Vorgeblättert

Lew Besymenski: Stalin und Hitler, Teil 2

An dieser Linie hatte Stalin zunächst nichts auszusetzen. Als Molotow am 28. August mit Schrecken feststellte, daß man bei der Ausarbeitung des Protokolls in der Eile den Fluß Pissa nördlich des Narew zu erwähnen vergessen hatte, setzte er sich umgehend mit dem deutschen Botschafter Schulenburg in Verbindung. Es wurde entschieden, den Fluß in einem besonderen Vermerk zu nennen. Erst danach folgten Narew, Weichsel und San. So kam es zu der von Molotow und Schulenburg unterzeichneten "Klarstellung", womit eine Linie bestätigt wurde, die Polen von Nord nach Süd durchschnitt und in zwei etwa gleiche Hälften trennte. Das war die vierte Teilung Polens. 
Bis zum 17. September 1939 stand sie allerdings nur auf dem Papier. Erst an diesem Tage wurde sie Wirklichkeit. Während die Deutschen noch mit der Einkesselung Warschaus beschäftigt waren, rückte die Rote Armee auf Brest und Lwow vor. Die Deutschen drängten Stalin zur Eile, dieser aber wollte den Ausgang der Kämpfe in Mittelpolen abwarten. Dann tauchten in Moskau Zweifel auf, ob die deutschen Divisionen tatsächlich an der vereinbarten Linie haltmachen würden. Die sowjetischen Truppen hatten den Auftrag, bis zur Linie Bialystok-Brest-Lwow vorzurücken.
Stalins Argwohn gewann die Oberhand. In der Nacht zum 18. September rief er Schulenburg zu sich und meinte auf dessen Versicherungen boshaft: "An der Loyalität der deutschen Regierung zweifle ich nicht, aber es ist doch bekannt, daß Militärs eroberte Territorien nicht gern räumen..."Diese Bemerkung parierte der anwesende Militärattache, General Köstring:"Das deutsche Militär tut genau das, was ihm der Führer befiehlt!"(7)
Nun war Stalins Mißtrauen vollends geweckt. Seine Reaktion kam für die Deutschen unerwartet: Einen Tag später teilte Molotow Schulenburg mit, die Sowjetregierung habe sich anders entschieden. Sie wolle kein "Restpolen" bestehen lassen, sondern das Land direkt zwischen der UdSSR und Deutschland aufteilen. Darüber müsse man in neue Verhandlungen eintreten.
Offenbar hatte man in Moskau während des deutschen Vormarsches über verschiedene Varianten des eigenen Verhaltens debattiert. Als sich rasche Erfolge der Wehrmacht abzeichneten, mußte man zu einem Entschluß kommen. Die Rote Armee sollte in jedem Falle aktiv werden. Als einfachste Begründung bot sich an (und wurde dann auch veröffentlicht): Da der polnische Staat zerfällt, kann die Sowjetunion ihre Blutsbrüder in Westweißrußland und der Westukraine nicht ihrem Schicksal überlassen und nimmt sie daher unter ihren Schutz. Das klang logisch: kein Eintritt in den Krieg, sondern lediglich ein Schritt zum Schutz der Weißrussen und Ukrainer, die mehrheitlich in nationalen Republiken im Bestand der UdSSR leben. Damit ergab sich aber das Problem, wie man das Vorrücken der Roten Armee bis zu Weichsel und Narew, d. h., in Räume mit rein polnischer Bevölkerung, erklären sollte. 
Hier faßte Stalin den Entschluß, Polen zum fünften Mal zu teilen. Die Rote Armee sollte nicht bis zur Weichsel bei Warschau marschieren, sondern bereits am Westufer des Bug bei Brest haltmachen. Das paßte zu Stalin, dem die Polen seit 1920 zutiefst unsympathisch waren, als sie Budjonnys und Woroschilows Reiterarmeen nicht gerade mit wehenden Fahnen begrüßt hatten. Die Aussicht, es im Jahre 1939 mit einer feindseligen Bevölkerung zu tun zu haben, war für die militärische und politische Führung der Sowjetunion nicht sehr verlockend. Übrigens hatte Stalin auch im August wohl kaum die Absicht gehabt, bis Warschau zu marschieren. Aber als geschickter Politiker dachte er gar nicht daran, Hitler etwas zu schenken. Er bot ihm ein Tauschgeschäft an: Hitler sollte den größten Teil der Warschauer und die ganze Lubliner Wojewodschaft erhalten, Stalin dafür Litauen bekommen, das man ursprünglich der deutschen Interessensphäre zugeschlagen hatte. Das erklärte Stalin den Deutschen am 20. September und schlug zugleich vor, den Tausch mit einer neuen Vereinbarung zu besiegeln, die natürlich geheim bleiben sollte.(8)
Auf Litauen kam Stalin nicht zufällig. Erst kurz zuvor hatte man bei den englisch-französisch-sowjetischen Militärgesprächen in Moskau einen Entwurf Marschall Schaposchnikows erörtert, der vorgeschlagen hatte, sowjetische Militärhilfe, d. h., Divisionen der Roten Armee, über den Wilnaer Korridor, also auf dem strategisch günstigsten Wege, nach Westen zu schicken. Außerdem wurde in Moskau bekannt, daß Hitler im September in aller Eile Maßnahmen zur Stärkung des deutschen Einflusses in Litauen angeordnet hatte. Der litauische Botschafter in Berlin, Skirpa, führte erfolgreiche Geheimverhandlungen darüber, daß sich sein Land unter den militärischen Schutz Deutschlands begeben wollte. Die Deutschen schwelgten bereits in dem Vorgefühl, sie würden Litauen dessen alte Hauptstadt Vilnius zurückgeben, das zur Zeit noch das polnische Wilna war. Diesen Gefallen aber konnte Stalin seinem neuen Verbündeten nicht tun. Er selbst wollte Wilna den Litauern zurückbringen.
So beschloß er also am 20. September, alles noch einmal von vorn zu beginnen. Das ließ er über Schulenburg nach Berlin mitteilen. Hitler blieb nichts anderes übrig, als einzulenken. Diesmal hatte es Stalin geschafft, Hitler auszumanövrieren. Der deutsche Diktator hatte keine andere Wahl, wenn er die Sowjetunion bei Laune halten wollte. Ihm stand ein langer, zermürbender Kampf bevor, kein Blitzkrieg, wofür er Erdöl, Getreide und Erze aus der UdSSR dringend brauchte. Dafür unternahmen die deutschen Handelsvertreter parallel zu Ribbentrop größte Anstrengungen.
Als alle Für und Wider abgewogen waren, entschied der Führer, seinen Außenminister noch einmal nach Moskau zu schicken. Damit wollte er aus der Not eine Tugend machen: Das Treffen mit Stalin sollte genutzt werden, um wichtige Fragen zu klären. Erstens sollte Ribbentrop sondieren, ob die Weiterentwicklung des Nichtangriffsvertrages in ein vollwertiges Militärbündnis für die kommende Auseinandersetzung mit den Westmächten im Bereich des Möglichen lag. Zweitens galt es, wenigstens einen Teil Litauens für Deutschland zu reservieren oder zumindest erhöhte Rohstofflieferungen als Ersatz herauszuschlagen. Drittens schließlich sollte Ribbentrop herausfinden, was Stalin mit dem Baltikum vorhatte.(9)
Hitler wollte also seinen Preis für die Zustimmung zur fünften Teilung Polens. Für Stalin war das delikateste Problem eine mögliche militärische Zusammenarbeit mit Deutschland im Falle eines Konflikts mit den Westmächten. Nun stellte sich heraus, daß er gar nicht daran dachte, etwas zu versprechen. Allerdings bot er seine Haltung in sehr eigenwilliger Form dar: Er lobte Ribbentrop dafür, daß dieser nicht um militärischen Beistand der Sowjetunion gebeten hatte. Jedoch sei ein starkes Deutschland unbedingte Voraussetzung für den Frieden in Europa. Daher habe die Sowjetunion Interesse an der Existenz eines starken Deutschlands. Sie könne also nicht zulassen, daß die Westmächte Bedingungen schaffen, die Deutschland schwächen und in eine schwierige Lage bringen könnten. 
Das waren sehr zweideutige Formulierungen: Sie konnten zwar bei Ribbentrop die Hoffnung auf Beistand in schwieriger Lage wecken, schlossen aber ein Militärbündnis aus. Dafür zeigte sich Stalin in zwei anderen Fragen großmütig: Er trat ein kleines Stück Südlitauens - den sogenannten Suwalki-Zipfel - für einen beträchtlichen Kaufpreis ab. Zudem äußerte er den Wunsch, den Handel weiter zu aktivieren, wobei er nicht zuletzt auf deutsche Lieferungen für die sowjetische Rüstungsindustrie anspielte. Schließlich stimmte er sowohl dem deutschen Vorschlag zu, von künftiger fruchtbarer Zusammenarbeit zu sprechen, als auch dem von den Deutschen gewünschten Titel der neuen Vereinbarung "Freundschaftsvertrag".
Im Morgengrauen des 29. September wurde der neue Grenz- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet, dem wiederum ein geheimes Zusatzprotokoll beilag.

...

Was war an diesem Vertrag nun anders als an dem vom 23. August? Der Unterschied ist gewaltig. Am 23. August hatte Deutschland Polen noch nicht überfallen. Formal konnte die Sowjetunion daher mit Deutschland einen solchen Pakt schließen, ohne sich der direkten Mittäterschaft schuldig zu machen. Allerdings nur formal, denn Moskau wußte, daß der Überfall auf Polen bevorstand. Am 28. September war alles anders. Deutschland war nun ein Aggressor, und die UdSSR schloß mit ihm einen Freundschaftsvertrag! In einer (beschämenden) Sondermeldung von TASS am 29. Oktober behauptete Stalin sogar, seiner Meinung nach habe nicht Deutschland den Krieg begonnen, sondern Frankreich und England! Er wollte mit dem Aggressor Freund sein, und das aus klarem Eigeninteresse.

Das Geheimprotokoll lautet:

                                         "Geheimes Zusatzprotokoll
Die unterzeichneten Bevollmächtigten stellen das Einverständnis der Deutschen Reichsregierung und der Regierung der UdSSR über folgendes fest: Das am 23. August 1939 unterzeichnete geheime Zusatzprotokoll wird in seiner Ziffer 1 dahin abgeändert, daß das Gebiet des litauischen Staates in die Interessensphäre der UdSSR fällt, weil andererseits die Woiwodschaft Lublin und Teile der Woiwodschaft Warschau in die Interessensphäre Deutschlands fallen (vgl. die Karte zu dem unterzeichneten Grenz- und Freundschaftsvertrag). Sobald die Regierung der UdSSR auf litauischem Gebiet zur Wahrnehmung ihrer Interessen besondere Maßnahmen trifft, wird zum Zwecke einer natürlichen und einfachen Grenzziehung die gegenwärtige deutsch-litauische Grenze dahin rektifiziert, daß das litauische Gebiet, das südwestlich der in der anliegenden Karte eingezeichneten Linie liegt, an Deutschland fällt.     
Ferner wird festgestellt, daß die in Geltung befindlichen wirtschaftlichen Abmachungen zwischen Deutschland und Litauen durch die vorstehend erwähnten Maßnahmen der Sowjetunion nicht beeinträchtigt werden sollen."(11)

Schließlich wurde noch ein weiteres Geheimprotokoll unterzeichnet:

                                    "Geheimes Zusatzprotokoll
Die unterzeichneten Bevollmächtigten haben bei Abschluß des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages ihr Einverständnis über folgendes festgestellt:

Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teiles hinüberwirkt. Sie werden alle Ansätze zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unterbinden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten.
Moskau, den 28. September 1939"(12)

Am Abend des 28. September fand ein üppiges Bankett statt. Für die Gäste legte man eine Pause ein, während der sich Ribbentrop mit seiner Delegation ins Bolschoi Theater begab, um sich dort einen Akt von "Schwanensee" anzusehen. (Was hat man diesem Ballett schon alles zugemutet!) Gegen Morgen waren alle Dokumente fertig.
Beim Bankett war kein Mangel an Getränken und Trinksprüchen. Beide Seiten äußerten ihre Befriedigung über den neuen Vertrag. Er erwies sich jedoch als verhängnisvoller Schritt. Hitler erhielt faktisch ganz Polen, das er unter der Bezeichnung Generalgouvernement in ein riesiges Konzentrationslager verwandelte. Dazu gehörten nicht nur die westpolnischen Wojewodschaften, sondern auch die östlichen Landesteile. Tausende polnischer Juden waren schon vor dieser "Regelung" nach Osten, in Richtung Bug und San, geströmt, um dem sicheren Tod zu entfliehen.
Stalin konnte anscheinend triumphieren. Aber für die gewonnene Atempause hatte er später einen schrecklichen Preis zu zahlen. Nach dem 22. Juni 1941 stürmten die Divisionen der Wehrmacht durch Westweißrußland, die Westukraine und das Baltikum, wo die Rote Armee noch keine befestigten Verteidigungsstellungen hatte aufbauen können. Noch schlimmer waren die politischen Folgen des Spiels mit Hitler, in das sich Stalin am Vorabend des nicht mehr abwendbaren Krieges eingelassen hatte. Er verlor dabei Zeit. Die aber kann niemand zurückholen. Auch Stalin konnte es nicht.

Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlages

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