Vorgeblättert

Leseprobe zu Giwi Margwelaschwili: Der Kantakt. Teil 3

08.06.2009.
Gute Hoffnungen des Lesers auf ein weiteres und noch engeres freundschaftliches Zusammensein mit seinen Buchpersonen


Besagt dieser graduelle und sanfte Abstieg bis zur lakonischsten und radikalsten Ausdrucksform für den leeren Leserplatz in dieser Geschichte nicht, daß in diesem Text mit der Präsenz des Lesergeistes äußerst rücksichtsvoll umgegangen wird, daß man diesen Geist auf seine momentane totale Abschiebung aus der Buchweltwirklichkeit schonend vorbereitet? Bedeutet es nicht ein prinzipielles Orientiertsein dieses Textes auf die Lesergeistesgegenwart in ihm? Ist die Modalisierung der Ausdrucksform für den leeren Leserplatz nicht auch schon so etwas wie eine Gewähr dafür, daß im Aufbau der Rheinsberger Liebesgeschichte das Kalkulieren mit der Präsenz des unsichtbaren Lesergeistes eine bedeutende Rolle spielt und wahrscheinlich fortgesetzt, vielleicht sogar in umfassenderem Maßstab betrieben werden kann? Man versteht, mit welcher Laune ich wahrnahm, wie die Buchwelttür plötzlich vor meiner Lesernase zuknallte und der Text mich für eine Zwischenzeit aus seinem Schoß hinausexpedierte. Daß der Text mich so höflich behandelte, entzückte mich. Meine Lesereisegesellschaft mit Clairchen und Wölfchen erschien mir jetzt in den allerschönsten Farben: wie ein märchenhaft viel, nämlich den Einbezug meines neutralen Lesergeistes in die Geschichte versprechender Reisebericht. Vielleicht - ich wagte diesen Gedanken kaum zu Ende zu denken - würde es ihm sogar gelingen, mich von meinem leeren Platz inmitten seiner Rheinsberger Bedeutungswelt herunterzuziehen, und wäre es auch nur für die kürzeste Zeit, und mich in irgendeiner vagen Konkretion vor den handelnden Personen aufleben zu lassen? Das waren schöne Erwartungen, und um mich ein bißchen länger darüber zu freuen, beschloß ich, die Gelegenheit, mit mir allein zu bleiben, etwas länger als üblich zu nutzen und in der Stadt Rheinsberg spazieren zu gehen. Aber in der realen.


Ein Stadtschreiber hinter Schloß und Riegel

"Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen", schreibt Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", "ist nicht leicht." Die Eisenbahn zieht sich auf sechs Meilen Entfernung daran vorüber und nur eine geschickt zu benutzende Verbindung "führt schließlich an das ersehnte Ziel." Nun, so ganz stimmig ist dieses Urteil heute sicherlich nicht mehr. Es gibt eine kleine Eisenbahn, in die man umsteigen kann und die, ihre Passagiere durch die schönsten Landschaften führend, direkt in das Städtchen hineinfährt. Sie wird ungefähr dieselbe sein, mit der Clairchen und Wölfchen seinerzeit nach Rheinsberg gekommen sind. Ich selbst wurde mit dem Auto hierher gebracht, so daß ich diese reale Zugverbindung nicht kennen kann. Nur ihre Schienen, die sie plötzlich aus den Wäldern an der Autostraße heraussteckt und neben den gen Rheinsberg rollenden LKWs und PKWs entlangziehen läßt, habe ich gesehen. Sie flimmerten in der Aprilsonne und sahen, weil sich weit und breit kein Zug zeigte, irgendwie verwaist aus. Sie waren, wenigstens in jenem Moment, also ebenfalls ein leerer Platz - eine leere Strecke.

Wie man sieht, läßt mich der Begriff nicht los. Er hat viel mit mir zu tun. Zu viel, würde ich sagen. In mein reales Leben, und nicht nur in meines, hat er Eingang gefunden, er quält mich nicht nur als Leser in den Buchweltbezirksgeschichten, sondern auch und noch viel mehr als Realperson. Das hier richtig auszuspinnen, würde die Gefahr heraufbeschwören, daß ich mich verzettele, daß ich zu Dingen komme, welche mit meiner Lesereise nichts mehr zu tun haben. Aber seine Ausläufer wird dieses Thema ganz bestimmt auch in der Zeit hervorbringen, in der ich im realen Rheinsberg bin und der Stadtschreiberpflicht nachkomme, die ich mir aufgeladen habe. Ich habe Grund, so pessimistisch zu sein, denn mein Leben in diesem Städtchen - in dem realen - hat leider genau so angefangen wie auf einem leeren Platz.

Als ich nämlich meine erste Nacht in der Stadtschreiberklause verbracht hatte, in einer hellen, geräumigen Stube, mit dem Nötigsten möbliert, nebst Badezimmer und Küche, sie liegt in dem sogenannten "Kavalierhaus" und hat zwei große Fenster, die da auf den Hof hinausgehen, und als ich also, frisch gebadet und rasiert, den Wunsch verspürte, einen kleinen Morgenspaziergang in meiner neuen Umgebung zu machen, stellte es sich heraus, daß ich eingeschlossen war. Die große Eingangstür des Kavalierhauses war zu und mit dem Schlüssel, den man mir gegeben hatte, nicht zu öffnen. Er ließ sich, weil sein Bart zu groß war, nicht in das Schloß einführen. Nach wildem Bemühen, den Ausgang zu erzwingen, mußte ich davon abstehen: Der Schlüssel, ein überdimensiertes Stück Eisen von einigem Gewicht, verweigerte mir hartnäckig den Dienst. Nun blieb mir nichts mehr übrig, als getrosten Mutes zu warten, bis jemand kam, der mir das verwünschte Haus aufschloß. Lang konnte das nicht dauern, denn der frühe Morgen war schon vorbei, und langsam mußte sich ja schließlich etwas um mich herum rühren. Ich überlegte, ob ich bis dahin nicht lieber in meine Schreibstube zurückgehen und eine Tasse Kaffee trinken sollte. Aber weil mich das Schweigen in dem Haus schon nervte und mein Posten an der Haustür wenigstens das Gute hatte, mir die Geräusche der Stadt durch das Schlüsselloch und durch die Ritzen in der Tür zu vermitteln, zog ich es doch vor, ihn nicht aufzugeben, begann aber nach einer Weile, nervös in dem großen Hausflur auf und abzugehen.

"Also, so was Blödes!" wiederholte ich einige Male laut und recht ärgerlich. Daß mein erster Tag in Rheinsberg einen so lächerlichen Anfang nehmen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Oder? Ich erstarrte plötzlich bei dem Gedanken, daß diese drollige Sache gerade im Rahmen meiner gesamten bisherigen Lebens- und Leseerfahrung durchaus vorstellbar war, daß sie sogar ganz ausgezeichnet in diesen Rahmen hineinpaßte. Mir wurde schwül, und ich warf zuerst einen mißtrauischen Blick auf die Tür der Galerie Zopf mit der Beschriftung "Keramik, Glas, Schmuck, Malerei", welche - wenn man das Kavalierhaus betritt - gleich zur linken Hand gelegen ist. Dann wandte ich mich der Tür des Touristeninformationsbüros zu, das dort der Galerie gegenüber liegt. Aus diesen Räumen kam kein Laut. Sie waren auch verschlossen. Da war offensichtlich niemand. Aber es gab doch sicherlich Bewohner in diesem Haus. Darauf deutete eine große, ausladende Treppe hin, die im Hintergrund des Hausflurs nach oben führte. Ich schritt schnell die knarrenden Stiegen hoch und stand vor einer Wohnungstür. Ein Familienname, darunter eine Klingel. Ich drückte auf den Knopf. Erst zaghaft, dann energischer, schließlich gebieterisch. Nichts. Also doch! Ich hatte es ja gewußt! Das Kavalierhaus war leer - ein leerer Platz.


Mit freundlicher Genehmigung des Verbrecher Verlages

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