Vorgeblättert

Marlene Streeruwitz: Jessica, 30. Teil 1

12.04.2004.
Seiten 1 bis 15

"... Alles wird gut, ich muss nur die Praterhauptallee hinauf- und hinunterrennen und dann ist wieder alles gut, dann kann ich das Schokoeis von heute Nacht und das Essen von Weihnachten vergessen und dass ich nicht geschlafen habe, wegen dem Gerhard, obwohl ich das gar nicht will und es gar keinen Grund gibt, den so ernst zu nehmen, aber beim Laufen dann, dann brauche ich an nichts zu denken, und bei der Kälte vergeht einem auch noch jeder Wunsch, ich möchte nicht, eigentlich möchte ich nicht, eigentlich möchte ich gar nicht, überhaupt nicht, ich möchte in der Badewanne liegen und warmes Wasser um die Haut und nur daliegen und nicht bewegen, bewegen nur, wenn das Wasser schaukelt und warm und nicht aus dem Auto in diese Kälte hinaus und der Mann da, in dem roten Fiat, der zieht sich auch seine Joggingjacke an, der wurschtelt sich auch in seine Windstopperjacke oder nein, der zieht sie aus, der ist schon fertig, der ist schon laufen gewesen, ich werde erst in einer Stunde so dasitzen und er ist ja auch ganz rot im Gesicht, shit, der hat es schon hinter sich und warum ist es nicht schon eine Stunde später und jetzt geh endlich, zieh den Mantel aus und steig aus dem Auto, Jessica Somner, reiß dich zusammen, du hättest ja das Eis nicht essen müssen, Issi, heute Nacht, und was für eine Idee, dieses Schokoeis und dann noch eine ganze Packung Mövenpick Maple Walnut und wenn die Dose Schlagobers nicht ausgegangen wäre, hätte ich die auch ganz gegessen und hast du das notwendig, ich meine, es ist gerade nicht alles so toll, aber deswegen gleich in die Fettsucht, der Ausgleich für mangelnde Sexualität kann es nicht sein, ich hole mir ja, was ich will und irgendwie ist es gar nicht so schlecht, wenn er dann weg ist und gerade nach Hause fährt, wahrscheinlich bin ich sozialfrigid, wenn es immer nur schön ist, wenn keiner da ist und die Männer wirklich nur das Vorspiel und es lebe die Onanie und es interessiert ja auch keinen, eigentlich und jetzt, meine Liebe, jetzt wird ausgestiegen, wenn dich sonst nichts verzehrt, dann muss auch das selber getan werden und hinaus und ja, es ist kalt und ich laufe lieber los, zum Stretchen stehen bleiben, da erfriere ich, das muss die Thermounterwäsche leisten, die Muskeln wärmen und jetzt los, bei der Eisenbahnbrücke ist es vorbei, mit der Kälte und der Raureif auf dem Schnee knirscht so schön, woran erinnere ich mich, wenn ich dieses Knirschen höre, immer wenn ich dieses Schneeknirschen höre, wird mir angenehm, es muss mit Weihnachten zu tun haben, es ist so erwartungsvoll und angenehm und atmen, Frau Somner, atmen, durch die Nase, wenn es nicht so ungeheuerlich kalt wäre und was für ein hässliches Gefühl, diese Kälte innen, so kalt, innen, die Rippenbögen entlang, wahrscheinlich ist es superschädlich, bei dieser Kälte zu laufen, aber nicht laufen ist noch schlechter, und die Wolken, die Fettwolken, innen die Oberschenkel entlang, das wirklich helle Licht ist nicht mehr angebracht, im Schlafzimmer oder wenn schon ein sehr helles, da sieht man es auch nicht, atmen und der blöde Schal, es gibt so Hauben mit angeschnittenem Schal, wie für einen Bankraub, so eine sollte ich mir besorgen, nur, wann komme ich auf die Mariahilferstraße oder besser in das Donaucenter, obwohl, da haben sie dann keine Auswahl, bei den Laufschuhen, da waren nur die Nikes für die Burschen und 3 Modelle adidas für Damen, und warum hast du dir das alles nicht in Köln gekauft, in diesem kleinen Geschäft mit den Laufsachen nur für Frauen, die Frau da, die ist mindestens 50, die wäre dir schon längst davongelaufen, aber die trainiert für Marathon, das ist ja dann doch übertrieben, so schlimm ist die Cellulitis dann auch noch nicht und die Mama hat überhaupt keine, woher habe ich das geerbt, und es geht überhaupt nicht, es geht überhaupt überhaupt nicht, diese Beine, die werden ja immer schwerer und so kenne ich das nicht, das muss die Kälte sein, ich kann die Beine nicht einmal heben, die schleifen ja hinter mir her und diese klebrige Kälte unter den Rippen, das geht nicht, das geht so nicht, das kann so nicht gehen, ich muss aufhören, Issi, das solltest du nicht weitermachen, das fühlt sich, das fühlt sich gefährlich an, ich laufe nur noch bis zum Kinderspielplatz und dann drehe ich um, das sind dann gerade vielleicht 5 Minuten und ich habe wiederum vergessen, auf die Uhr zu schauen, wann ich weggelaufen bin und werde wieder nicht wissen, ob ich wirklich 50 Minuten gelaufen bin oder doch nicht und hat es einen Sinn, mit dem Gerhard zu reden, würde sich deswegen etwas ändern, der ist ein Politiker, der wird die Politik nicht aufgeben, er kann das gar nicht, er wird verheiratet bleiben, er wird seine Frau nicht verlassen, und seine Kinder, er wird sich nicht ändern, er kann das gar nicht und er hat das Interesse verloren, er hat wirklich Probleme mit seinem attention span und mir macht es nichts mehr aus, dass er nie kommt oder immer zu spät und nie in der Öffentlichkeit und das interessiert ihn dann wieder nicht, wenn es einen nicht mehr aufregt, er hat doch ganz gerne ein zappelndes Opfer, nein, eigentlich will er ein tragisches Opfer, ich glaube, er braucht eine emotionale Geschichte, das regt ihn auf, das regt ihn erst auf, den törnt Liebe an, richtige, sich verzehrende Liebe und deswegen bleibt er ja bei seiner Frau, weil die trinkt, seinetwegen, das ist ein Liebesbeweis, für ihn ist das ein Liebesbeweis und das fehlt ihm jetzt schon, das beginnt ihm zu fehlen, er ist ja auch ganz phantasielos geworden und mir ist es zu blöd, mich anzustrengen und warum laufen alle immer auf der Straße, hier, auf dem Asphalt, meine Knie halten das nicht aus, ich spüre es nachher, wenn ich nicht auf dem weichen Boden gelaufen bin, aber dieses Einbrechen, dieses kleine Einbrechen bei jedem Schritt durch die gefrorene obere Schneeschicht, das ist anstrengend, das macht richtig langsam, aber die Kälte aus den Lungen ist weg und in den Handschuhen ist es gleich zu heiß, wenn es nicht so langweilig wäre, aber bis zur Autobahn wird es schon gehen, der Schal hält ja jetzt einmal, weitervorbeugen, nicht die Schultern so zurück, die Schultern runder und den Kopf beugen, nicht so aufrecht gegen das Laufen, die Luft durchschneiden, wie schwimmen, und das geht ja, und Schluss machen, ich verliere nur diese Welt, diese kleine Welt mit ihm, aber ich hätte ihn nie in die Wohnung lassen dürfen, diese Welt findet in der Wohnung statt, die müsste aus der Wohnung entfernt werden, diese helle Insel, bei der es immer Nacht draußen ist und die Vorhänge vorgezogen werden müssen und die Jalousien herunter, wegen seiner Paranoia, wen interessiert denn schon das Gestöhne eines Ministers und er stöhnt ja nicht einmal, aber was weiß ich, was er sonst noch macht und wer sich für ihn interessiert und vielleicht ja sogar seine Frau und was ist es nun wirklich, was verloren geht, wahrscheinlich das Heimliche, das Nurmiteinander-voneinander-Wissen, der Blick bei der Pressekonferenz und dann gleich weiter und nur wir beide wissen es und nur wir beide können es wissen, wenn die Vorhänge vorgezogen sind und müssen uns deshalb ineinander verkrallen und daran muss ich ja auch beim Onanieren nachher denken und hat die Katrin Recht, dass man keinen Orgasmus ohne eine Phantasie haben kann, aber die Katrin gehört zu den Leuten, die so etwas behaupten können, die Katrin kann sagen, dass es das nicht gibt, einen erzwungenen Orgasmus, die Katrin schaut 'Sex and the City' und deshalb glaubt sie, sie weiß alles und natürlich weiß sie auch nur das, was sie wissen kann, auch ein Sexualtherapeut könnte nicht mehr wissen, als er selber weiß, und, keine Phantasie haben, nur daliegen und ihn machen lassen, das ist auch eine Möglichkeit, man kann sich da auch beherrschen lassen, und das kennt sie halt nicht, und es macht mir immer noch Angst, wenn jemand etwas so bestimmt weiß, auf diesem Gebiet und ich werde der Claudia eine Serie vorschlagen, wieder einmal eine 'Alles über Sex'-Serie, 'Mehr als alles über Sex' und was der Menschenfresser mit Sex zu tun hat, warum es mich so aufregt, mir diese beiden Männer in der Genossenschaftswohnung vorzustellen, an einem IKEA-Tisch sitzen und wie sie den Schwanz vom Opfer verspeisen, auf dem Lilienporzellan von der Mutter und warum finde ich das verstörend, warum regen mich solche Sachen auf, warum kaufe ich mir die Bild-Zeitung mit den Berichten, es sind 2 Männer und der eine lässt sich entmannen und dann gleich danach töten und ist das eine Voraussetzung gewesen, der Grund, sich dann abschlachten zu lassen, weil er kein Mann mehr war, dann und deshalb den Tod verdient hatte, ohne Schwanz, der Schwanz ein Opfer, aber das alles nur, weil er sterben wollte und der Schlächter ein zufälliger Priester und das Ganze ein Augenblick der Erfüllung, aber geheim, und war das Geheime notwendig, weil es sonst nicht gegangen wäre oder war auch das eine Voraussetzung, wie die zugezogenen Vorhänge oder würde das Opfer Öffentlichkeit haben wollen und kann sie nur nicht haben, wenn niemand anderer davon weiß, sehr existent sind die Dinge dann nicht, wenn sie geheim sind, die Geschichte mit dem Gerhard ist nur interessant gewesen, weil sie zusätzlich war, zu allem anderen, und, jetzt geht es schon weiter, die raue Stelle im Hals wird schlechter, aber bis zum Ende wirst du das nicht spüren und die Schultern runder und mehr ins Laufen fallen lassen und den Rhythmus halten, das ist wunderbar, so gleichmäßig und was für ein wunderbares Maschinchen, der Körper, wenn alles so läuft und nichts anderes existiert und hoffentlich kein Hund auftaucht, den Rhythmus zu stören, und das ist die wirkliche Unabhängigkeit, in sich abgeschlossen so gut zu funktionieren, ein solches Wohlgefühl, und ich werde der Claudia das verkaufen, ich bin die richtige Autorin dafür, ich will es selber wissen, ich nehme die Leserin auf eine Forschungsreise mit, Fragen sind wieder erlaubt, und nicht in dem Ton wie Cosmopolitan, glamouröses Onanieren, das wissen wir jetzt alle, aber das ist ja auch nur eine von diesen Regeln, Vorschriften, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen, weiß man gleich nicht weiter, und man muss es einfach beschreiben wie in den Kochbüchern mit den Zeichnungen, aber die Männer werden es weiterhin nicht lesen und nicht wissen, wo die Klitoris ist, das ist schon erstaunlich und bei Bukowski gibt es doch diese Geschichte, dass er kommen muss, während eine Hure seinen Schwanz bearbeitet und er will gar nicht und muss doch kommen und geniert sich fürchterlich dafür und genau darum geht es, das muss die Katrin einmal lesen, was der Herr Bukowski da erfunden hat und ob der auch lügt oder liest sie das von einem Mann und akzeptiert es und Frauen hält sie für stärker, oder hält sie Frauen für nicht so ausgeliefert, geschlechtsorganisch, ich kann auch in 2 Minuten kommen, diese Empfindlichkeit, hält die ein Selbstverschulden aufrecht, also Schuld, oder macht die kostbar, diese altmodische Kostbarkeit von Frauen und warum muss ich mir jetzt trotzdem die Seele aus dem Leib laufen, obwohl ich ein kleines Liebesabenteuer mit einem durchaus potenten Mann in der Nacht hinter mir habe, danach einen wunderbaren Selbstorgasmus hatte, einen von denen, die jede Zelle erreichen und einen Augenblick in einem hängen, in diesem sirrenden Zerren zur Mitte hin und dann sich noch einmal ausbreiten und dann gut und dann aber doch der Gang zum Eiskasten und das Eis aus dem Tiefkühlfach und das Schlagobers darüber und auf dem Sofa sitzen und in sich hineinlöffeln und alles wohlig und wunderbar, aber warum dann noch essen, warum in sich hineinstopfen und doch ohnehin schon keine Größe 36 mehr und Größe 38 die absolute Grenze, mehr darf es nicht werden, auf keinen Fall, und wie macht das die Mama, aber die isst nicht, die mag nicht essen, die hat nie essen mögen, die hat Essen immer verachtet, das ist eine Schwäche für sie und kein Wunder, dass ich immer zu diesen älteren Männern tendiere, die mit diesen festen Bäuchen, die immer essen wollen, vorher, die so dastehen, in ihren Kaschmirmänteln und sich von nichts umwerfen lassen, die muss ich alle immer vor der Verachtung von der Mama retten, die dem Vater immer vorgeworfen hat, dass er ja nur essen kann, essen und trinken und sonst verstünde er nichts von Kultur, aber er gibt das ja auch zu, er kann nur Geld verdienen und das Geld dann genießen, vielleicht noch Fußball, und sie hätte das gewusst, immer hatte sie das gewusst und früher hatte das auch gereicht, seine Freundinnen haben es jetzt schwer, neben ihm dünn bleiben, das sieht schwierig aus und ich sollte schneller laufen, dieser Jogger kommt mir schon wieder entgegen, ist der jetzt die ganze Allee gelaufen oder hat der früher umgedreht, der kann doch nicht 4 Kilometer so schnell gelaufen sein, das ist unmöglich und ich muss zu denken aufhören, ich komme sofort aus dem Rhythmus und es wird gleich wieder schwierig, lauf weiter, Issilein, tu mir die Liebe, lauf weiter, nicht einmal ein paar Schritte gehen, dann ist es gleich ganz sinnlos und wenigstens bis zur Meiereistraße solltest du kommen, das sind dann nur 2 Kilometer und 100 Meter, aber bei dem Wetter wird es reichen und danach wirst du dankbar sein und bei der Besprechung mit der Claudia gut aussehen, die Augen werden dann wieder vollkommen klar und die Flasche Wein nicht mehr zu sehen, das mit dem Trinken sollte ich wirklich nicht tun, es genügt Maple Walnut, und allein trinken, aber es ist so erwachsen, irgendwie, dasitzen und ein Buch und eine Flasche Rotwein ...

Teil 2