Pfaffe, dachte ich, und
das war ein komischer Gedanke, köstlich fand ich das,
Die arme Rose, dachte ich, der würde das Lachen vergehen
mit diesem dämlichen Latein, und wirklich
wahr, ich hatte meinen Spaß in dieser Metro mit all
den komischen Einfällen in meinem Kopf, Keiner hat
so ein gutes Leben wie du, dachte ich, und bei diesem
Gedanken bin ich einen Moment lang geblieben, und
dann dachte ich Trotzdem, was ist mit meiner Schlafstatt,
aber das hat nicht lang angehalten, weil da die
Station kam wo ich aussteigen musste, diesen Namen
kannte ich gut, ich hatte ihn oft genug durchgelesen
bei meinem kleinen Aufenthalt hier auf dem Bahnsteig,
und jetzt stand ich wieder vor demselben Fahrkartenknipser
und habe meine Pakete sortiert, und er
hat mich erkannt, Da sind Sie ja wieder, sagt er, Hatten
Sie eine gute Fahrt, sagt er, und das hat mir nicht
gepasst und ich habe gesagt Und Sie, kaspern Sie
immer noch hier rum mit Ihrer Kappe, Werden Sie
mal nicht frech, sagt er ärgerlich, und ich fange an die
Treppe hochzusteigen, aber ich wollte nett sein und
habe mich noch mal umgedreht und laut gesagt Sie
sollten lieber das Leben genießen statt unter der Erde
Fahrkarten zu knipsen, Und meine Kinder, wer soll
die dann ernähren, ruft er, aber das war mir egal,
seine Kinder gingen mich nichts an, dafür war ich
schließlich keine Freie, die ein gutes Leben hat, dass
ich mir über die Gören von so einem Heini den Kopf
zerbreche, also gehe ich weiter diese Treppe hoch,
dann die zweite Treppe, und oben wartet der Regen
auf mich, es regnet also wirklich überall, und ich gehe
über die Straße, und richtig, da ist die Buchhandlung,
meine Rose wird bald getrocknet sein, Aber was für
ein Buch kaufe ich denn nun, dachte ich unruhig, und
da habe ich mich auf die Bank gesetzt, die Bank vor
dem Haus der Frau mit dem Brot, und ich habe versucht
mir im Kopf ein Buch zu überlegen, aber mir fiel
nichts Gutes ein, also habe ich meine Pakete
genommen und bin zu dem Schaufenster der Buchhandlung
gegangen, aber was da ausgestellt war hat mir für
meine Rose nicht gefallen, es waren lauter Romane
oder riesige dicke Bücher über Kirchen oder Pilze und
solche Sachen, Was mache ich jetzt, denke ich, Du
gehst rein, sage ich mir, dann sehen wir weiter, und
ich habe mit dem Fuß die Tür aufgestoßen weil das
ein guter Trick war und weil ich ein Schlaukopf war,
und dann habe ich fix meine Pakete an einem Verkaufstresen
abgestellt, nicht zu nah an der Tür, damit
sie mir keiner stiehlt, und da sagt so eine hochnäsige
Dame zu mir Was ist, was wollen Sie, und ich sage Ich
möchte ein schönes Buch kaufen, Ah, sagt sie ein
bisschen weniger hochnäsig, Madame Carolus, kümmern
Sie sich bitte um die Dame, die Dame möchte
ein schönes Buch, und eine kleine junge Frau kommt
auf mich zu und sagt Welche Art von Buch, Nicht zu
dick, sage ich, Soll es ein Geschenk sein, fragt sie,
Nein, sage ich, es ist für mich, Also einen Roman, sagt
sie, Nein, sage ich, auf keinen Fall, Was lesen Sie denn
gern, sagt sie, und da wurde es mir langsam zu bunt
mit ihrer Schnüffelei, Es ist nicht zum Lesen, sage ich,
es ist für, aber wieso sollte ich vor dieser Madame
Carolus mein Privatleben ausbreiten, Immerhin kenne
ich ihren Namen und sie kennt meinen nicht, dachte
ich, also bin ich wichtiger als sie, und sie hat derweil
gegrübelt, Nicht zum Lesen, nicht zum Lesen, aber
wofür dann, Ich bitte Sie, Madame Carolus, sagt die
Hochnäsige, verschwenden Sie nicht Ihre Zeit, kümmern
Sie sich lieber um den jungen Mann hier, er
sucht ein Buch über Napoleon, und das hat mich geärgert,
also sage ich Nein, Madame Carolus kümmert
sich um mich, da kann sie sich nicht gleichzeitig um
den jungen Mann kümmern, Sie wollen doch gar
nichts kaufen, sagt die Hochnäsige, also werden Sie
wohl erlauben, dass wir uns ernsthafteren Kunden
widmen, und da war ich wirklich wütend, Und ob ich
etwas kaufen will, rufe ich, Ich will auch ein Buch
über Napoleon, und das war eine gute Idee, Napoleon
war etwas Solides, und daraufhin hat mir diese Madame
Carolus so ein hässliches gelbes Buch mit ganz
kleiner Schrift gezeigt, ein Gefängnis wäre das gewesen
für meine Rose, also sage ich Nein, ich möchte
eines mit Bildern und einem schönen Umschlag, und
sie geht zu einem anderen Regal und bringt mir ein
Buch mit lila Stoffeinband und goldenen Bienen drauf,
und innen gab es Fotos von Napoleon und einer
Menge Frauen, und das war alles sehr gut, also sage
ich Das nehme ich, und ich habe gezahlt und Madame
Carolus wollte es mir schon einpacken, aber ich habe
gesagt Nein, nicht nötig, also gibt sie es mir so, und
ich sage danke und nehme meine Pakete und klemme
das Buch unter den Arm und gehe aus dem Laden,
und draußen regnet es immer noch, aber weniger,
also dachte ich Ich gehe zu meiner Bank, meine Rose
versorgen, und dann dachte ich Nein, der Regen wird
dir deinen Napoleon ruinieren, Also in ein Haus, habe
ich entschieden, und dann bin ich in das Haus direkt
vor mir gegangen, gleich neben dem von der Brotfrau,
und ich habe meine Pakete abgestellt und gedacht
Trotzdem hat bei alldem die Rose das Kommando,
und gerade wie ich darüber nachdenken will, um
herauszufinden wer recht hat in meinem Kopf, geht
die Tür der Portiersloge auf und heraus kommt eine
schreiende Frau, Marsch, marsch, schreit sie, Bewegung,
wir wollen hier keine Lumpensammler im
Haus, Aber es regnet, sage ich, außerdem bin ich
keine Lumpensammlerin, sage ich, Machen Sie keine
Geschichten, schreit sie, los, raus, also habe ich meine
Pakete und all meine Sachen genommen, und sie
schreit immer noch weiter, Nicht zu glauben, sagt sie,
in einem Haus, wo ein Arzt und ein Anwalt wohnen,
sagt sie, Ich bin auch ein anständiger Mensch, sage
ich, So sehen Sie aus, sagt sie, und ihre Stimme klingt
höhnisch, aber ich wollte keine Diskussion anfangen
mit diesem Schandmaul, also bin ich rausgegangen
und sie hat die Tür hinter mir zugemacht, und ich
dachte Wenn das so weitergeht, kaufe ich mir ein Heft
und schreibe sie alle auf, diese bösen Leute, und ich
war wirklich zornig, weil sie alle nicht wollten dass ich
ein schönes Leben habe, also bin ich zu meiner Bank
gleich nebenan gegangen, und es hat immer noch genieselt
aber ich habe gesagt Egal, und ich habe mich
hingesetzt, und dann habe ich die Rose aus ihrer Flasche
genommen und mein Buch aufgeklappt und wollte
die Rose reinlegen, aber auf der Seite war ein Foto
von einem Papst, und das ging nicht, da wäre meine
arme Rose ja verschrumpelt vor Langeweile, ich habe
also eine andere Seite aufgeschlagen und auf der
war ein Landhaus zu sehen, und da habe ich gesagt
Schwupp ins Körbchen mit dir, und das Buch mit der
Rose drin zugeklappt, aber die Rose war eine Rose
und zu dick, deshalb ging das Buch nicht zu, und das
war nun wirklich lästig, allmählich ging sie mir auf
die Nerven, diese Rose, weil sie sich so geziert hat und
überall kommandieren wollte, ich habe das Buch
also mit beiden Händen fest zusammengepresst und
kurz gewartet und dann ganz langsam locker gelassen,
und es hat sich von selbst wieder aufgeblättert,
oder nicht von selbst, es war die Rose die es aufgeblättert
hat, aber dann hatte ich es endlich, die richtige
Idee, Dir fällt doch immer was ein, dachte ich, und ich
habe nach der Schnur in meiner Tasche gesucht und
dann nach der Schere, und dann habe ich das Buch
ganz eng zusammengeschnürt, so dass es nicht mehr
aufgehen konnte, und am Ende habe ich die Schnur
abgeschnitten und fertig, und ich war zufrieden dass
die Schnur gegen die Rose gewonnen hat

Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

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