Vorgeblättert

Neal Stephenson: Quicksilver. Teil 3

21.09.2004.
Oldenburg zuckte zusammen und schüttelte bestürzt den Kopf. 
"Sehr ungeschickte Ausdrucksweise von Mr. Pepys. Er gab damit zu erkennen, dass der Briefwechsel so etwas wie eine diplomatische Verhandlung ist. Dabei brauchte er bei Wilkins durchaus nicht so plump vorzugehen ? er muss müde gewesen sein, zerstreut ?"
"Er hatte lange gearbeitet - im Schutze der Dunkelheit wird viel Gold ins Schatzamt der Flotte geschafft."
"Ich weiß - da, seht!", sagte Oldenburg, packte Daniel fester und drehte ihn herum, sodass sie beide westwärts über den Innenhof hinwegblickten. Sie befanden sich in der Nähe des Salt Tower, der die Südostecke des nahezu quadratischen Tower-Komplexes bildete. Demzufolge erstreckte sich vor ihnen die parallel zum Fluss verlaufende Südmauer, die eine Reihe gedrungener, runder Türme miteinander verband. Rechts von ihnen, mitten in den Hof gepflanzt, befand sich der alte Burgfried: ein frei stehendes Gebäude, das White Tower hieß. Einige niedrige Mauern teilten den Hof in kleinere Rechtecke, doch von Daniels und Oldenburgs Warte aus war das auffälligste Bauwerk die große Westmauer, die solide gebaut war, um Attacken aus der stets schwierigen Stadt London standhalten zu können. Auf der anderen Seite dieser Mauer verlief, ihrem Blick verborgen, in einem schmalen Durchgang zwischen ihr und einer etwas niedrigeren Außenmauer eine Straße. Über dieser Straße - die von Betrieben zum Einschmelzen und Bearbeiten von Edelmetallen gesäumt war - ballten sich dicke Rauch- und Dampfwolken. Sie hieß Mint Street. "Die infernalischen Hämmer halten mich wach - der Rauch ihrer Öfen zieht zu den Schießscharten herein." In aller Regel hatten die Wände hierorts schmale, Schießscharten genannte kreuzförmige Schlitze für Bogenschützen, was einer der Gründe war, warum der Tower, besonders für dicke Menschen, ein so gutes Gefängnis abgab.
"Deshalb also wohnen Könige heutzutage in Whitehall - um nicht in Windrichtung der Münze zu sein", sagte Daniel scherzend.
In Oldenburgs Gesicht wurde flüchtige Belustigung von pedantischer Verdrießlichkeit abgelöst. "Ihr begreift nicht. Die Münze ist nur äußerst sporadisch in Betrieb - sie ist monatelang kalt und still gewesen - die Arbeiter müßig und betrunken."
"Und jetzt?"
"Jetzt sind sie rührig und betrunken. Vor ein paar Tagen, als ich an ebendieser Stelle stand, habe ich dort, knapp hinter der Flussbiegung, einen schwer beladenen Dreimaster, ein Kriegsschiff, Anker werfen sehen. Kleine Boote mit schwerer Ladung sind in die Schleuse dort drüben, mitten in der Südmauer, eingelaufen, und noch in derselben Nacht erwachte die Münze zum Leben und ist seither nicht mehr zur Ruhe gekommen."
"Und im Schatzamt der Marine begann Gold einzutreffen", sagte Daniel, "und hat Mr. Pepys viel Arbeit gemacht."
"Nun wollen wir noch einmal auf das Gespräch zurückkommen, das Ihr mit anhören durftet. Wie hat der Bischof von Chester auf Mr. Pepys? ziemlich tollpatschige Enthüllungen reagiert?"
"Er sagte so etwas Ähnliches wie: ?Minette hält Seine Majestät also über das Treiben ihres Beaus auf dem Laufenden??"
"Und wen, glauben Sie, hat er damit gemeint?"
"Ihren Mann -? Ich weiß, ich weiß - meine Naivität ist bemitleidenswert."
"Philippe, Duc d?Orleans, besitzt die größte und schönste Sammlung weiblicher Unterwäsche in Frankreich - seine amourösen Abenteuer beschränken sich strikt darauf, sich von strammen Offizieren in den Arsch ficken zu lassen."
"Arme Minette!"
"Sie hat das ganz genau gewusst, als sie ihn heiratete", sagte Oldenburg und verdrehte die Augen. "Ihre Flitterwochen hat sie mit dem Bruder ihres frisch gebackenen Ehemanns im Bett verbracht. Mit König Ludwig XIV. Das hat Bischof Wilkins gemeint, als er von Minettes Beau sprach."
"Ich nehme alles zurück."
"Bitte fahrt fort."
"Pepys versicherte Wilkins, dass König Charles angesichts des Umfangs der Korrespondenz dem betreffenden Mann zwangsläufig sehr nahe sein müsse - es wurde eine Analogie auf goldene Reifen gebildet ?"
"Worunter Ihr eheliches Glück verstanden habt?"
"Sogar ich wusste, was Pepys damit gemeint hat", sagte Daniel hitzig.
"Genau wie Wilkins, da bin ich mir sicher - welchen Eindruck machte er denn auf Euch?"
"Ihm war nicht wohl - er wollte die erneute Versicherung, dass ?diese beiden Erzdissenter? förmliche Kontakte pflegen."
"Es ist ein Geheimnis - bei denen allerdings, die nachts in Privatkutschen durch London rattern, allgemein bekannt -, dass derzeit ein Vertrag mit Frankreich ausgehandelt wird, und zwar vom Earl von Shaftesbury und von dem alten Hur- und Saufkumpan Seiner Majestät, dem Herzog von Buckingham. Für diese Aufgabe ausgewählt, nicht etwa weil sie gewiefte Diplomaten wären, sondern weil nicht einmal Euer verstorbener Vater sie jemals papistischer Sympathien bezichtigt hätte."
Ein Leibgardist auf seiner Runde näherte sich ihnen. "Guten Abend, Mr. Oldenburg. Mr. Waterhouse."
"Abend, George. Was macht die Gicht?"
"Besser heute, danke, Sir - der heiße Breiumschlag schien zu wirken - wo habt Ihr das Rezept her?" Dann machte George nach einem mechanischen Austausch von Losungsworten mit einem anderen Beefeater auf dem Dach des Salt Tower eine Kehrtwendung, wünschte ihnen einen guten Abend und spazierte davon.
Daniel genoss die Aussicht, bis er sicher war, dass das einzige Geschöpf, das ihre Unterhaltung mithören konnte, ein spanielgroßer Rabe war, der auf einer Zinne in der Nähe hockte.
Eine halbe Meile weiter stromaufwärts wurde der Fluss von einer Reihe matschiger, bootsförmiger künstlicher Inseln, auf denen ein paar kurze, nicht allzu ambitionierte steinerne Bögen ruhten, durchschnitten und beinahe aufgestaut. Die Bögen waren untereinander durch einen Fahrweg verbunden, der stellenweise aus Holz, stellenweise aus Stein bestand und weitgehend von Gebäuden überdeckt war, die in alle Richtungen wucherten, weit übers Wasser vorsprangen und nur von provisorischen diagonalen Streben vor dem Hineinfallen bewahrt wurden. Stromaufwärts und stromabwärts war der Fluss weithin ruhig und träge, wurde jedoch rasend, wo er zwischen diesen Pfeilerköpfen (wie die künstlichen Inseln hießen) hindurchgezwungen wurde. Die Pfeilerköpfe selbst und auf mehreren Meilen stromabwärts auch die Ufer der Themse waren übersät mit den Wrackteilen leichter Boote, die die Stromschnellen unter der London Bridge nicht gemeistert hatten, und (ungefähr einmal die Woche) mit den Leichen und der persönlichen Habe ihrer Fahrgäste.
An einigen Stellen hatte man die Brücke von Gebäuden freigehalten, damit Brände nicht auf das andere Flussufer überspringen konnten. In einer dieser Lücken blieb eine stämmige Frau stehen und schleuderte ein irdenes Gefäß in das aufgewühlte Wasser hinab. Daniel konnte es von hier aus nicht sehen, aber er wusste, dass es mit einem primitiven Konterfei bemalt war: ein Zauber zur Abwehr von Hexerei. Die in einigen dieser Bögen errichteten Wasserräder machen knirschende und scheppernde Geräusche, die Waterhouse und Oldenburg noch in einer halben Meile Entfernung zwangen, die Stimme zu erheben und die Köpfe dichter zusammenzustecken. Das, nahm Daniel an, war kein Zufall - er vermutete, dass sie nun zu einem Teil des Gesprächs kamen, den Oldenburg den scharfen Ohren der Beefeater lieber vorenthielt.
Unmittelbar hinter der London Bridge, aber schon ein ganzes Stück weit in der Flussbiegung, waren die Lichter von Whitehall Palace zu sehen, und Daniel hatte fast den Eindruck, dass den Palast heute Abend, da Enoch der Rote den König, seinen Hof und die ranghöchsten Mitglieder der Royal Society über das neue Element mit Namen Phosphor unterrichtete, ein grünlicher Schimmer umfing.
"Dann wurde Pepys sogar für Wilkins zu enigmatisch", sagte Daniel. "Er sagte: 'Ich verweise Euch auf Kapitel zehn Eures Werkes von 1641.'"
"Das Cryptonomicon?"
"Das nehme ich an. In Kapitel zehn erläutert Wilkins die Steganographie, das heißt die Einbettung einer unterschwelligen Botschaft in einen harmlos wirkenden Brief -", doch hier hielt Daniel inne, weil Oldenburgs Gesicht eine offenkundig aufgesetzte Miene unschuldiger Neugier angenommen hatte. "Aber das dürftet Ihr ja durchaus wissen. Dann entschuldigte sich Wilkins für seine Begriffsstutzigkeit und fragte, ob Pepys in diesem Moment denn von Euch spreche."
"Ho, ho, ho!", bellte Oldenburg, und sein Gelächter hallte wie Kanonendonner von den harten Mauern des Innenhofs wider. Der Rabe hüpfte näher heran und kreischte: "Krah, krah, krah!" Beide Menschen lachten, und Oldenburg zog ein Stück Brot aus der Tasche und hielt es dem Vogel hin. Der hüpfte noch näher heran und reckte sich, um es aus der dicken, bleichen Hand zu picken - doch Oldenburg zog es weg und sagte deutlich artikuliert: "Cryptonomicon."
Der Rabe legte den Kopf schräg, öffnete den Schnabel und gab ein langes, würgendes Geräusch von sich. Oldenburg seufzte und öffnete die Hand. "Ich versuche, ihm Wörter beizubringen", erklärte er, "aber das ist für einen Raben ein zu großer Brocken." Der Schnabel des Vogels spießte das Stück Brot aus Oldenburgs Hand, dann hüpfte das Tier außer Reichweite, falls Oldenburg es sich anders überlegen sollte.
"Wilkins?Verwirrung ist verständlich - aber was Pepys meinte, ist völlig klar. Flussaufwärts" (er machte eine Geste in die ungefähre Richtung von Whitehall) "gibt es ein paar misstrauische Menschen, die glauben, ich sei ein Spion, der mit kontinentalen Mächten kommuniziert, und zwar mittels unterschwelliger Botschaften, die in vermeintlichen philosophischen Abhandlungen verborgen sind - es übersteigt ihr Begriffsvermögen, dass jemand sich so sehr, wie ich es offenbar tue, für eine neue Spezies von Aalen, die Quadratur von Hyperbeln et cetera interessiert. Aber davon hat Pepys nicht gesprochen - er ist sehr viel geschickter vorgegangen. Er hat Wilkins gesagt, dass die nicht sehr geheimen Verhandlungen, die von Buckingham und Shaftesbury geführt werden, der vermeintlich harmlosen Botschaft gleichen, mit der die tatsächlich geheime Vereinbarung verborgen werden soll, welche die beiden Könige, mit Minette als Mittlerin, aushandeln."
"Herr des Himmels", sagte Daniel und sah sich gezwungen, sich an eine Zinne zu lehnen, damit sein schwirrender Kopf ihn nicht in den Burggraben beförderte.
"Eine Vereinbarung, über deren Einzelheiten wir nur mutmaßen können - abgesehen davon, dass sie dafür sorgt, dass dort drüben mitten in der Nacht Gold eintrifft." Oldenburg zeigte auf die Schleuse des Tower an der Themse. Sein Taktgefühl hielt ihn davon ab, ihren alten Namen auszusprechen: Traitor?s Gate, Verrätertor.
"Pepys hat beiläufig erwähnt, dass Thomas More Anglesey dafür verantwortlich sei, das Säckel der Flotte zu füllen ? ich habe nicht verstanden, was er damit meinte."
"Unser Herzog von Gunfleet hat sehr viel innigere Verbindungen zu Frankreich, als irgendwem bewusst ist", sagte Oldenburg - und weigerte sich dann, noch mehr zu sagen.

      Und weil Silber und Gold ihren Wert aus dem Stoffe selbst beziehen; 
      besitzen sie zunächst den Vorzug, dass ihr Wert weder von einem 
          einzelnen noch von mehreren Staaten geändert werden kann; denn 
          sie stellen allerorten ein allgemein gebräuchliches Maß für Waren dar.
          Gemeines Geld dagegen lässt sich ohne weiteres aufoder abwerten.
                                         HOBBES, Leviathan

Nicht viel später warf Oldenburg, darauf bedacht, sich endlich über den Stapel Post herzumachen, ihn auf artige Weise hinaus. Unter den höflich neugierigen Blicken der Beefeater und ihrer halb zahmen Raben ging Daniel die Water Lane am Südrand des Tower-Komple-xes hinunter. Er kam an einem großen, rechteckigen Turm vorbei, der über dem Fluss in die Außenmauer eingesetzt war, und machte sich zu spät bewusst, dass er, hätte er an dieser Stelle nur den Kopf gedreht und nach links geschaut, durch den riesigen Bogen des Traitor?s Gate auf den Fluss hätte blicken können. Zu spät - wahrscheinlich ein schlechter Gedanke umzukehren. Vielleicht nur gut, dass er nicht gegafft hatte - etwaigen Beobachtern kam so erst gar nicht der Verdacht, dass Oldenburg darüber gesprochen hatte.
Dachte er etwa schon wie ein Höfling?

Mit freundlicher Genehmigung des Manhattan-Verlages

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