Vorgeblättert

Leseprobe zu Vladimir Zarev: Familienbrand. Teil 1

02.03.2009.
S. 445 ff
ZWEITES BUCH

Erstes Kapitel
1

Der Hunger schärfte seine Sinne, was wichtig war, damit ihm kein Fehler unterlief. In seinem Magen hatte dieser Hunger die Farbe von Senf angenommen, und er biss auch genau so scharf. Wenn er dann einfach weiterlief, bäumte sich etwas in ihm auf; etwas in seinen Organen wilderte aus, drehte den Spieß um und biss sich nun seinerseits aus der Wirklichkeit heraus, was es brauchte, was er, Assen Weltschev, an Wahrnehmungen brauchte. Trotzdem hatte er es sich gestattet, sich inmitten der dichten und dreckigen Menschenmenge im Wartesaal des Bahnhofs niederzulassen. Neben ihm auf der Bank saßen eine zahnlose alte Frau, die ein Kind im Arm hielt, und ein Lastenträger, der nach menschlichen Ausscheidungen
stank und über dessen Lippen eine todmüde Fliege kroch. Eine halbe
Stunde ruhte er so aus, eingewühlt in ein Kissen aus menschlichen Ausdünstungen, stinkenden Fußlappen und Zwiebel - dem Mundgeruch der Armut. Geborgen war er in der Gleichgültigkeit Dutzender Augenpaare in diesem großen Raum, in dem Pappkoffer, Kleiderbündel und Frauen standen, die mehrere Unterröcke übereinander trugen. Aus dem ungemütlichen Novemberabend draußen drang der markante Harzduft von Eisenbahnschwellen herein.

Als die Bahnhofsglocke sechsmal schlug und das Gedränge auf dem
Bahnsteig unerträglich wurde, spürte er, dass er eingenickt gewesen sein musste. Instinktiv griff er sich ans Herz. Dort, in der Jackett-Innentasche, befand sich die gut geölte Kühle eines metallenen Gegenstandes. "Ich muss einfach weiterleben", sagte er vor sich hin, als gäbe es jemanden, der dies in Frage stellte. Immer, wenn er dorthin ging, verließ er die Räume seines Arbeitgebers, des Bestattungsunternehmers "Alexiev & Sohn" früher als sonst, durchquerte die ganze Stadt Kilometer um Kilometer. Die Geräuschkulisse der bulgarischen Hauptstadt bot ihm einen gewissen Schutz, doch es gab auch gefährliche Inseln der Stille. Er musste um punkt sechs Uhr dreißig dort sein, und er musste sauber sein. Das war nicht einfach, denn die Schergen des Zaren standen überall. Er hatte gelernt, sie zu identifizieren, diese gesichtslosen Männer, die abgewetzte Melonen und billige Mäntel trugen, aber immer gut genährt und darauf trainiert waren, mit den zielsicheren Schritten von Jagdhunden, die Fährte aufgenommen haben, lange Strecken zurückzulegen, ohne zu ermüden. Er kannte alle Passagen auf der Graf-Ignatiev-Straße im Zentrum, alle Ein- und Ausgänge des Modernen Theaters, der Schänke "Zum roten Krebs", die Ecken und Winkel des malerischen "Frauenmarktes", der sich unweit von Synagoge und Moschee durchs Arme-Leute-Viertel der Juden, Türken und Armenier hinzog, und auch die weiß gestrichenen Räume des Dampfbades, wo die Männer mit ihren Kleidern auch ihr Misstrauen abgelegt hatten und - einmal eingeseift - auch schwer voneinander zu unterscheiden waren. Die lauernden Augen erkannte er an ihrer gespielten Unbekümmertheit, ihrem kameradschaftlichen Getue und ihrer Unscheinbarkeit. Vor allem hier, wo es noch schwieriger war, sie zu erkennen, half ihm der beißende Hunger, auf der Hut zu sein; denn er wusste, wenn sie ihn schnappten, gab es danach nichts zu essen. Kurz, er hatte erkannt, dass er, weil er seine Umgebung nicht vereinfachen konnte, selbst so einfach und leicht sein musste, wie es nur ging: nichts als eine hungrige Wachheit der Sinne.

Die Kuppelsequenz der Alexander-Newski-Kathedrale erinnerte ihn an eine grüne Haufenwolke, die sich über den gepflasterten Platz gelegt hatte. Das Zarenschloss war von der Moskowska-Straße aus durch den dichten Schatten des Schlossparks nur zu erahnen. Etwas weiter, auf der Lege- und der Tarnowo-Straße, reihten sich die teuren Geschäfte mit den edlen Stoffen für die besonderen Anlässe besonderer Leute. Als er sich über die tief im Boden verschwindende kleine Kirche der heiligen Petka den Markthallen näherte, hörte er schon das herzzerreißende Spiel eines Akkordeonisten, und bald sah er auch die vielen Bettler davor, die Prostituierten, die sich die Strapsbänder zurechtzupften, und die Zeitungsverkäufer, die sich mit wohltrainierten Stimmbändern gegenseitig überschrien. Fliegende Händler mit Bauchläden verkauften Gummibänder, Knöpfe, Sicherheitsnadeln, französische Ansichtskarten mit nackten Frauen und Creme gegen unerwünschte Hautbewohner wie Flöhe, Läuse und Zecken. Wieder ein paar hundert Meter weiter, auf dem Frauenmarkt, reihten sich die Stände mit Obst und Gemüse, alten Schuhen und gebrauchten Kleidern, mit Pferdegeschirren, geschärften Äxten, Wandteppichen mit Fasanen oder Hirten, Töpferwaren, handgearbeiteten Hirtenflöten, Spitzen zum Ansetzen für Decken und Vorhänge, phosphoreszierenden Statuetten nackter Göttinnen, gebackenen Sonnenblumenkernen und gerösteten Kichererbsen, Körnerfutter für den Kanarienvogel, zerkratztem Leder minderer Qualität zum Selbermachen von Schnürschuhen. Gebackene Meeräsche verbreitete den Duft nach einer Kindheit voller Hunger; gefüllte Därme röteten sich über Kohlegrills. Es gab weiße Mäuse und Papageien, die Papierlose ziehen konnten, kurz, das bunte Angebot und das noch buntere Treiben konnten in einem oberflächlichen Betrachter den Eindruck erwecken, als ob es den Menschen an nichts fehlte.

Assen aber durchquerte diese Fülle mit der einzigen Hoffnung, sie im
entscheidenden Moment auf die entscheidende Beobachtung reduzieren zu können und ihn zu bemerken, den menschlichen Hetzhund mit den triefenden Lefzen, der seinerseits alles tat, um sich so unbemerkt an seine Fersen zu heften, als wäre er sein Schatten. Er musste ohne Verfolger jenen Kontaktmann erreichen, der ihn an der Frage: "Wissen Sie, wo ich Richter Ankov finden kann?" erkennen würde.

Bai Michal, der Anführer ihrer Gruppe, hatte ihm erzählt, wie sie erst vor einem Monat einen seiner Jungs am Schlafittchen gekriegt hatten, weil der, statt zu laufen, zu laufen und nochmal zu laufen, sich geschlagene fünfzehn Minuten dem ergötzlichen Anblick eines Dienstmädchens hingegeben hatte, die die sündteure Unterwäsche ihrer Arbeitgeberin zum Trocknen auf die Leine hängte. Dabei hatte das mit Männerfantasien, mit Fetischismus oder heimlichem Begehren gar nichts zu tun. Nein, der gute Junge war einfach, den Kopf an eine Pappel gelehnt, über den Anblick dieser erlesenen Wäsche in Verzückung geraten, weil er so etwas sein Lebtag noch nicht gesehen hatte. Jedes einzelne Stück davon kostete mehr als sein Anzug und vielleicht auch mehr als die Beerdigung seiner Mutter, die früh an Tuberkulose gestorben war. Als er sich schließlich, wie vor den Kopf geschlagen von etwas, das wohl nie Teil seines Lebens sein würde, von der Pappel gelöst hatte und betäubt weitergegangen war, voller Schmerz und wütender Enttäuschung, genau da hatten sie ihn geschnappt.

Assen hatte seine Vorwarnung bekommen, in der blitzartigen Erleuchtung eines Momentes, auf den er ganz und gar nicht vorbereitet gewesen war. Es war ein Nachmittag voll verzehrender Schönheit gewesen. Er hatte gerade seine vorletzte Prüfung in römischem Recht bei Professor Jowtschev abgelegt, einem alten Herrn mit dem Profil eines antiken Redners und einem zermürbenden Heuschnupfen. Dieser hatte seinem Vorzugsschüler zum Zeichen seiner unverhüllten Wertschätzung seinen Füllfederhalter geschenkt. Assen war gerührt. Sie verließen das Universitätsgebäude zusammen mit Pescho, einem Mitstudenten, von dem alle wussten, dass er bei der Sozialistischen Jugend aktiv war. Von Assen hingegen wusste niemand etwas. Pescho, dessen rote Schirmmütze aussah wie ein Hahnenkamm, hatte ihn umarmt und pathetisch gesagt: "Du bist ein seltsamer Mensch. Wie kannst du nur so unbeteiligt bei allem danebenstehen?" Pescho, eigentlich Peter, roch nach Schafwolle und Quittenkonfitüre. Vor ihnen hielt ein Herr fingerschnippend einen Fiaker an, der über den Maria-Luisa-Boulevard fuhr. Assen drehte in seiner Jackentasche den wertvollen Füller seines Professors. Er musste ihn wohl verkaufen, damit er sich das dringend benötigte neue Hemd leisten konnte.

Sie waren vor den Markthallen stehen gelieben. Er wollte gerade voller studentischer Unbedarftheit den Mund öffnen, um zurückzufragen: "Bist du dir sicher, dass ich unbeteiligt danebenstehe?" - da roch er zuerst die Friedhofsblumen, und dann sah er den Beerdigungsumzug. Der aufgebahrte, offene Sarg war übersät von goldenen Lilien und silbernen Kränzen; das Gesicht des Toten schien wie von Wachs übergossen. Eine teuer angezogene Dame weinte so heftig, als krümme sie sich vor Lachen. Das Ganze war weder laut noch leise, es war einfach nur täuschend lebendig. Sein Blick wanderte von der Platte mit dem Weizen und den kleinen Süßigkeiten zu den schwarzen Fräcken der Trauergäste. Vor dem Modernen Theater herrschte ein regelrechter Volksauflauf; die Leute wollten den Film "Die lustigen Jungs" sehen. Ein blinder Bauchladenverkäufer bekam nicht mit, was los war, und schrie mit heiserer Stimme direkt in Richtung des Beerdigungsumzuges: "Prima Gummizüge für die Unterhose ? Strapsbänder, Knöpfe ? lose Zigaretten ?" Die mit schwarzem Krepp bedeckten Pferde, eingeschirrt, um die letzte Wahrheit des Menschen in Bewegung zu setzen, sahen aus wie mythische Ungeheuer. In diesem Moment kam Assen zu sich. Er wandte sich zu seinem Kommilitonen um und sagte ihm ohne jedes Bedauern ins Gesicht: "Geh zum Teufel, Pescho. Ich will mit Politik nichts am Hut haben!"

Die Vorlesungen Professor Jowtschevs hatte er aufgrund seiner knappen Zeit nur selten besucht. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war er neben seiner Halbtagstätigkeit im Bestattungsunternehmen "Ein gutes Ende dank Alexiev & Sohn" gezwungen, verwöhnten Kindern von begrenzter Auffassungsgabe Nachhilfestunden in Französisch zu geben. Er musste Kohlen schaufeln, die vor einem der Bürgerhäuser in der Ljuben-Karawelov-Straße abgeladen worden waren, oder Rassehunde spazieren führen, die ihn beim Anblick der ersten passablen Hündin hinter sich herschleiften.

Die Wölbung der Kuppel über Hörsaal 25 ließ ihn sich fühlen wie in der Kirche. Hohe, reichverzierte Balkone schufen die Atmosphäre eines mittelalterlichen Chors. Während er mit der Geduld eines antiken Philosophen, der sich des Unterschiedes zwischen dem Leben der Menschen und dem Leben der Sprache bewusst war, seine Worte hervorstieß, kämpfte Professor Jowtschev mit seinem Heuschnupfen. Assen fühlte sich in dieser in diffuses Licht getauchten Märchenwelt zugleich erniedrigt und erhoben, denn Jowtschev kannte das Leben der Sprache in Vollendung, konnte vom Selbstmord des Cicero fesselnd erzählen; aber dachte er überhaupt je einmal an das Leben der Menschen, die in dieser Stadt, diesem Land ihr Dasein fristeten? Das leichte Tremolo in der Stimme des Professors war die verlockende Aufforderung, nur an sich selbst und sein Fortkommen in der Welt des Geistes zu denken, während Bai Michal ihm und den anderen immer wieder einbleute, dass sie selbst unwichtig waren, dass sie alles nur wegen der anderen taten. Assen hatte er halb scherzhaft, halb im Ernst aufgezogen: "Du bist ein Intellektueller, aber vergiss nicht: Erkenntnis führt immer in den Zwiespalt!" Professor Jowtschev hingegen wiederholte mit der Energie eines Propheten: "Vergesst niemals: Ihr seid Juristen! Wenn euer eines Auge das Auge Gottes ist, dann ist das andere mit Sicherheit des Teufels!"

Teil 2