Vorgeblättert

Leseprobe zu William T. Vollmann: Europe Central. Teil 2

11.04.2013.
5

Die Tscheka schickte der Krupskaja einen Wagen, ohne ihr etwas zu sagen. Sie war starr vor Angst; am selben Tag war bereits der führende Tschekist Uritski einem Anschlag zum Opfer gefallen. In solchen Momenten, wenn wir plötzlich den Menschen zu verlieren drohen, den wir lieben, beginnt die Geschichte unserer Ehe zu leuchten, und auf dem Papier erzittern die Buchstaben wie einst unsere Seelen, als uns die Unausweichlichkeit des ersten Kusses dämmerte. Später, wenn er überlebt, klingen diese Worte trocken und schal. Aber jetzt bebt der geliebte Name in jedem unserer Glieder, und wir fühlen uns schwach und krank. Die Krupskaja litt schon an jener Herzkrankheit, die sie durch die restlichen Kapitel ihres Lebens begleiten sollte. Sie fühlte sich halb erstickt. Sie sah doppelt; die Straßen Moskaus glänzten vor Tränen. Als sie in den magischen Kreis der Lettischen Gewehrschützen eindrang und auf ihren offenbar im Sterben liegenden Gatten stieß, fasste sie sich und nahm still seine Hand. (Jahre später würde sie seiner Beisetzung trockenen Auges beiwohnen.) Er lag auf der rechten Seite. Sie sagten, er habe die Augen geöffnet, als das Auto vorgefahren sei; er habe die Stufen selbst hinaufsteigen wollen. In der Geheimtasche in ihrem Kleid umklammerten ihre Finger den Kupferring, den er ihr in Schuschenskoje gegeben hatte.
     Die Ärzte hatten bereits seinen Anzug aufgeschnitten. Lenins Augen wollten sich nicht öffnen. Er atmete mit dem verzweifelten, flachen Keuchen eines Liebhabers kurz vor dem Orgasmus; und als wollte er diesen Eindruck noch verstärken, war auf seiner papierweißen Brust ein Kräusel Blut in der Form des Buchstabens Lamed getrocknet, dessen schlangenartige Gestalt kabbalistisch mit dem Geschlechtsverkehr assoziiert wird.
     In der Morgendämmerung atmete er tiefer, und dann blickte er sie an. Die Krupskaja flüsterte: Wir haben niemanden außer dir. Bleib bei uns; rette uns . . .
     Um sie zu trösten, sagte eine der Schwestern (die selbst weinte): Er braucht Sie, Nadeschda Konstantinowna.
     Dann begannen sie alle, ihn zu heilen und ihm Injektionen zu setzen, aus einer plumpen gläsernen Spritze, deren Gestalt an den Buchstaben Koph erinnerte, Sinnbild des inneren Auges.
     Kaum war er wieder bei sich, wurde er ungeduldig. Er hatte viel zu tun, um seine Revolution abzusichern. Die Krupskaja hatte ihn kaum für sich allein. Zuerst waren da die Ärzte, dann Trotzki, Stalin und der Rest, die ihm zum Überleben gratulieren wollten. Halb im Scherz blickte er die Krupskaja an und rollte mit den Augen. Sie wusste, dass er sich danach sehnte, Zeit für sich zum Arbeiten zu haben, um neue Gebote zu entwerfen und Zeugnis abzulegen. Wie konnte sie ihm helfen? Wie konnte sie ihn davon abhalten, vor lauter Arbeit einen Rückfall zu riskieren? Schüchtern räusperte sie sich und sagte: Denk dir diese Erholungszeit einfach als noch eine Gefängnisstrafe, Wolodja. Du weißt, damit kannst du umgehen! - Er lachte entzückt.
     Am 14. September brachte sie ihn auf ein beschlagnahmtes Anwesen in dem schönen Dorf Gorki. Hinter diesen Mauern erholte er sich im Geheimen. Die Krupskaja war an seiner Seite, so oft er es ihr erlaubte. Wenn er schlief, saß sie in ihrem Zimmer und flüsterte mit einer solchen Inbrunst seinen Namen vor sich her, dass die Schwesternmeinten: Es ist fast, als glaubte sie, er scheide dahin, wenn sie auch nur für einen Augenblick die Augen schließt! - Sie wollten sie überreden, sich auszuruhen, aber da brach sie in Tränen aus.
     Nach einer weiteren Woche nahm man Wolodja die Verbände ab. Bevor es Oktober wurde, konnte er schon wieder ohne ihre Hilfe gehen, obwohl er viel Blut verloren hatte und seine Augen dunkel gerändert waren. Kurz bevor der Monat zu Ende war, brachte sie ihn heim in den Kreml, sie schlief bei offener Tür, für den Fall, dass er nach ihr rief. Er tigerte schon wieder die ganze Nacht über auf Zehenspitzen in seinem Büro auf und ab und murmelte vor sich hin, auf der Suche nach klaren politischen Richtlinien; die wohlvertrauten Geräusche beruhigten sie. Anfang November war er fast völlig wiederhergestellt. Die Bolschewiken feierten es, indem sie überall sein Götzenbild aufhängten.


6

Fanny Kaplan wurde am selben Tag hingerichtet, an dem der Kommissar des Inneren seinen berüchtigten "Befehl, Geiseln betreffend" erließ, dem zufolge alle Rechten Sozialrevolutionäre sofort zu verhaften und nach Bedarf für Massenhinrichtungen bereitzuhalten waren. Allein in Perm wurden zur Vergeltung für Lenin und Uritski sechsunddreißig Häftlinge erschossen. So zahlte man den Terroristen alles bis zur letzten Münze heim. Keine vierundzwanzig Stunden später war der Rote Terror geboren. Die Geburtsanzeige zischte durch die Telegrafendrähte wie der Buchstabe Sin, dessen drei vertikale Arme in mohnblütenartigen Flammen enden. Währenddessen verlangte die Presse immer mehr und noch mehr Blut. Um mit dem Genossen N.W. Krylenko zu sprechen, der immer das rechte Wort zur Zeit fand (und für den das Schicksal den Tod durch Erschießen bestimmt hatte): Wir dürfen nicht nur die Schuldigen hinrichten. Die Hinrichtung der Unschuldigen wird die Massen noch weit mehr beeindrucken.
     Aber anders als die Attentäterin, deren Schweiß nach Zorn und Angst gestunken hatte, ließ sich die Krupskaja nicht davon überzeugen, dass eine Mitrevolutionärin hingerichtet werden sollte.
     Das wird das Zentralkomitee entscheiden müssen, sagte ihr Gatte. Er wusste, dass Fanny Kaplans Leiche bereits verbrannt und die Asche in einem anonymen Grab beigesetzt worden war.
     Ich bin wirklich keine Versöhnlerin, Wolodja. Meine Einstellung hat sich in den dreißig Jahren nicht geändert.
     Ich denke darüber nach.
     Es tut mir leid, dass ich dich damit behellige. Ich habe mir ihren Fall nur zu Herzen genommen, weil . . .
     Langsam hob er den kahlen Schädel von der aufgeschlagenen Prawda (von ihr aus gesehen lag sie verkehrt herum), die er gewohnheitsmäßig mit beiden Händen hielt, und blickte sie über die neutrale Zone seines Schreibtischs hinweg an, geschützt vor ihr von seinen beiden Tintenfässern, deren Messingdeckel glänzten wie die Kuppeln orthodoxer Kirchen, von seiner Lampe und seinem Telefon, seiner langen schmalen Schere, deren Spitze auf sie wies, und sein Blick war sehr traurig, als er sagte: Wo ist Makarows Wörterbuch? Ich glaube, ich möchte darin lesen. Die alphabetische Anordnung von Wörtern erzeugt ein so erfrischendes Chaos. Ach - sieh nur. Da finden wir in einer Reihe schläfrig, ungetrocknet, Schuleschwänzen, Undeutlichkeit, Wonne und dann misstönend. Ganz verschiedene Konzepte! Und alles, weil die Worte mit den Buchstaben HE beginnen. Auf Englisch oder Hebräisch wäre die Anordnung eine völlig andere, denke ich. Und was, wenn es eine vollkommene Ordnung gäbe, an die bisher noch niemand gedacht hat? Aber meine Gedanken zur Linguistik sind ohne Belang . . .
     Versprich mir, dass du das nicht zulassen wirst, bat die Krupskaja, die durch ihre Schilddrüsenerkrankung bereits die vorstehenden Augen hatte, die ihr den Spitznamen "Der Fisch" einbringen sollten. (Merkwürdigerweise war in ihrer Jugend einer ihrer Decknamen als Revolutionärin "Das Neunauge" gewesen.)
     Lenin zwinkerte und sagte: Nadja, du weißt sehr gut, welchen Gefahren unsere Revolution gerade ausgesetzt ist.
     Ich habe dich nie um etwas gebeten. Ich habe dich geheiratet; ich habe dir die Kleider geflickt; ich habe dir deine Geliebte gelassen und sogar mit ihr zusammengearbeitet. Rette diese Frau,Wolodja, ich bitte dich!
     Lenin sagte ihr: Nadja, du musst deine Gefühle zügeln.
     Schwer atmend und zitternd setzte sie sich. Sie war zu dick und nicht gesund; nicht lange darauf sollte sie ihren ersten Herzinfarkt erleiden.
     Nicht, dass Lenin ihr nicht zugetan gewesen wäre. Mit eigenen Händen hatte er seiner Frau Milch gebracht, als sie im Sanatorium lag. (Bei einem dieser Einsätze hatten Banditen ihm den Mantel geraubt. Bei einem anderen hatten sie eines seiner Autos enteignet.) Ganz nach ihren Fähigkeiten hatte er ihr politische Macht gegeben. Er hatte ihr im Kreml einen kleinen, verzierten Schreibtisch am Fenster geben lassen, ein Sofa, umgeben von Bücherschränken, eine Privatbibliothek von zwanzigtausend Bänden: Das war ihr Luxus. Nun hatte sie zum ersten und letzten Mal eine Bitte an ihn. Also ließ Lenin den Genossen J.W. Stalin zu sich rufen, der in solchen Angelegenheiten so nützlich war. Stalin lächelte verärgert und sagte: Schon erledigt.
     Bloß weil sie Lenin fickt, heißt das nicht, dass ich für sie Männchen machen muss, sagte er zu seinem Stellvertreter Molotow, der sofort zustimmte: Sie versteht nichts von Politik. Gar nichts.
     Eine Woche darauf erklärte Lenin seiner Gattin: Alles ist gut. Ich habe Erkundigungen eingezogen. Morgen kannst du mit ihr sprechen. Aber das muss alles streng geheim bleiben. Im Augenblick ist die ganze Welt gegen uns.
     Die Krupskaja fiel auf die Knie und küsste ihm die Hand.


7

Sie machte sich allein auf den Weg ins Gefängnis, wie es typisch für sie war, in ihrem fleckigen und schmutzigen Bauernkleid, das Haar zu einem Dutt gebunden. Es schneite und die Straßen waren gefährlich glatt. In jenen Tagen war es üblich, dass einem Dutzende furchteinflößender, halbgebildeter Gestalten nacheinander den Ausweis prüften, und keine konnte einem Absolution von der Angst erteilen, jede aber besaß die Erlaubnis zu schießen. Irrtümliche Unbarmherzigkeit wurde unter dem Roten Terror vergeben; irrtümliche Barmherzigkeit eher nicht. Kraft ihrer besonderen Verbindung zu Lenin besaß die Krupskaja die Selbstsicherheit einer Erwählten, aber selbst sie hatte mit Unannehmlichkeiten zu rechnen, besonders da sie eine verurteilte Volksfeindin aufsuchen wollte. Und doch, so seltsam das klingen mag, öffnete der Wachsoldat ihr, die Mütze tief über die Augen gezogen, ohne Murren das quietschende Tor, und als sie die Treppen hinabschritt, stieß sie in einem Labyrinth aus Ziegelmauern auf einen zweiten Wachsoldaten, der sie erwartete, auch wenn sie nie mehr von ihm sah als seinen Rücken. Schweigend führte er sie eine weitere Treppe hinab, und von seinen Stiefeln ging Dunkelheit aus. Hinter den Mauern erklangen rhythmische Schreie, manchmal gedämpft von der Erde dieser tief eingesunkenen Grabesbrunnen, manchmal verstärkt von den Lüftungsrohren, gerade so wie in den Überlieferungen aus antiker Zeit, wenn aus der Kehle eines hohlen Bronzestiers die Schreie der sizilianischen Opfer ertönten, die in seinem Leib langsam geröstet wurden. Wie wir wissen, war die Krupskaja ein Seelchen (und unter all ihren Büchern war ihr insgeheim Louisa May Alcotts Junge Menschen das liebste), und diese Geräusche entsetzten sie. Aber von Kindheit an war ihre schwere, traurige Beharrlichkeit, die sich als Optimismus tarnte, unerschütterlich gewesen. Sie trottete weiter, der Wache nach, die schließlich stehenblieb undmit drei Schlüsseln eine uralte Eisentür aufschloss. Er trat beiseite, das Gesicht im Schatten, und kaum war sie eingetreten, schloss er die Tür hinter ihr.


8

Was diese Zelle angeht, hätte der Krupskaja auffallen können, dass in die Mauern hebräische Schriftzeichen eingeritzt waren und im flackernden Lampenschein beinahe flatterten. Natürlich war sie schon so lange über ihre religiöse Phase hinweg, dass sie für das Unheimliche keinen Blick mehr besaß. Und doch kann jeder in ihren Memoiren nachlesen, wie ihr vor Freude buchstäblich das Herz schlug, als sie zum ersten Mal das Kapital las, weil Marx dort mit wissenschaftlicher Unfehlbarkeit bewiesen habe, dass der Kapitalismus zum Untergang verdammt sei. Nun, was könnte für eine fromme Bolschewikin das Unheimliche ausmachen? Die Gegenwart einer Sozialrevolutionärin? Aber wozu dem nachspüren, was nicht von dieser Welt war? Beweggründe ruhen in Beweggründen verborgen wie der numerologische Wert der Buchstaben in den Worten hebräischer Parabeln. Wenn, wie die Kabbala behauptet, die geheimste Bedeutung zugleich die kostbarste ist, dann müssen wir hinab ins hermeneutische Dunkel. Die Krupskaja musste sich beweisen, dass sie so außergewöhnlich war, persönlichen Rachegelüsten so fern, dass sie sogar derjenigen vergeben konnte, die ihren göttergleichen Gatten hatte umbringen wollen. Doch Vergebung lässt noch immer Verachtung zu. In den Windungen dieser Vernunft verbarg sich ein zweites Begehren, das sie kaum zu lesen wagte, eine Lust auf Bestärkung, was ihre Revolution anging. Aber all das erklärte noch nicht die Heftigkeit, mit der die Krupskaja sich zu Fanny Kaplan hingezogen fühlte.
     In ihren Mädchenjahren hatte es eine achtzehnjährige Lehrerin namens Timofeika gegeben, die den Bauern den Sozialismus predigte. Die Krupskaja himmelte sie an und verschaffte ihrer Schwärmerei durch Nachahmung Ausdruck. Ihr Verlangen, sich selbst aufzugeben und die Timofeika zu werden, hing zwischen ihnen wie ein leuchtender Buchstabe Tzade, y-förmig wie die Vulva der Frau, aber in einen Angelhaken auslaufend; er steht für Anhänglichkeit, Penetration und Parasitentum. (Verstehen Sie mich nicht falsch; sie haben einander nie auch nur berührt. Die Schlüsselworte ihrer Geschichte sind keine der Wollust, sondern haben, wie üblich, mit Ehre zu tun, mit Anbetung, Brandopfer.) Jedenfalls, Timofeika wurde bald verhaftet; die Krupskaja sah sie nie wieder. Sehr wahrscheinlich wurde sie Sozialrevolutionärin wie Fanny Kaplan. Die Krupskaja hätte also sowieso mit ihr brechen müssen, um Wolodja nicht zu kompromittieren, der ihr in Sibirien verboten hatte, Ostereier zu bemalen, weil dies ein Rückfall in den religiösen Aberglauben sei.) Vielleicht verbarg sich in ihrer Neugier auf Fanny Kaplan ein Hauch Sehnsucht nach Timofeikas Reinheit. Und zugleich war ihr Verlangen, wie mehr und mehr bei allem, was sie liebte, von Abscheu und Zorn getrübt.
     Und so saß die Krupskaja da, die Hand auf dem Tisch, gekleidet in die weiße Bluse und das schmuddelige gestreifte Wams, das sie so oft anlegte, blickte die Gefangene düster an und blinzelte mit ihrenmüden, vorstehenden Augen. Ihr Gesicht war gebräunt, fast bis ins Schmutzigbraun, dank all ihrer Propagandaarbeit an der frischen Luft. Ihr strähniges Haar und die beiden senkrechten Falten zwischen ihren Augen verliehen ihr eine Anmutung von Dringlichkeit, fast von Wahnsinn.

zu Teil 3