Vorgeblättert

Leseprobe zu Hannelore Cayre: Das Meisterstück. Teil 1

Die Vernehmung brachte selbstverständlich nichts, weil Aziz bestritt, irgendetwas mit dem Hehler zu tun zu haben. Doch die Kripo fahndete bereits nach dem Schlosser, von dem die Schlüssel stammten. Es war Zeit, aktiv zu werden.
An diesem Nachmittag begab ich mich zur Place des Fetes, nur mal so, um das Terrain zu sondieren. Ich hatte nicht einmal geahnt, dass es einen solchen Ort in Paris überhaupt gab.
La Zone. Die Ränder der Stadt ...
Wohntürme umgaben, was die Urbanisten in den Siebzigerjahren eine Agora nannten; die Wichserei eines Architekten, der sich beim Austüfteln seiner Pläne als Weltenschöpfer betätigte und die Fantasie hatte, hier würde dereinst das brave Volk zusammenfinden, um zu »kommunizieren«. Inzwischen nannte man so was eine Platte, und man dealte hier mit Shit.
Eine Art Tunnel bot Zugang zur Tiefgarage und zu den Kellerräumen; ein Weg in den Hades. Haargenau einer von den Orten, wo sich die Typen darum prügeln, wer mich als Erster ausrauben darf.
Aziz Choukri hatte nicht gekleckert, was die Schließvorrichtung seiner Ali-Baba-Höhle anging. Nur ein Spezialist konnte mit einem solchen Schloss fertig werden, und ich war bei Weitem keiner. Andererseits tat mir der Gedanke im Herzen weh, dieser Dreckskerl von Fascho könnte seine Gemälde wieder in die Finger bekommen.
Plötzlich stand mir die Lösung vor Augen: Lazare!
Ich rief Nicole an.
Lazare willigte augenblicklich ein. In einem seiner vielen Leben hatte er natürlich als Schlosser gearbeitet. Es war ihm ein Vergnügen, mir diese Gefälligkeit zu erweisen und vor allem Nicole ein kleines Geschenk zu machen, die war nämlich der Meinung, so ein Meisterstück würde in ihrem Leopardenwohnzimmer todschick rüberkommen.
Was tut man nicht alles für die Kunst. Und der kleine Choukri musste wohl ein Opfer bringen. Schließlich holten wir ihn aus der Scheiße. Er schuldete uns zweifellos eine kleine Entlohnung.
Noch am selben Abend gingen wir wieder hin. Ich hatte mich mit Lazare in der Rue du Faubourg Saint-Martin verabredet, im Cafe gegenüber von Nicoles Zuhause. Wir borgten uns noch schnell von einem seiner Kollegen einen hochprofessionellen Werkzeugkasten zum Öffnen sämtlicher Schlosstypen und fuhren mit meinem Wagen los.
Wir waren kaum hundert Meter gefahren, da forderte er mich plötzlich auf, rechts einzuparken. Während ich das Lenkrad einschlug, ertönte hinter uns wütendes Gehupe.
»Schau mal in den Rückspiegel, die Typen da, die gerade versuchen, auf der Fahrbahn zu halten. Der Wagen folgt uns, seit wir losgefahren sind.«
»Bullen?«
»Nein; die Flics sind nicht dämlich genug, um in diesem Sauhaufen von Faubourg Saint-Martin eine Karre ohne Verstärkung zu observieren. Komm, wir nehmen die Metro.«
Wir tauchten im Labyrinth der Ladenpassagen unter und kamen genau an der Metrostation Chateau d'Eau wieder heraus.
Außer Crespin fiel mir niemand ein, der ein Interesse hätte, mich beschatten zu lassen.
Ich verriet Lazare, welch heftige Abneigung diese Musterschüler der ENA in mir weckten. Die waren so aufgeblasen vor lauter Macht, dass sie glaubten, sie könnten sich ungestraft alles erlauben. »Einer der mächtigsten Typen Frankreichs, der sieht sich direkt als Nachfolger von Petain. Kannst du dir das vorstellen?«
»Komm mir nicht mit solchen Fangfragen. Du glaubst wohl, ich durchschau dich nicht ... Ich mag weder die Schlitzaugen noch die Arabermädchen, und Neger auch nicht, wenn dus wissen willst, doch das hat mich nicht davon abgehalten, allen dreien Kinder zu machen. Und ich liebe meine Kinder. Alle.« Das hatte er wie gewöhnlich laut gebrüllt. Wir befanden uns gerade in der Station Strasbourg Saint-Denis, und wirklich alles, was der Waggon an Fahrgästen barg, hatte sich synchron mit einem Ruck zu uns umgedreht.
Und in derselben Lautstärke: »Was die Hakennasen betrifft, die mag ich auch nicht, aber dich mag ich gern, und Nicole auch, eine verdammt klasse Frau ist sie. Petain ist mir scheißegal. Ich bin ein Prolet, und er, er war ein beschissener Aristokrat. Wie dein Bildersammler da, der sicherlich eine Milliarde Mal öfter als ich irgendwo in die Kasse gelangt hat, ohne auch nur eine Minute Knast zu kassieren.«
»?Die Justiz ist nachsichtig gegenüber den Übeltaten der Großen und unerbittlich gegenüber den Schwächen der kleinen Leute?, sagte Jean de La Fontaine.«
»Genau so. Verfluchte Bande von Arschlöchern!«, brüllte er, an sämtliche Passagiere des Wagens gerichtet. Zum Glück erreichte die Metro gerade Chatelet, wo wir auf eine andere Linie umsteigen mussten.
Die Box war bestens aufgeräumt und so gut sortiert wie die Hi-Fi-Abteilung bei Darty. Nichtsdestotrotz ließen sich die Bilder leicht finden. Sie waren nicht in eine Ecke geknallt, wie ich Lästermaul prophezeit hatte, sondern sorgfältig verpackt, ein jedes in eine kleine Decke.
Schließlich schafften wir sie, uns die Hauswände entlangdrückend, in die Rue du Faubourg Saint-Martin, doch es verfolgte uns ohnehin niemand mehr.
Frohlockend packte ich die Malereien aus und arrangierte sie eine um die andere auf der Sitzfläche und der Rückenlehne von Nicoles geflecktem Chesterfield.
Die Picasso-Zeichnung, den Juan Gris, Matisse, die beiden Chagall, den Rousseau und das fantastische Gemälde von Max Ernst mit seinem in tiefem Rot und Blau gehaltenem Hintergrund - und dazu ein Werk, das überhaupt nicht auf der Liste der gestohlenen Gegenstände auftauchte.
Und da sah ich es zum ersten Mal.


Teil 2