Flucht aus der Sowjetunion nach dem deutschen Angriff
Margot Kupfer, eine in Berlin geborene Jüdin mit polnischem Pass, hatte nach dem Novemberpogrom gehofft, mit einem Kindertransport nach Großbritannien ausreisen zu können. Doch als 17-Jährige galt sie bereits als zu alt. Ihre Mutter, die sich als deutsche Staatsangehörige selbst sicher glaubte, bestärkte sie in dem Entschluss, mit einer zionistischen Jugendgruppe im Frühsommer 1939 ins polnische Kattowitz zu emigrieren. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen floh Margot Kupfer weiter zu Verwandten nach Tarnopol und von dort nach einigen Wochen nach Lemberg. Dort lernte sie ihren ersten Mann kennen, einen Juden aus Warschau namens Josef Müller. Das Paar heiratete nach wenigen Tagen, da beide erwarteten, von den sowjetischen Behörden, die nunmehr in Lemberg das Sagen hatten, in Kürze deportiert zu werden. Margot Kupfer hatte sich bei den Behörden gemeldet, um nach Berlin zurückzukehren. Stattdessen wurde sie mit ihrem Mann Richtung Osten deportiert, ohne zu wissen wohin und was sie dort erwartete. Schließlich landeten sie in Jakutien in einem winzigen Ort, 7000 Kilometer östlich von Moskau. Dort mussten die Deportierten – es handelte sich je etwa zur Hälfte um Männer und Frauen, auch einige Kinder waren dabei – eine Hütte beziehen, deren Bewohner vor ihren Augen zum Auszug gezwungen worden waren. Bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad legten sie jeden Morgen 16 Kilometer zu Fuß zur Arbeit zurück: Bäume fällen und Hütten bauen, die Frauen mussten auch Moos sammeln, mit dem die Dächer gedeckt wurden. Bezahlt wurde man nach Arbeitsleistung und in Naturalien, die jedoch nie ausreichten, um satt zu werden. Wie auf vielen Kolchosen, so galt auch hier: Wenn es keine Arbeit gab, bekam man auch nichts zu essen. An Flucht habe sie nie gedacht, berichtete Kupfer später. „Wir haben nur immer gedacht: Wie kommen wir mal raus? Ob wir überhaupt mal rauskommen oder ob wir unser ganzes Leben so verbringen müssen.“ Abgesehen von den geringen Erfolgschancen eines Fluchtversuchs, riskierte, wer gefasst wurde, erschossen zu werden.
Nach Schätzungen der polnischen Exilregierung in London befanden sich 1941 etwa 1,8 Millionen polnische Staatsangehörige in der Sowjetunion, darunter bis zu 385.000 Jüdinnen und Juden, die entweder geflohen, deportiert oder evakuiert worden waren. Nachdem die Sowjetunion im Sommer 1941, vom verbündeten Nazi-Deutschland angegriffen, ins Lager der Alliierten gewechselt hatte, war für die in die Sowjetunion deportierten Flüchtlinge aus Polen, ob jüdisch oder nicht-jüdisch, die polnische Exilregierung zuständig. Sie erreichte, dass die Deportierten am 12. August 1941 „amnestiert“ wurden und Zwangsarbeitsstätten und Straflager verlassen konnten. Manche erfuhren von der „Amnestie“ allerdings erst mit mehrmonatiger Verzögerung. Die Zahl der aus den Straflagern und „Sondersiedlungen“ entlassenen polnischen Jüdinnen und Juden ging in die Hunderttausende. In der Regel waren sie ohne gültige Papiere auf sich selbst gestellt.
So auch Margot Kupfer und ihr Mann. Wie die allermeisten „Amnestierten“ wollten sie nur noch weg aus der Kälte, möglichst erst einmal in den Süden. Taschkent, die „Stadt des Brotes“ genannt, verband sich für viele mit der Hoffnung auf Wärme und ausreichend Essen. Dass in den von der Wehrmacht eroberten Teilen der Sowjetunion bereits massenhaft Juden ermordet wurden, wussten sie nicht. Den Kontakt zu ihren Angehörigen hatten sie längst verloren. Geld für eine Bahnfahrt hatten sie nicht und auch keine Gegenstände mehr, die sie hätten verkaufen können. Den ersten Teil der mehrere tausend Kilometer weiten Reise mussten sie daher auf dem Dach eines Zuges zurücklegen.
Außer den „amnestierten“ polnischen Staatsangehörigen drängten seit dem Sommer 1941 auch Millionen Sowjetbürger, die die Behörden aus den frontnahen Gebieten evakuierten, in die zentralasiatischen Republiken. Oftmals wurden ganze Betriebe mitsamt der Belegschaft Richtung Osten verlegt. Auf diese riesige Migrationsbewegung war niemand vorbereitet. Die Züge waren gedrängt voll. Die sowjetischen Behörden lehnten die Zuständigkeit für Polinnen und Polen ab. Der polnische Botschafter in Moskau wandte sich mit einem Hilferuf an das Außenministerium der Exilregierung: „Vor allem sind es Hunger und Krankheit, die sie [die ‚amnestierten‘ polnischen Staatsangehörigen, die Richtung Süden unterwegs waren, S.H.] zugrunde richten, eine Art vom Hunger verursachte Ruhr. Auf vielen Transporten gibt es Tote, und jeder Zug führt Sterbenskranke mit sich, die nicht selten an den Eisenbahnknotenpunkten ihr Leben beschließen. In einem der Transporte aus dem Norden fuhren 16 Leichen mit.“
Nachdem sie im völlig überlaufenen Taschkent nicht hatten unterkommen können, fuhren Margot Kupfer und ihr Mann weiter nach Samarkand, wo sie gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus Jakutien eine Baracke mieten konnten. Die lang ersehnte Wärme in Samarkand hatte jedoch den Nachteil, dass sich die Krankheiten schnell ausbreiteten. Margot Kupfer litt schon bald an Ruhr. Viele ihrer Freunde und Weggefährtinnen starben an Typhus. Die trockene Kälte in Jakutien, so erinnerte sich Margot Kupfer später, habe die Leute abgehärtet und einigermaßen gesund gehalten. „Aber nachher, in der Wärme, das ungekochte Wasser, diese Melonen, all das zusammen, das hat vielen eben die Ruhr und den Typhus gebracht. Und da sind sie wie die Fliegen gestorben.“
Noch im Sommer 1941 waren entsprechend dem Abkommen zwischen der polnischen Exilregierung und der sowjetischen Regierung aus den inzwischen freigelassenen Deportierten polnische Streitkräfte zusammengestellt worden, die dem sowjetischen Oberkommando unterstanden. Benannt wurde die Armee nach ihrem Befehlshaber, dem gerade erst aus sowjetischer Haft entlassenen polnischen General Władisław Anders. Ende 1941 wurde ein Teil der Truppen nach Taschkent verlegt und in Kermine, nordwestlich von Samarkand, eine weitere Einheit zusammengestellt. Die ehemaligen Deportierten hofften die Sowjetunion verlassen zu können, wenn sie sich freiwillig zur Anders-Armee meldeten.
Das Verhältnis zwischen Polen und der Sowjetunion, das im September 1939 mit der sowjetischen Besatzung Ostpolens einen Tiefpunkt erreicht hatte, war auch nachdem sie zu Verbündeten geworden waren, von Misstrauen geprägt. Immer wieder gab es Unstimmigkeiten über die Frage, welche Flüchtlinge als Polen galten und welche als Sowjetbürger. Schon seit dem Abkommen mit der polnischen Exilregierung im Sommer 1941 vertraten die sowjetischen Behörden die Auffassung, dass alle Angehörigen von Minderheiten - Juden, Ukrainer und Weißrussen –, die auf polnischem Staatsgebiet gelebt hatten, keine Polen seien und daher auch nicht der polnischen Exilregierung unterstünden. Mit diesem Argument hatte man versucht, ihnen bei der „Amnestie“ die Entlassung aus den Lagern und Gefängnissen zu verweigern.
Die Exilregierung beharrte auf der Wiederherstellung des polnischen Staates in den Vorkriegsgrenzen und vertrat daher den Standpunkt, dass alle, die vor Kriegsbeginn auf polnischem Staatsgebiet gewohnt hatten, auch polnische Staatsbürger seien. Um den Anspruch auf staatliche Eigenständigkeit zu unterstreichen, hatte sie darauf bestanden, mit eigenen Streitkräften am Krieg teilzunehmen. Der sowjetischen Regierung hingegen war an einer starken polnischen Truppe auf sowjetischem Territorium nicht gelegen, und sie war zudem weder bereit noch in der Lage, diese adäquat auszurüsten und zu versorgen. Schließlich verständigte man sich darauf, einen Teil von Anders‘ Truppen aus der Sowjetunion in den Iran und weiter in den Nahen Osten zu verlegen, wo sie die britischen Streitkräfte bei der Verteidigung der Ölquellen gegen mögliche Angriffe durch die Deutschen unterstützen sollten.
Für die jüdischen Flüchtlinge war die Situation doppelt kompliziert. Sowohl General Anders als auch Stalin hielten sie für schlechte Kämpfer und stritten darüber, wer für ihre Versorgung zuständig sei. Außerdem verdächtigten beide Seiten sie der Illoyalität. Da Juden in der Anders-Armee unerwünscht waren, blieb diesen nur die Möglichkeit, sich als nichtjüdische Polen auszugeben, wenn sie versuchen wollten, mit der polnischen Truppe aus der Sowjetunion herauszukommen.
So wurde auch Josef Müller als vermeintlich nichtjüdischer Soldat in der Anders-Armee akzeptiert, Margot Kupfer jedoch wurde die Ausreise verweigert. Sie hatte zwar schon die Erlaubnis, als Familienangehörige mitzureisen, wurde dann aber als Deutsche denunziert und daher abgelehnt. Doch ihrem Mann gelang es, eine Uniform für sie aufzutreiben, so dass sie sich trotz eines Malariaanfalls als Soldat verkleidet unter die Abreisenden schmuggeln konnte. „Ich hatte hohes Fieber. Ich war auch sehr deprimiert, [hatte] Angst: Wer weiß, ob man uns nicht noch hier findet, ob man mich doch nicht rausholt, und er wird alleine rüberkommen, und ich werde wieder in Russland bleiben? Ich hatte viel Angst.“ Doch die Ausreise gelang. Damit gehörte das Paar zu den etwa 6.000 bis 7.000 Jüdinnen und Juden unter den ca. 77.000 Soldaten, Zivilistinnen und Zivilisten, die mit der Anders-Armee die Sowjetunion verlassen konnten.
Nach der Ankunft im Iran starben Tausende Flüchtlinge, da sie aufgrund der Unterernährung keine Widerstandskräfte gegen die grassierenden Krankheiten hatten. „Die jüdischen Flüchtlinge sahen viel schlimmer aus als die Polen“, so berichtete ein aus Palästina angereister Beobachter. „Es ist schwer, den Zustand dieser Flüchtlinge überhaupt in Worte zu fassen; so etwas habe ich noch nicht gesehen. Sie waren von Hunger ganz aufgedunsen, hatten nur Lumpen am Leib, waren seelisch gebrochen, jeder Hoffnung bar.“ Nach einem mehrwöchigen Zwischenaufenthalt in Pahlevi kamen die Flüchtlinge in Teheran an, wo bereits die ersten Juden der Anders-Armee desertierten. Um vom Militärdienst freizukommen, simulierten sie psychische und andere Krankheiten. Margot Kupfer traf in Teheran schließlich auch noch eine Freundin aus Frankfurt, und gemeinsam fanden sie Arbeit in einem Café. Mit dem Lohn und dem Verkauf von Handarbeiten finanzierten sie ihren Lebensunterhalt – zumindest teilweise. An den hohen jüdischen Feiertagen seien sie von den Teheraner Juden herzlich aufgenommen worden, die auch Geld und Kleidung für sie sammelten.
Zusammen mit der Anders-Armee waren auch viele polnisch-jüdische Kinder nach Teheran gekommen, in ihrer Mehrheit Waisen. Sie waren halb verhungert und von Krankheiten geschwächt. Ihre Eltern waren auf der Flucht in die Sowjetunion oder in einem der Arbeitslager an Krankheiten oder Unterernährung gestorben. Die Zahl der polnischen – jüdischen und nichtjüdischen – Kinder in der Sowjetunion, die nach der „Amnestie“ die Zwangsarbeitsstätten verlassen hatten und nun dringend Hilfe brauchten, wird auf 75.000 geschätzt. Im Iran wurden die Kinder freundlich aufgenommen. Einheimische Juden und jüdische Flüchtlinge aus Europa, die bereits zuvor und auf anderen Wegen in den Iran gekommen waren, nahmen sich der Kinder an, sammelten Spenden und gründeten ein jüdisches Waisenhaus. Die nichtjüdischen Waisenkinder waren in separaten, von polnischen Unterstützern gegründeten und meist deutlich besser ausgestatteten Waisenhäusern untergebracht.
Teheran wurde zu einem Knotenpunkt für die Hilfsaktionen zugunsten jüdischer und nichtjüdischer polnischer Flüchtlinge sowohl im Iran als auch für viele Tausende in den zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion. Es gab fünf große Flüchtlingslager in Teheran, die von Repräsentanten der polnischen Exilregierung verwaltet wurden.
Schließlich reisten 835 (nach anderen Angaben 869) Kinder und 295 Erwachsene per Bahn nach Ahvaz, im Süden des Irans, wo sie einige Tage aufgehalten wurden, weil Ägypten die Durchfahrt durch den Suezkanal verweigerte. Doch dann konnten sie in einem Hafen am Persischen Golf den britischen Frachter Dunera besteigen, der sie Ende nach Karatschi brachte. Zwei Wochen später, Anfang 1943, setzten sie die Reise fort über Aden bis nach Suez. Dort wurden sie feierlich von einer jüdischen Brigade empfangen: „Das war für mich ein Willkommen, das ich in meinem Leben nicht vergessen werde“, erinnerte sich Margot Kupfer später. Mit der Bahn ging es dann weiter nach Palästina. Wie Margot Kupfer, so berichteten auch viele der Teheran-Kinder, die jüdische Gemeinschaft in Palästina habe sie mit Jubel begrüßt. Doch die Freude über die erfolgreiche Rettung war getrübt vom Mitleid und dem Schock über die Verfassung der Kinder: zerlumpt, barfuß und noch immer gezeichnet von Krankheit, Hunger und den traumatischen Erlebnissen, die hinter ihnen lagen.
In Palästina wurden die aus dem Iran angereisten jüdischen Flüchtlinge zunächst ins Internierungslager Athlit gebracht. Margot Kupfer konnte schließlich mit ihrem Mann nach Netanya ziehen, wo sie eine Wohnung mit anderen Flüchtlingen aus Polen teilte.
Seite 2 der Leseprobe: Die Konferenz von Evian
Margot Kupfer, eine in Berlin geborene Jüdin mit polnischem Pass, hatte nach dem Novemberpogrom gehofft, mit einem Kindertransport nach Großbritannien ausreisen zu können. Doch als 17-Jährige galt sie bereits als zu alt. Ihre Mutter, die sich als deutsche Staatsangehörige selbst sicher glaubte, bestärkte sie in dem Entschluss, mit einer zionistischen Jugendgruppe im Frühsommer 1939 ins polnische Kattowitz zu emigrieren. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen floh Margot Kupfer weiter zu Verwandten nach Tarnopol und von dort nach einigen Wochen nach Lemberg. Dort lernte sie ihren ersten Mann kennen, einen Juden aus Warschau namens Josef Müller. Das Paar heiratete nach wenigen Tagen, da beide erwarteten, von den sowjetischen Behörden, die nunmehr in Lemberg das Sagen hatten, in Kürze deportiert zu werden. Margot Kupfer hatte sich bei den Behörden gemeldet, um nach Berlin zurückzukehren. Stattdessen wurde sie mit ihrem Mann Richtung Osten deportiert, ohne zu wissen wohin und was sie dort erwartete. Schließlich landeten sie in Jakutien in einem winzigen Ort, 7000 Kilometer östlich von Moskau. Dort mussten die Deportierten – es handelte sich je etwa zur Hälfte um Männer und Frauen, auch einige Kinder waren dabei – eine Hütte beziehen, deren Bewohner vor ihren Augen zum Auszug gezwungen worden waren. Bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad legten sie jeden Morgen 16 Kilometer zu Fuß zur Arbeit zurück: Bäume fällen und Hütten bauen, die Frauen mussten auch Moos sammeln, mit dem die Dächer gedeckt wurden. Bezahlt wurde man nach Arbeitsleistung und in Naturalien, die jedoch nie ausreichten, um satt zu werden. Wie auf vielen Kolchosen, so galt auch hier: Wenn es keine Arbeit gab, bekam man auch nichts zu essen. An Flucht habe sie nie gedacht, berichtete Kupfer später. „Wir haben nur immer gedacht: Wie kommen wir mal raus? Ob wir überhaupt mal rauskommen oder ob wir unser ganzes Leben so verbringen müssen.“ Abgesehen von den geringen Erfolgschancen eines Fluchtversuchs, riskierte, wer gefasst wurde, erschossen zu werden.
Nach Schätzungen der polnischen Exilregierung in London befanden sich 1941 etwa 1,8 Millionen polnische Staatsangehörige in der Sowjetunion, darunter bis zu 385.000 Jüdinnen und Juden, die entweder geflohen, deportiert oder evakuiert worden waren. Nachdem die Sowjetunion im Sommer 1941, vom verbündeten Nazi-Deutschland angegriffen, ins Lager der Alliierten gewechselt hatte, war für die in die Sowjetunion deportierten Flüchtlinge aus Polen, ob jüdisch oder nicht-jüdisch, die polnische Exilregierung zuständig. Sie erreichte, dass die Deportierten am 12. August 1941 „amnestiert“ wurden und Zwangsarbeitsstätten und Straflager verlassen konnten. Manche erfuhren von der „Amnestie“ allerdings erst mit mehrmonatiger Verzögerung. Die Zahl der aus den Straflagern und „Sondersiedlungen“ entlassenen polnischen Jüdinnen und Juden ging in die Hunderttausende. In der Regel waren sie ohne gültige Papiere auf sich selbst gestellt.
So auch Margot Kupfer und ihr Mann. Wie die allermeisten „Amnestierten“ wollten sie nur noch weg aus der Kälte, möglichst erst einmal in den Süden. Taschkent, die „Stadt des Brotes“ genannt, verband sich für viele mit der Hoffnung auf Wärme und ausreichend Essen. Dass in den von der Wehrmacht eroberten Teilen der Sowjetunion bereits massenhaft Juden ermordet wurden, wussten sie nicht. Den Kontakt zu ihren Angehörigen hatten sie längst verloren. Geld für eine Bahnfahrt hatten sie nicht und auch keine Gegenstände mehr, die sie hätten verkaufen können. Den ersten Teil der mehrere tausend Kilometer weiten Reise mussten sie daher auf dem Dach eines Zuges zurücklegen.
Außer den „amnestierten“ polnischen Staatsangehörigen drängten seit dem Sommer 1941 auch Millionen Sowjetbürger, die die Behörden aus den frontnahen Gebieten evakuierten, in die zentralasiatischen Republiken. Oftmals wurden ganze Betriebe mitsamt der Belegschaft Richtung Osten verlegt. Auf diese riesige Migrationsbewegung war niemand vorbereitet. Die Züge waren gedrängt voll. Die sowjetischen Behörden lehnten die Zuständigkeit für Polinnen und Polen ab. Der polnische Botschafter in Moskau wandte sich mit einem Hilferuf an das Außenministerium der Exilregierung: „Vor allem sind es Hunger und Krankheit, die sie [die ‚amnestierten‘ polnischen Staatsangehörigen, die Richtung Süden unterwegs waren, S.H.] zugrunde richten, eine Art vom Hunger verursachte Ruhr. Auf vielen Transporten gibt es Tote, und jeder Zug führt Sterbenskranke mit sich, die nicht selten an den Eisenbahnknotenpunkten ihr Leben beschließen. In einem der Transporte aus dem Norden fuhren 16 Leichen mit.“
Nachdem sie im völlig überlaufenen Taschkent nicht hatten unterkommen können, fuhren Margot Kupfer und ihr Mann weiter nach Samarkand, wo sie gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus Jakutien eine Baracke mieten konnten. Die lang ersehnte Wärme in Samarkand hatte jedoch den Nachteil, dass sich die Krankheiten schnell ausbreiteten. Margot Kupfer litt schon bald an Ruhr. Viele ihrer Freunde und Weggefährtinnen starben an Typhus. Die trockene Kälte in Jakutien, so erinnerte sich Margot Kupfer später, habe die Leute abgehärtet und einigermaßen gesund gehalten. „Aber nachher, in der Wärme, das ungekochte Wasser, diese Melonen, all das zusammen, das hat vielen eben die Ruhr und den Typhus gebracht. Und da sind sie wie die Fliegen gestorben.“
Noch im Sommer 1941 waren entsprechend dem Abkommen zwischen der polnischen Exilregierung und der sowjetischen Regierung aus den inzwischen freigelassenen Deportierten polnische Streitkräfte zusammengestellt worden, die dem sowjetischen Oberkommando unterstanden. Benannt wurde die Armee nach ihrem Befehlshaber, dem gerade erst aus sowjetischer Haft entlassenen polnischen General Władisław Anders. Ende 1941 wurde ein Teil der Truppen nach Taschkent verlegt und in Kermine, nordwestlich von Samarkand, eine weitere Einheit zusammengestellt. Die ehemaligen Deportierten hofften die Sowjetunion verlassen zu können, wenn sie sich freiwillig zur Anders-Armee meldeten.
Das Verhältnis zwischen Polen und der Sowjetunion, das im September 1939 mit der sowjetischen Besatzung Ostpolens einen Tiefpunkt erreicht hatte, war auch nachdem sie zu Verbündeten geworden waren, von Misstrauen geprägt. Immer wieder gab es Unstimmigkeiten über die Frage, welche Flüchtlinge als Polen galten und welche als Sowjetbürger. Schon seit dem Abkommen mit der polnischen Exilregierung im Sommer 1941 vertraten die sowjetischen Behörden die Auffassung, dass alle Angehörigen von Minderheiten - Juden, Ukrainer und Weißrussen –, die auf polnischem Staatsgebiet gelebt hatten, keine Polen seien und daher auch nicht der polnischen Exilregierung unterstünden. Mit diesem Argument hatte man versucht, ihnen bei der „Amnestie“ die Entlassung aus den Lagern und Gefängnissen zu verweigern.
Die Exilregierung beharrte auf der Wiederherstellung des polnischen Staates in den Vorkriegsgrenzen und vertrat daher den Standpunkt, dass alle, die vor Kriegsbeginn auf polnischem Staatsgebiet gewohnt hatten, auch polnische Staatsbürger seien. Um den Anspruch auf staatliche Eigenständigkeit zu unterstreichen, hatte sie darauf bestanden, mit eigenen Streitkräften am Krieg teilzunehmen. Der sowjetischen Regierung hingegen war an einer starken polnischen Truppe auf sowjetischem Territorium nicht gelegen, und sie war zudem weder bereit noch in der Lage, diese adäquat auszurüsten und zu versorgen. Schließlich verständigte man sich darauf, einen Teil von Anders‘ Truppen aus der Sowjetunion in den Iran und weiter in den Nahen Osten zu verlegen, wo sie die britischen Streitkräfte bei der Verteidigung der Ölquellen gegen mögliche Angriffe durch die Deutschen unterstützen sollten.
Für die jüdischen Flüchtlinge war die Situation doppelt kompliziert. Sowohl General Anders als auch Stalin hielten sie für schlechte Kämpfer und stritten darüber, wer für ihre Versorgung zuständig sei. Außerdem verdächtigten beide Seiten sie der Illoyalität. Da Juden in der Anders-Armee unerwünscht waren, blieb diesen nur die Möglichkeit, sich als nichtjüdische Polen auszugeben, wenn sie versuchen wollten, mit der polnischen Truppe aus der Sowjetunion herauszukommen.
So wurde auch Josef Müller als vermeintlich nichtjüdischer Soldat in der Anders-Armee akzeptiert, Margot Kupfer jedoch wurde die Ausreise verweigert. Sie hatte zwar schon die Erlaubnis, als Familienangehörige mitzureisen, wurde dann aber als Deutsche denunziert und daher abgelehnt. Doch ihrem Mann gelang es, eine Uniform für sie aufzutreiben, so dass sie sich trotz eines Malariaanfalls als Soldat verkleidet unter die Abreisenden schmuggeln konnte. „Ich hatte hohes Fieber. Ich war auch sehr deprimiert, [hatte] Angst: Wer weiß, ob man uns nicht noch hier findet, ob man mich doch nicht rausholt, und er wird alleine rüberkommen, und ich werde wieder in Russland bleiben? Ich hatte viel Angst.“ Doch die Ausreise gelang. Damit gehörte das Paar zu den etwa 6.000 bis 7.000 Jüdinnen und Juden unter den ca. 77.000 Soldaten, Zivilistinnen und Zivilisten, die mit der Anders-Armee die Sowjetunion verlassen konnten.
Nach der Ankunft im Iran starben Tausende Flüchtlinge, da sie aufgrund der Unterernährung keine Widerstandskräfte gegen die grassierenden Krankheiten hatten. „Die jüdischen Flüchtlinge sahen viel schlimmer aus als die Polen“, so berichtete ein aus Palästina angereister Beobachter. „Es ist schwer, den Zustand dieser Flüchtlinge überhaupt in Worte zu fassen; so etwas habe ich noch nicht gesehen. Sie waren von Hunger ganz aufgedunsen, hatten nur Lumpen am Leib, waren seelisch gebrochen, jeder Hoffnung bar.“ Nach einem mehrwöchigen Zwischenaufenthalt in Pahlevi kamen die Flüchtlinge in Teheran an, wo bereits die ersten Juden der Anders-Armee desertierten. Um vom Militärdienst freizukommen, simulierten sie psychische und andere Krankheiten. Margot Kupfer traf in Teheran schließlich auch noch eine Freundin aus Frankfurt, und gemeinsam fanden sie Arbeit in einem Café. Mit dem Lohn und dem Verkauf von Handarbeiten finanzierten sie ihren Lebensunterhalt – zumindest teilweise. An den hohen jüdischen Feiertagen seien sie von den Teheraner Juden herzlich aufgenommen worden, die auch Geld und Kleidung für sie sammelten.
Zusammen mit der Anders-Armee waren auch viele polnisch-jüdische Kinder nach Teheran gekommen, in ihrer Mehrheit Waisen. Sie waren halb verhungert und von Krankheiten geschwächt. Ihre Eltern waren auf der Flucht in die Sowjetunion oder in einem der Arbeitslager an Krankheiten oder Unterernährung gestorben. Die Zahl der polnischen – jüdischen und nichtjüdischen – Kinder in der Sowjetunion, die nach der „Amnestie“ die Zwangsarbeitsstätten verlassen hatten und nun dringend Hilfe brauchten, wird auf 75.000 geschätzt. Im Iran wurden die Kinder freundlich aufgenommen. Einheimische Juden und jüdische Flüchtlinge aus Europa, die bereits zuvor und auf anderen Wegen in den Iran gekommen waren, nahmen sich der Kinder an, sammelten Spenden und gründeten ein jüdisches Waisenhaus. Die nichtjüdischen Waisenkinder waren in separaten, von polnischen Unterstützern gegründeten und meist deutlich besser ausgestatteten Waisenhäusern untergebracht.
Teheran wurde zu einem Knotenpunkt für die Hilfsaktionen zugunsten jüdischer und nichtjüdischer polnischer Flüchtlinge sowohl im Iran als auch für viele Tausende in den zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion. Es gab fünf große Flüchtlingslager in Teheran, die von Repräsentanten der polnischen Exilregierung verwaltet wurden.
Schließlich reisten 835 (nach anderen Angaben 869) Kinder und 295 Erwachsene per Bahn nach Ahvaz, im Süden des Irans, wo sie einige Tage aufgehalten wurden, weil Ägypten die Durchfahrt durch den Suezkanal verweigerte. Doch dann konnten sie in einem Hafen am Persischen Golf den britischen Frachter Dunera besteigen, der sie Ende nach Karatschi brachte. Zwei Wochen später, Anfang 1943, setzten sie die Reise fort über Aden bis nach Suez. Dort wurden sie feierlich von einer jüdischen Brigade empfangen: „Das war für mich ein Willkommen, das ich in meinem Leben nicht vergessen werde“, erinnerte sich Margot Kupfer später. Mit der Bahn ging es dann weiter nach Palästina. Wie Margot Kupfer, so berichteten auch viele der Teheran-Kinder, die jüdische Gemeinschaft in Palästina habe sie mit Jubel begrüßt. Doch die Freude über die erfolgreiche Rettung war getrübt vom Mitleid und dem Schock über die Verfassung der Kinder: zerlumpt, barfuß und noch immer gezeichnet von Krankheit, Hunger und den traumatischen Erlebnissen, die hinter ihnen lagen.
In Palästina wurden die aus dem Iran angereisten jüdischen Flüchtlinge zunächst ins Internierungslager Athlit gebracht. Margot Kupfer konnte schließlich mit ihrem Mann nach Netanya ziehen, wo sie eine Wohnung mit anderen Flüchtlingen aus Polen teilte.
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