Vorgeblättert

Leseprobe zu Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Teil 3

04.01.2010.
MEIKE

Da ich nicht kellnern konnte, hatte ich während des Studiums angefangen, Groschenromane zu übersetzen, die von Frauen handelten, die erst unglücklich waren und dann dem Werben von Baronen beziehungsweise Chefärzten nachgaben. Aufgrund des drastischen Vokabulars, mit dem dieses Nachgeben geschildert wurde, nannte ich sie Hausfrauenpornos.
      Nach dem Examen hatte ich diesen Studentenjob zu meinem Beruf gemacht. Ich war gerade mit Arthur zusammengezogen, wir tranken morgens gemeinsam Kaffee im Bett, dann fuhr er in sein Atelier, ich übersetzte bis in den späten Nachmittag hinein und kochte uns Abendessen - verbrachte meine Tage zwischen Hausfrauenpornos und Hausfrauentätigkeiten. Immer wenn ­jemand fragte, was ich nach dieser, wie alle annahmen, Übergangs­lösung machen wollte, zuckte ich mit den Schultern.
      Dann zogen auch Gösta und Regine zusammen und gaben eine Einweihungsparty, auf der ich Thorsten Fricke kennenlernte, der als Lektor beim Farnsdorff Verlag vor den Toren Hamburgs arbeitete. Leute, die sich viel mit Literatur beschäftigten, fragte ich gern, wer ihr Lieblingsschriftsteller sei. Es amüsierte mich, wie anscheinend niemand darauf antworten konnte, ohne mindestens fünf Namen zu nennen, doch Thorsten Fricke zögerte keine Sekunde und sagte:
      "Henry LaMarck."
      "Habe ich mal gehört", sagte ich.
      "Aber nie was gelesen?"
      "Nein."
      "Das sagen alle. Niemand in Deutschland liest Henry La-Marck. Dabei ist er im Rest der Welt ein Star. Der verkauft Millionen und ist seit Jahren für den Nobelpreis im Gespräch."
      "Geht das beides zusammen?"
      "Bei Henry LaMarck offensichtlich schon." Dann gab er mir ein Buch, das er aus irgendeinem Grund dabeihatte. "Wird dir gefallen."
      Ich wollte eigentlich nur den Klappentext lesen, las dann den letzten Satz, den ersten, den zweiten, den dritten, während ­Thors­ten Fricke einem Kunstgeschichte-Studenten in die Küche folgte. Regine hatte gerade mit Gösta, Sabine und Lars ihren ersten ­Salsa­­kurs gemacht, und sie fingen an zu tanzen; lateinamerikanisches Lebensgefühl klingelte durch das Wohnzimmer, doch ich stand da und las. Als immer mehr Partygäste anfingen zu tanzen, ging ich in die Küche zu Thorsten Fricke, der dem Kunstgeschichte-­Studenten in die Augen sah und fragte: "Und wo bist du in Padua abends so hingegangen?", wollte nicht weiter stören, ging nach Hause, ohne mich zu verabschieden, und las die ganze Nacht.
      Das Buch hieß Unterm Ahorn. Es erzählt die Geschichte von Graham Santos. Mitten im Winter sitzt er auf einer Bank, um ihn herum fällt Schnee, doch er sitzt unter Palmen. Das klingt surreal, klärt sich aber bald auf, denn er sitzt in einem Palmenhaus im Lincoln Park in Chicago. Dort erzählt dieser Graham Santos, wie es dazu kam, dass er nie geboren wurde. Seine Eltern laufen durch den Roman, begegnen sich zwar, kommen aber nie zusammen. Die Mutter ist in den Vater verliebt, geht aber im entscheidenden Moment immer an ihm vorbei, schreibt ihm, ignoriert seine Antworten, verabredet sich mit ihm in einem Cafe und versetzt ihn, weil sie sich lieber in sexuelle Abenteuer mit mexikanischen Wanderarbeitern und durchreisenden Pressefotografen verstrickt - Abenteuer, wie sie im Prinzip auch in den Groschenromanen vorkamen, die ich übersetzte, nur dass sie bei Henry LaMarck viel, viel besser beschrieben waren. Statt Kinder zu bekommen und sich in Langeweile niederzulassen, haben die Eltern so jede Menge Spaß, und man hat das Gefühl, dass auch Graham Santos es nicht besonders schade findet, nie auf diese Welt gekommen zu sein.
      Erst als ich Unterm Ahorn zu Ende gelesen hatte, fragte ich mich, warum Thorsten Fricke es mir mit den Worten "Wird dir gefallen" gegeben hatte. Wirkte ich so, als sei auch ich Teil eines Lebens, von dem ich mir wünschte, es hätte nie stattgefunden?
      Die Übersetzerin hieß Carla Tomsdorf. Ich hätte alles getan, um mit ihr tauschen zu können, zumal ich nach der Lektüre von Unterm Ahorn das Gefühl hatte, es läge an ihren Übersetzungen, dass Henry LaMarck in Deutschland so wenig Erfolg hatte. Ich besorgte mir alle seine Bücher - auf Englisch, als wollte ich die Existenz dieser Tomsdorf negieren, Der Grad der Zerstörung, Junge Mädchen, Farenland - und übersetzte weiter meine Hausfrauenpornos. Ein Jahr später passierte das Unglück, das zum großen Glück meines Lebens wurde: Carla Tomsdorf wurde beim Joggen von einem Lieferwagen überfahren, wie ich aus dem Rundbrief des Übersetzerverbands erfuhr - es hatte sich also doch gelohnt, in der Gewerkschaft zu sein. Sofort rief ich Thorsten Fricke an.
      "Du willst Henry LaMarck übersetzen?", fragte er in einem Ton, als hätte ich verkündet, ich wolle den Verlag kaufen.
      "Ihr braucht doch jemanden, oder?"
      "Du übersetzt Groschenromane."
      "Henry LaMarcks Texte sind ein raffiniertes Spiel mit Hochsprache und Umgangssprache", sagte ich.
      "Ich kann mal sehen, ob ich dir einen Auftrag für einen Krimi geben kann."
      "Aber ich habe alle seine Bücher gelesen. Im Original."
      "Dich kennt keiner. Das Risiko wäre zu ?"
      "Ende der Woche schicke ich dir 20 Seiten. Dann nimmst du mich oder eben nicht."
      Das Buch hieß Howards Hotel und war gerade in Amerika erschienen. Der Inhalt tut nichts zur Sache. Was zählte, war, dass ich nun ein Ziel im Leben hatte: Henry LaMarck endlich zu dem Ruhm zu verhelfen, den Deutschland ihm bisher vorenthalten hatte. Thorsten Fricke riskierte es, gab mir den Auftrag, und ­Howards Hotel wurde Henry LaMarcks erster Bestseller in Deutschland.
      Seitdem war das erste Suchresultat, wenn ich meinen Namen bei Google eingab, nicht mehr www.stayfriends.de. Brillant über­setzt von Meike Urbanski stand da nun auf den Seiten renom­mierter Zeitungen. Ich war Übersetzerin geworden. Dabei hatte ich mit diesen Hausfrauenpornos nur angefangen, weil ich nicht kellnern konnte und mir nicht zu schade war, Dinge zu übersetzen wie: Sie spürte seine pulsierende Pracht zwischen ihren zitternden Lippen. Doch seit ich Henry LaMarck übersetzte, schien es mir, als hätte ich nie etwas anderes tun wollen. Wenn mein Hamburger Himmel komplett schwarz wurde, machte die Arbeit an seinen Büchern ihn zumindest wieder grau.
      Nach dem Erfolg meiner ersten Übersetzung hatte der Verlag mich sogar Unterm Ahorn und andere frühe Romane von Henry LaMarck neu übersetzen lassen. Mit den Groschenroma­nen konnte ich aufhören.
      Henry LaMarck hatte die National Medal of Arts bekommen, den National Book Award, den PEN/Faulkner Award, den PEN/Nabokov Award und den PEN/Saul Bellow Award. Und natürlich den Pulitzerpreis. Fast jedes Jahr lieferte er ein neues Buch, doch in diesem Jahr waren alle besonders gespannt, denn Henry LaMarck hatte sich eines großen Themas angenommen, des Terroranschlags auf das World Trade Center. Allen war klar: Er schrieb den ersten Jahrhundertroman des 21. Jahrhunderts. Seit langer Zeit hatte ich nicht mehr mit so viel Vorfreude den Briefkasten geöffnet wie in diesen Tagen, denn der Farnsdorff Verlag hatte mit Henrys amerikanischem Verlag Parker Publi­shing vereinbart, dass ich das Manuskript sofort nach Fertigstellung bekäme, um unter strengster Vertraulichkeit mit der Übersetzung beginnen zu können, noch bevor das Buch in Amerika auf den Markt gekommen war. So ein Star war Henry LaMarck.

Paartherapeuten betonen oft, wie wichtig ein gemeinsames Hobby für die Beziehung sei. Eine Sportart, ein Garten oder Kinder; ein Hobby, das bleibt, wenn die Liebe gegangen ist. Auch Arthur und ich hatten etwas, das wir gern gemeinsam taten: Wir rauchten.
      Dann war am ersten Januar nach jenem Weihnachtsfest das Nichtrauchergesetz in Kraft getreten. Arthur und ich hatten mit Gösta und Regine, Sabine und Lars im Schneeweiß gesessen, unserem damaligen Stammrestaurant, in dem man in einem minimalistisch eingerichteten, von indirektem Licht beleuchteten Raum deutsche Hausmannskost auf viereckigen Tellern servierte. Ich hatte am Schneeweiß gemocht, dass Regine und Sabine nichts dagegen tun konnten, wenn ich in ihrer Gegenwart rauchte. Nach dem Inkrafttreten des Nichtrauchergesetzes schien es mir, als sei das Schneeweiß renoviert worden. Alles wirkte merkwürdig klar, es roch nach nassem Hund, Parfüm und Rindsroulade, und mir wurde bewusst, dass ich diesen Laden eigentlich überhaupt nicht ausstehen konnte. Die Wirklichkeit war mir auf den Pelz gerückt. So radikal konnten sich Dinge also verändern, dachte ich, als ich rauchend vor der Tür des Schneeweiß stand, an diesem ersten Januar, an dem noch der Qualm der Silvesternacht hing. Durch das Fenster sah ich Arthur, der sich mit Gösta unterhielt und Zimtkaugummi kaute. An diesem Morgen hatte er das Rauchen aufgegeben. Wir hatten uns weiterhin nichts zu sagen, und ohne die gemeinsamen Zigaretten war aus dem Zusammen-schweigend-Rauchen ein Sich-Anschweigen geworden. Da war mir klar geworden, dass ich nicht mehr hinein wollte, in dieses Restaurant, in dieses Leben. Ich war draußen.

Als Arthur wenig später zu einer Ausstellungseröffnung nach München gefahren war, machte ich alles ganz automatisch, so wie es einem Mann gehen muss, der seine Frau regelmäßig mit Prostituierten betrügt, schaltete ohne Nachzudenken - mit schlechtem Gewissen, aber ohne den leisesten Zweifel - den Computer an und sah mich im Internet nach bezugsfertigen Wohnungen um. Alles kam in Frage, nur eines nicht: hierbleiben. Nicht in dieser Stadt bei diesen Leuten, die nicht meine Freunde waren, sondern ich ihr Publikum, das ihnen bei ihrem gelungenen Leben zusah.
      Dann fand ich dieses Haus, mit großem Grundstück und trotz­dem sehr billig. Eigentlich wollte ich es nur mieten, doch der Vorbesitzer meinte, es sei kein Problem, wenn ich seine ­Hypo­thek bei der Hypothekenbank HomeStar übernahm. ­HomeStar sei eine moderne Bank aus England, nun auch in Deutschland präsent, die kaum Anforderungen an die Bonität ihrer Kunden stelle, "nicht so pingelig wie die Sparkassen", hatte er gesagt. Die Küche würde er mir auch überlassen, den Fern­seher mit Satellitenfernsehen und das Bett im Schlafzimmer. Ein Ehebett.
      Wenige Tage später war ich eingezogen. Ich konnte zwar kaum etwas anzahlen, aber bald kam ja das Honorar für die Übersetzung von Henry LaMarcks neuem Roman.
      Nun saß ich hier, trug zwei Jeans übereinander, drei Paar Socken und hatte eine Strickjacke über den Wollpullover gezogen, sodass ich aussah wie eine Figur aus South Park. Ich saß hier, auf dem Land, allein und mit einem Beruf, der etwas mit Büchern zu tun hatte, und erinnerte mich daran, wie Regine das genannt hatte: "literaturverrückt."
Wippsäge hieß das Ding: ein rotes Gestell mit einem Sägeblatt in Pizzagröße, das sich, sobald ich den Hauptschalter umgelegt hatte, in Bewegung setzte, immer schneller wurde, schneller, bis ich das Gefühl bekam, es würde gleich aus der Verankerung und direkt in meine Brust geschleudert. Nachdem das nicht passiert war, fand ich die Wippsäge fast niedlich, wie sie da so eilig vor sich hinwirbelte. Ihr leises Sausen legte sich über die saudumme Stille. Ich konnte das. Egal, was sie dachten. Arthur. Gösta, Sabine, Regine, Lars. Ich legte ein Holzscheit auf die Lagerung, kippte sie nur ein wenig nach oben, und die Säge kreischte, Späne flogen. Lars, Sabine, Regine, Gösta. Arthur. Die Säge fraß sich in das Holz hinein, schnell und mühelos. Lärm, Lärm, Lärm! Im Nu hatte ich alles Holz zersägt und legte das erste Scheit auf den Hauklotz. Dann griff ich zur Axt, die viel leichter schien als beim letzten Mal. Am Schaft ein gelber Aufkleber: Selbst ist der Mann. PraxisTest-Testsieger, wollte sie gerade anheben, da sagte eine Stimme hinter mir:
      "Ich wollte mal vorbeischauen." Der Mann verstummte in dem Moment, als ich mich reflexartig zu ihm umgedreht hatte und ihn, die Axt in der Hand, ansah. Nach einer Weile fügte er hinzu:
      "Was hast du eigentlich für Schuhe an?"
      Mein Großstädterinnenblick schoss an mir herunter. Trug ich die falschen Turnschuhe?
      "Ich würde echt nur mit Stahlkappe Holz hacken", sagte er. "Wir sind übrigens Nachbarn."
      Ich sah auf seine Füße und überlegte, ob seine Bergstiefel Stahlkappen hatten. Er trug eine ziemlich normale Jeans, und ­unter seiner Allwetterjacke erkannte ich einen Wollpullover und ­einen Hemdkragen, und er schien nicht älter zu sein als ich. Ich sagte: "Meike", und wunderte mich über den Klang meiner Stimme. Konnte es sein, dass ich seit Tagen kein Wort gesprochen hatte?
      "Enno. Du bist neu hier."
      "Seit ein paar Tagen."
      "Ich bin Bauer", sagte Enno, zeigte in Richtung meines Hauses oder, besser gesagt, darüber hinweg und sagte: "Da drüben. Und was ?", er überlegte einen Moment, hob das linke Bein und klopfte mit der Fußspitze einige Male auf den Rasen, bevor er fortfuhr: "? was führt dich hierher?"
      "Ich arbeite hier."
      "Was arbeitest du denn?"
      "Ich übersetze."
      "Bücher?"
      "Ja, Bücher."
      "Hier?"
      "Warum nicht? Ich kann arbeiten, wo ich will."
      "Ja, eben."
      "Ist doch schön hier", sagte ich, wollte meinen Blick in die Ferne schweifen lassen, blieb aber an dem Reisebuswrack hängen. "Andere Leuten machen hier Urlaub."
      "Und mit dem Holzhacken, wie das geht, das weißt du?"
      "Nein", sagte ich.
      "Es kommt darauf an, genau den Punkt zu treffen, den die Maserung vorsieht. Überleg dir vorher genau, wo du hintreffen willst." Er zeigte auf eine Stelle, an der sich die Maserung verbreiterte wie ein aufgestauter Fluss.
      Ich nickte.
      "Holz wird zerguckt, nicht zerhackt", sagte Enno. Ich hob die Axt und legte mein ganzes Körpergewicht in diesen einen Schlag: eine Kerbe.
      "Und sobald die Axt in dem Scheit feststeckt, drehst du sie um", sagte er.
      "Ich komme schon zurecht", sagte ich.
      "Na denn", sagte er und hob die Hand so langsam, dass ich nicht wusste, ob es ein Winken zum Abschied sein sollte oder eher ein gleichgültiges Abwinken, als wollte er eigentlich sagen: "Na denn viel Glück."
      Ich konnte das. Ich schlug zu. Die Axt steckte in dem Scheit, ich drehte sie um, schlug mit der Hinterseite des Axtkopfes auf den Hauklotz, und das Holzscheit zerfiel, von seinem eigenen Gewicht gespalten.
      Ich nahm das nächste, schlug zu, ein Mal, zwei Mal! Literaturverrückt hin oder her, ich kann Holz hacken. Arthuer. Regine. Lars. Salzmühle. Treffer.
      Alle sagen, dass alle nach Liebe suchen, aber das stimmt gar nicht. Einsamkeit ist eine echte Alternative, sie und die Liebe sind gleichberechtigt, wenn die Einsamkeit ihr nicht sogar überlegen ist. Auch das nächste Holzscheit hatte keine Chance. Arthur, Himalaja-Salz, Lars. Treffer. Ich konnte das. Hackte, hackte, spaltete, splitterte, schlug und schrie, bis es nur noch Kleinholz gab und ich im Wohnzimmmer so erschöpft auf das Sofa sank, dass ich nicht einmal mehr an den Briefkasten dankte.


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Antje Kunstmann

Informationen zum Buch und Autor hier