Vorgeblättert

Rosamund Bartlett: Anton Cechov. Eine Biografie. Teil 2

30.07.2004.
Ein paar Wochen nachdem er Olga zum erstenmal gesehen hatte, kurz vor seiner Übersiedlung in den Süden, auf die Krim, im Herbst 1898, hatte Cechov seinem jüngeren Bruder Misa eine Lektion über die Ehe erteilt und ihm gesagt, Heiraten lohne sich nur aus Liebe. "? ein Mädchen nur deshalb zu heiraten, weil es sympathisch ist, wäre dasselbe, wie wenn man sich auf dem Markt eine überflüssige Sache kauft, nur weil sie schön ist", schrieb er. "Die wichtigste Schraube im Familienleben ist - die Liebe, die sexuelle Neigung, die Einheit des Fleisches, alles andere ist unzuverlässig und langweilig, so klug wir uns das auch immer ausrechnen mögen."(33) Für Cechov gab es keinen Zweifel bezüglich der Frage, warum er Olga heiratete. Er sollte ihr während der fünf Jahre ihrer Beziehung Hunderte zärtlicher Briefe schreiben. Manchmal waren die Briefe so leidenschaftlich wie einmal Ende Oktober 1901:

Herzchen, mein Engel, mein Hund, Liebling, ich flehe dich an, glaube mir, daß ich dich liebe, zutiefst liebe; vergiß mich nicht, schreib und denke so oft wie möglich an mich. Was auch geschehen mag, auch wenn du dich plötzlich in eine alte Frau verwandeln solltest, ich würde dich trotzdem lieben - wegen deiner Seele, deines Charakters. Schreib mir, mein Hündchen! Achte auf deine Gesundheit. Wenn du krank wirst, was Gott verhindern möge, laß alles stehen und liegen und komm nach Jalta, ich werde dich hier pflegen. Laß dich nicht ermüden, Kindchen. [?] Der Herr segne dich. Vergiß mich nicht, ich bin doch schließlich dein Ehemann. Ich küsse dich fest, fest, umarme dich und küsse dich wieder. Das Bett kommt mir einsam vor, so als sei ich ein geiziger Hagestolz, böse und alt. Schreib!!
                                                                                           Dein Antoine
 

Vergiß nicht, du bist meine Ehefrau, schreib mir jeden Tag. Grüß Masa. An den Bonbons, die mir deine Mama gegeben hat, esse ich noch heute. Grüße auch sie.(34) 

Und manchmal waren Cechovs Briefe, auch wenn er sich ganz elend fühlte, verspielt, wie etwa Ende Januar 1902, als er gerade seiner Erzählung Der Bischof den letzten Schliff gab. Auf Olgas deutsche Herkunft anspielend, schrieb er: 

Also, meine Ehefrau, meine herrliche, gute, goldene, bleib Gott befohlen, gesund, fröhlich, denk an Deinen Mann wenigstens abends, wenn Du schlafen gehst. Hauptsache - sei nicht deprimiert. Dein Mann ist doch kein Trunkenbold, kein Schläger, kein Krakeeler, ich bin meinem Benehmen nach ein ganz und gar deutscher Ehemann; ich trage sogar warme Unterhosen ? Ich umarme einhundertundeinmal und küsse ohne Ende meine Frau.
                                                                                      Dein Ant.(35)
 

Die düstere Stimmung im Bischof wurde Cechov auch von der Liebe zu seiner Mutter eingeflößt, mit der er fast sein ganzes Leben zusammengelebt hatte und der er sehr nahestand. Bischof Petrs zurückhaltende Mutter taucht in der Erzählung als eine Erscheinung auf:

Wie schwül und heiß es war! Wie lange die Nachtmesse schon dauerte! Eminenz Petr war müde. Sein Atem ging schwer, hastig und stoßweise, die Schultern schmerzten vor Müdigkeit, und die Beine zitterten. Es berührte ihn unangenehm und erregte ihn, daß auf dem Chor hin und wieder ein Geisteskranker aufschrie. Und es kam ihm wie im Schlaf oder im Fieberwahn plötzlich vor, als sei seine leibliche Mutter Marija Timofeevna, die er schon neun Jahre nicht mehr gesehen hatte, oder eine andere alte Frau, die seiner Mutter ähnelte, aus der Menschenmenge an ihn herangetreten und habe sich, nachdem sie den Palmzweig von ihm entgegengenommen, wieder entfernt und ihn dabei fortwährend heiter und mit einem gutmütigen, freudigen Lächeln angesehen, bis sie in der Menge verschwunden war. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Ihm war leicht zumute, alles war wohlbestellt, aber er blickte regungslos auf die linke Seite des Chores, wo gelesen wurde und wo man in dem Dämmerlicht keinen einzigen Menschen erkennen konnte - und er weinte. Die Tränen glänzten auf seinem Gesicht und in seinem Bart. Da begann in der Nähe noch jemand zu weinen, und etwas weiter noch jemand, dann noch einer und noch einer, und allmählich erfüllte die Kirche leises Weinen. Etwas später aber, vielleicht nach fünf Minuten, sang der Mönchschor, niemand weinte mehr, und alles war wie zuvor.(36) 

Wie Bischof Petrs Mutter war auch Evgenija Jakovlevna eine sanfte, fromme Frau mit geringer Bildung, aber einem freundlichen und großzügigen Wesen. Nachdem sie erlebt hatte, wie einer ihrer Söhne an Tuberkulose starb, galt ihre Hauptsorge dem Gesundheitszustand ihres Sohnes Anton. Cechov schrieb ihr gewissenhaft immer, wenn sie getrennt waren - kurze, einfache Briefe, in denen er sie stets siezte. Ihre Antwortbriefe waren in bezug auf Grammatik und Interpunktion fehlerhaft, zumeist mit Bleistift und auf irgendein Stück Papier geschrieben, das sie gerade zur Hand hatte. Da Cechov ihre große, altertümlich wirkende Handschrift nicht für die Post geeignet hielt, bereitete er für sie Karten vor, mit seiner Adresse "Anton Pavlovia Cechov, Jalta", die sie ihm während seiner Abwesenheit schicken konnte.(37)
Cechov beendete den Bischof während der trostlosen frühen Fastenwochen, als nicht nur seine Mutter, sondern alle, auch die alte Marjuska, die Köchin, das Dienstmädchen und der Gärtner, fasteten. Auf eine merkwürdige Art und Weise ist Der Bischof auch ein versteckter Tribut an Cechovs Vater, dessen übertriebene Frömmigkeit es wohl war, die seinen Sohn bewog, als Erwachsener keine Gottesdienste mehr zu besuchen, dem er jedoch eine profunde Kenntnis der Heiligen Schrift (durch die er sich zweifellos bereichert fühlte) und ein Interesse an religiöser Literatur verdankte. Pavel Egorovia? geistliche Bücher wurden allesamt in den Bücherregalen in Jalta aufbewahrt. Der Vater hinterließ in Cechov auch eine Hochachtung vor jenen Menschen, die einen starken - religiösen oder anderen - Glauben besaßen. "Mir scheint, der Mensch muß einen Glauben haben oder muß nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer", sagt Masa im zweiten Akt der Drei Schwestern. Cechov hatte im Laufe seines Lebens viele Priester kennengelernt und freundschaftlichen Umgang mit ihnen gepflegt, und als er die Gestalt des Bischofs Petr schuf, schöpfte er aus dieser tiefen Quelle der Erfahrung. Da gab es zum Beispiel seinen Altersgenossen Bischof Sergej, den die Familie Cechov schon in den 1880er Jahren kennengelernt hatte, als er an der Moskauer Universität Geschichte studierte. Er wurde 1899 zum Bischof geweiht(38) und tauschte mehrere herzliche Briefe mit Cechov aus, während dieser in Jalta lebte. Seinem Freund Vater Sergej Scukin zufolge, der in Jalta an einer Pfarrschule unterrichtete, wurde Cechov auch von einer Photographie inspiriert, auf die er in Jalta gestoßen war und die Michail zeigte, den Bischof der Krim, der kurz zuvor als verhältnismäßig junger Mann an Tuberkulose gestorben war. Auf dem Photo lehnte er den Kopf traurig an seine alte Mutter, die aussah, als sei sie die Witwe eines Dorfdiakons, die aus dem tiefsten Tambov gekommen war, um ihren Sohn zu besuchen. Wie der Bischof in Cechovs Erzählung hatte auch Bischof Michail im Ausland gedient und war in klerikalen Kreisen dadurch berühmt geworden, daß er einen neuen gelehrten Typ des Mönchstums geschaffen hatte. Zu den religiösen Werken, die Cechov in diesen Jahren las, gehörte Bischof Michails Buch über das Evangelium.(39)
In Erinnerung an ein früheres Gespräch sagte der leidende, ans Haus gefesselte Cechov Olga im September 1901, daß er sich eigentlich danach sehne, mit nichts als einem Knappsack auf dem Rücken durch die Welt ziehen zu können, "frei zu atmen und nichts zu wollen".(40) Wie ergreifend ist dann, daß der einsame Bischof Petr in Cechovs Geschichte noch kurz vor seinem Tod eine Vision hat, in der er selbst genau dies tut:

Er aber konnte nichts mehr sagen und nichts mehr verstehen, er hatte den Eindruck, er sei schon ein einfacher, gewöhnlicher Mensch, er gehe schnell und fröhlich über das Feld und stoße mit dem Wanderstab auf, über ihm wölbe sich, von Sonnenlicht überflutet, der weite Himmel, er sei jetzt frei wie ein Vogel und könne gehen, wohin er wolle!(41)

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(33) L 10, 99.
(34) L 10, 175. Brief Nr. 695, IV, S. 83.
(35) Brief Nr. 990, V, S. 40 f.
(36) Der Bischof, in: Erzählungen 1897-1903, Zürich 1976, S. 330 f.
(37) W 10, 186.
(38) Ja. Simkin, Sem? let v zizni A. P. Cechova, Rostov am Don 1987, S. 129.
(39) L 8, 22.
(40) N. I. Gitovia/I. V. Federov (Hg.), A. P. Cechov vospominanijach
      sovremennikov
, Moskau 1954, 1960, S. 544-545.
(41) Der Bischof, in: Erzählungen 1897-1903, Zürich 1976, S. 349.

Teil 3